Interview

Mord jährt sich zum 100. Mal

Eine wissenschaftliche Tagung zu Matthias Erzberger erinnert am 20. März an den in der Weimarer Zeit von Rechtsnationalen ermordeten Politiker.

Christopher Dowe vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg und Maria E. Gründig vom Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart sprechen im Interview über den Wert des Erinnerns an den katholischen Zentrumspolitiker und weshalb sie die Tagung initiiert haben.

Herr Dowe, was gab den Anlass für die Tagung im Haus der Geschichte, die wegen der Coronapandemie nun als Digitalveranstaltung stattfinden muss?

Christopher Dowe: Matthias Erzberger wurde vor hundert Jahren ermordet. Der württembergische Zentrumspolitiker war ein Wegbereiter deutscher Demokratie. Er machte im Sommer 1921 noch einige Tage Urlaub in Bad Griesbach im Schwarzwald, um von dort aus nach Frankfurt zum ersten Nachkriegskatholikentag zu fahren. Am 26. August 1921 ermordeten ihn zwei ehemalige Offiziere und Angehörige einer rechten antirepublikanischen Geheimorganisation.

Welche anderen Veranstaltungen können in diesem Gedenkjahr denn landesweit überhaupt stattfinden?

Christopher Dowe: In diesem Jahr sollen an zahlreichen Orten in ganz Baden-Württemberg von Wertheim im Norden bis nach Oberschwaben im Süden Vorträge, Schulprojekte, Studientage und Podiumsdiskussionen stattfinden. In der Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen wird es natürlich auch eine Reihe von Veranstaltungen gegeben. Viele engagieren sich an vielen Orten im Land. Angesichts der Pandemiesituation kann es kurzfristige Änderungen geben. Einen aktuellen Überblick über alle Veranstaltungen bietet das Haus der Geschichte Baden-Württemberg online unter www.erzberger-jahr-2021.de.

Maria E. Gründig: Matthias Erzberger ist bis zum heutigen Tag – besonders in Oberschwaben – im Gedächtnis der Menschen. Dies zeigen nicht zuletzt die Anmeldungen, die aktuell für unsere Tagung am 20. März eingehen. In Biberach, wo Erzberger überaus populär war und auch begraben liegt, findet eine Gedenkveranstaltung mit Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble statt. Am selben Tag wird in Bad-Peterstal-Griesbach – dem Ort der Ermordung – mit einem ökumenischen Gottesdienst an Erzberger erinnert.

Worum wird es in der Stuttgarter Tagung gehen?

Maria E. Gründig: Wir zeigen auf, dass Matthias Erzberger ein wichtiger katholischer Wegbereiter deutscher Demokratie war, indem er Einfluss auf die Entwicklung demokratischer Denkstrukturen genommen hat, auch wenn er bei seinen Aktionen auf teils starken Widerstand – selbst in den eigenen konfessionellen Reihen – gestoßen ist. Sein Engagement kann heute beispielgebend sein, wenn es darum geht, die von ihm geforderte und geförderte Politik weiterzuführen, die auf christlich-humanistischen Werten aufbaut.

Christopher Dowe: Erzberger war einer der meist gehassten Politiker seiner Zeit. Warum er so polarisierte und welche tiefen gesellschaftlichen Verwerfungen beim Übergang vom obrigkeitsstaatlichen Kaiserreich zur Weimarer Demokratie sein politisches Wirken beeinflussten, wollen wir mit unserer Tagung in den Blick nehmen.

Welche Ergebnisse erwarten Sie sich?

Maria E. Gründig: Ich erhoffe mir, dass das Erinnern an Erzberger uns wieder bewusster macht, wie steinig der Weg war, um unser heutiges politisches und gesellschaftliches System zu entwickeln – und wie wertvoll es trotz aller Mängel ist. Wir besitzen damit ein werteorientiertes System, um das Erzberger zeitlebens gekämpft hat und um das zu kämpfen sich auch heute lohnt. Die Ergebnisse und Erkenntnisse unserer Tagung wird der Geschichtsverein in einer Sonderpublikation veröffentlichen.

Christopher Dowe: Ich verspreche mir von der Tagung, dass die Vorträge die damaligen gesellschaftlichen Echokammern des Hasses auf Erzberger und die Weimarer Republik ausleuchten und so deutlich wird, wie schwer es Demokraten und die Demokratie in Deutschland hatten.

Frau Gründig, wie kam es zur Kooperation mit dem Haus der Geschichte?

