Am 19. November 2005 starb der emeritierte Professor Alfons Auer in Tübingen. Der Priester hatte sich vor allem mit seinem Buch „Autonome Moral und christlicher Glaube“ über Theologenkreise hinaus einen Namen gemacht. 1915 in Schönebürg bei Schwendi im früheren Dekanat Laupheim geboren, wurde der Professor für christliche Ethik bei der Zusammenlegung von vier Dekanaten Anfang 2007 zur Identifikationsfigur des neuen Dekanats Biberach. Dekan Stefan Ruf erinnerte vor dem Gedenkgottesdienst zum 20. Todestag am Donnerstagabend in der Wallfahrtskirche auf dem Bussen an die Heimatverbundenheit des Theologen, der immer wieder zu Fortbildungen und Predigtreihen in die Region gekommen sei.
Moral ist vernünftig
Pfarrer Dr. Thomas Amann von der Seelsorgeeinheit St. Scholastika bei Ochsenhausen erlebte Alfons Auer während seiner Studienzeit und schrieb bei ihm seine Diplomarbeit. „Er war ein sehr offener und auch streitbarer Mensch, aber nie unversöhnlich“, beschrieb er ihn. Vor Auer sei in der Kirche das Denken vorherrschend gewesen, dass der Mensch die vorgegebenen göttlichen Grundprinzipien umsetzen müsse, um moralisch gut zu leben. Die von Auer vertretene autonome Moral gehe dagegen davon aus: „Der Mensch kann von seinem Verstand her die Dinge der Welt selbst erkennen“, erläutert Amann. Da der Mensch aber nicht vollkommen, also sündig sei, brauche es die Orientierung am Glauben. Die Gewissensentscheidung des einzelnen Menschen sei aber immer die letzte Instanz.
Verständnis wecken statt Strafe
Was das in herausfordernden Zeiten wie heute bedeuten kann, zeigte Pater Alfred Tönnis in seiner Predigt am biblischen Beispiel. Als die Jünger Jesus in ihrem Boot weckten, weil sie in einen Wirbelsturm geraten waren, und ihn um Hilfe baten, seien laut Bibel weitere Boote mit ihnen auf dem See gewesen. Jesus gebot dem Wind Einhalt. „Auch die Boote werden gerettet, in denen Jesus nicht ist“, betonte der Bussenpfarrer. Durch die Vernunft könnten Menschen außerhalb der Kirche ebenfalls erkennen, was gut und verantwortungsvoll ist. Gesetze und Regeln seien wichtig - auch in der Kirche. Aber im Sinne der autonomen Moral sei nicht Bestrafung allein die richtige Antwort auf Fehlverhalten. Es gehe darum Verständnis zu wecken, weshalb es nicht gut sei, wenn andere dadurch geschädigt würden.
Von Auers Bescheidenheit berichtete Pfarrer Martin Ziellenbach, zu dessen Seelsorgeeinheit Schönebürg gehört. Der Professor lehnte große Feiern - etwa zu seinem Priesterjubiläum - ab und wählte als letzte Ruhestätte das Grab seiner Familie. „Das muss man richtig suchen“, weiß Ziellenbach, der stellvertretender Dekan ist. In den Jahren nach dem Tod des Professors wurde das Gebäude mit den Dienststellen des Dekanatsverbands in der Biberacher Kolpingstraße fertiggestellt und die Dekanate Laupheim, Ochsenhausen, Riedlingen und Biberach gingen im neuen Dekanat Biberach auf. "Als Sohn des Landkreises und als großer Theologe hatte Auer eine hohe Identifikation", erklärt Ziellenbach, weshalb das Dekanatsgebäude seinen Namen erhielt.
Zur Person Alfons Auer
Alfons Auer war katholischer Theologe und Priester. Er wurde 1915 in Schönebürg bei Schwendi geboren. 1939 wurde er in Rottenburg zum Priester geweiht. Er war als Repetent im Wilhelmsstift und als Studentenseelsorger in Tübingen tätig. Von 1951 bis 1953 war Auer Gründungsdirektor der katholischen Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Elf Jahre wirkte er als Professor für Moraltheologie in Würzburg und dann bis zu seiner Emeritierung 1980 an der Universität Tübingen. 2005 ist Auer gestorben und wurde in seinem Heimatort Schönebürg beigesetzt. Auers Buch mit dem Titel „Autonome Moral und christlicher Glaube“ ist ein Standardwerk der modernen Moraltheologie geworden. Er beschäftigt sich darin mit der Frage, wie der christliche Glaube in ethischen Überlegungen und im Handeln der Menschen zum Tragen kommt. Auer war ferner in den 1960er Jahren Mitglied in der Päpstlichen Kommission zur Familienplanung, deren Ergebnis Paul VI in die Enzyklika „Humanae Vitae“ allerdings kaum übernahm. Die Universitäten Frankfurt und Wien verliehen Auer die Ehrendoktorwürde. Als Emeritus blieb Auer weiterhin als Autor (z.B. Buch zur Umweltethik, 1985), Vortragsredner oder Prediger tätig. Sein Werk krönte er mit einem Buch über „Geglücktes Altern“ (1993). In Auers Arbeiten waren die Freiheit der Vernunft und die für eine von Glaubensvorgaben unabhängige Moral stets ein Thema.
Vita Alfons Auers auf der Webseite des Dekanats Biberach








