Seelsorge

Mit Worten und Gedanken sehen

Vor dem barocken Seitenaltar sitzt Andreas Malatyali mit der Simulationsbrille.

Kunstlehrer Andreas Malatyali trägt selbst eine Simulationsbrille, bevor er den barocken Nepomuk-Altar erklärt - Foto: DRS/Waggershauser

Bei einer Kapellenführung in Ertingen simulierten spezielle Brillen eine Sehbehinderung und verhalfen zu neuen Erkenntnissen.

Die Frau mit gelber Armbinde und drei schwarzen Punkten darauf bewegt sich mit einem Gehstock vorwärts. Dann bleibt sie plötzlich stehen, zückt das Handy und wischt lesend darauf hin und her. Monika Schaufler hat diese Szene am Donnerstagabend in der Ertinger Marienkapelle nachgespielt und fragte, was andere sich wohl dabei denken. "Die simuliert nur", kam die Antwort prompt. Eine weitere Teilnehmerin der ungewöhnlichen Kapellenführung stellte fest, dass es sich da wohl um den Tunnelblick handelt. "Das ist, wie wenn Sie eine Faust machen, vors Auge halten und nur an einem kleinen Punkt durchsehen", erklärte Schaufler.

Die Seelsorgerin für Blinde und Sehbehinderte in der Diözese Rottenburg-Stuttgart hatte auch für die altersbedingte Makuladegeneration ein anschauliches Bild. Eine runde Pappscheibe vor dem Gesicht symbolisierte den blinden Fleck, der bei Betroffenen immer größer werde. Sie wirkten arrogant, weil sie nur an den Rändern sähen, jedoch die Personen, die sie anschauten, nicht erkennen könnten. Da die Probleme in der Regel im Alter zunähmen und die Bevölkerung immer betagter würde, gäbe es immer mehr Menschen mit diesen Einschränkungen. "Unser Auge hält im Schnitt 80 Jahre", gibt Schaufler zu bedenken.

Mit zehn Prozent sieht man fast gar nichts

Da der bundesweite Sehbehindertentag am 6. Juni dieses Jahr auf den Pfingstmontag fiel, erweiterten der deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband sowie die kirchlichen Akteure in diesem Bereich den Gedenktag auf den ganzen Monat Juni. Um sehenden Menschen die Einschränkungen anschaulich zu machen, wählte Schaufler für die Diözese das barocke Kleinod in ihrem Wohnort Ertingen und verteilte Pappbrillen mit Folien, die eine zehnprozentige Sehkraft simulierten. "Man sieht eigentlich fast gar nichts, nimmt nur hell und dunkel sowie Farbe wahr", beschrieb Veronika Gotterbarm ihren Eindruck beim Aufsetzen der Brille.

Für Andreas Malatyali, Kunstlehrer und gewählter Vorsitzender des örtlichen Kirchengemeinderates, den Schaufler als Kapellenführer gewinnen konnte, war es eine große Herausforderung, die barocke Bilderwelt nur mit Worten zu beschreiben. Er beschränkte sich auf den Nepomukaltar und begann mit dem dreidimensionalen Aufbau. Um ihn im wörtlichen Sinne begreifbar zu machen, gab der Referent den Zuhörerinnen und Zuhörern einen aus Papier ausgeschnittenen Aufriss des Seitenaltars zum Betasten in die Hand. Dann unterteilte Malatyali das Altargemälde gedanklich in verschiedene Abschnitte und versuchte dessen Dynamik in Sprache zu übersetzen.

Bekanntes mit neuen Augen sehen

"Das Bild zeigt viel mehr, als wir sehen", stellte Richard Neubrand am Ende der Führung erstaunt fest. Obwohl er die Darstellung des heiligen Nepomuk schon lange kennt, entdeckte er an diesem Abend  viele neue Details und Hintergründe. Er war aber froh, dass er nicht nur auf seine Vorstellungskraft angewiesen blieb, sondern die Brille wieder abnehmen und das eigene Bild mit dem Original abgleichen konnte. Das Eintauchen in die Welt der Sehbehinderten bereut Neubrand trotzdem nicht. "Das kannte ich so noch nicht, das war wirklich ein großes Erlebnis."

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