Maria E. Gründig: Es gibt eine lange Tradition in unserer Diözese, an Erzberger zu erinnern. Auch wir als Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart beschäftigen uns seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit Erzberger. Die Zusammenarbeit mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg bot sich seit 2000 in neuer Weise an, als mit der Umgestaltung des Erzberger’schen Elternhauses in Buttenhausen durch das Haus der Geschichte ein neuer Ort des Erinnerns in greifbare Nähe rückte. Mit dem Kurator des Erzberger-Hauses, Christopher Dowe, sind wir seitdem in engem Kontakt. 2002 unterstützte uns das Haus der Geschichte bei unserer Tagung zu Erzberger in Buttenhausen und 2011 führten wir unsere gemeinsame Abendveranstaltung zu Erzberger durch. Dass wir nun erneut unsere Kräfte bündeln und eine wissenschaftliche Tagung durchführen, belegt die hohe gegenseitige Wertschätzung unserer beider Institutionen.

Bei der Erinnerung an Erzberger fällt vielen zuerst seine Rolle bei den Verhandlungen zur Beendigung des Ersten Weltkriegs ein. Wird das Erzberger gerecht?

Christopher Dowe: Erzberger war ein ungemein vielseitiger Politiker. Während des Kaiserreiches trat Erzberger für mehr Rechte des Parlaments ein und kritisierte den Obrigkeitsstaat. Erzberger war einer der Gründerväter der Weimarer Koalition aus katholischer Zentrumspartei, Sozialdemokraten und Liberalen. Mit seiner Reichsfinanzreform schuf er 1919/20 die fiskalische Grundlage für die erste deutsche Demokratie und schuf Strukturen, die bis heute bestehen. Erzberger ist also nicht auf seine Rolle bei Waffenstillstand und Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg zu reduzieren.  

Maria E. Gründig: Bis heute ist seine wissenschaftliche Arbeit von 1902 über die Säkularisation in Württemberg von 1802 bis 1810 wichtigste Grundlage für jede Forschung zu diesem Thema. In seiner Arbeit hielt der damals 27-Jährige fest, welchen Umfang die Enteignung klösterlichen Besitzes hatte und wie sich die Aufhebung der Klöster finanziell auswirkte. Es ist außerdem wenig bekannt, dass Erzberger als Arbeitersekretär Dienstboteninnen und Dienstboten, sowie Arbeiter- und Bauernfamilien in vielen juristischen Bereichen beraten hat. Soziale Verantwortung und religiöses Anliegen gehörten bei ihm zusammen. Dies zeigte sich auch bei der Gründung interkonfessioneller christlicher Gewerkschaften, die er mit viel Energie vorantrieb und ebenfalls in seinem Bemühen für einen sozialreformerischen Kurs der Zentrumpartei.

Welche Bedeutung messen Sie Matthias Erzberger zu?

Maria E. Gründig: Für mich ist Erzberger ein herausragendes Beispiel für einen Katholiken, der die Schwierigkeiten und Bedürfnisse des ‚einfachen Volkes‘ kennt und sich für die Lösung ihrer Probleme einsetzt – unter Hintansetzung eigener Bedürfnisse. In überaus schwieriger Zeit übernahm er für sie und alle Deutschen Verantwortung. Damit wurde er seinen Ansprüchen gerecht, ein guter katholischer Christ und guter Demokrat zu sein.

Christopher Dowe: Erzberger war einer der wichtigsten deutschen Politiker beim Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Demokratie.

Was kann uns sein Leben heute noch sagen?

Christopher Dowe: Ein Blick auf Erzbergers politisches Wirken kann uns heute dafür sensibilisieren, wie wichtig es ist, für Demokratie einzutreten und demokratische Werte zu leben. Darüber hinaus zeigt Erzbergers Schicksal, wie gleitend die Übergänge von populistischer Hetze über eine Dehumanisierung des politischen Gegners hin zum politischen Mord sind. Eine solche Gefährdung der Demokratie ist leider immer noch aktuell, wie etwa die Ermordung Walter Lübckes zeigt.

Maria E. Gründig: Beim erneuten Studium der Literatur zu Erzberger fiel mir auf, wie sehr sich manche Schwierigkeiten in der Weimarer und in der heutigen bundesrepublikanischen Politik ähneln: Damals wie heute ist die Demokratie in Gefahr und mutige Verfechter einer menschlichen Politik sind gefährdet an Leib und Leben. Damals wie heute ist es wesentlich, dass wir uns für unsere Werte – im religiösen wie politischen Leben – einsetzen und nicht Demagogen folgen.