Kirchenmusik

Wenn „Mona Lisa" musikalisch um die Ecke blinzelt

Wo Kirchenmusik die Herzen erhebt - wie hier in Obermarchtal -, rückt der Himmel ein Stück näher. Gregor Simon ist Kustos der großartigen Holzhey-Orgel. Foto: drs/Jerabek

Gläubiger Musiker aus (Frei)Berufung: Seit zehn Jahren ist Gregor Simon Kustos der Holzhey-Orgel in Obermarchtal, einer der besten Orgeln Europas.

Woher kommt die viele Luft, damit die Orgel überhaupt klingt? Wie funktioniert die Mechanik? Und seit wann gibt es eigentlich Orgeln? Ein gutes Dutzend Augenpaare hängt an den Lippen von Gregor Simon und scannt jede Bewegung, wenn er bei einer Orgelführung Fragen beantwortet, Anekdoten aus Instrumentenbau- und Kirchengeschichte erzähltund die kaum sichtbaren Türen im rötlich marmorierten Gehäuse der Orgel öffnet, um die Geheimnisse des Innenlebens der „Königin der Instrumente" zu offenbaren. Hälse werden länger und rücken näher zusammen, um die riesige Zahl von Pfeifen aus Holz und Metall und den komplizierten Mechanismus drumherum in Augenschein zu nehmen.

Dann nimmt Simon am Spieltisch der Orgel Platz und führt die verschiedenen Registervor. „Der Klang von Orgelpfeifen kann ein 'Antlitz' haben – oder er ist charakterarm und ermüdet alsbald. Hier sind die Register, etwa die Trompete, die Gambe, die Flauto Traverso tatsächlich so gestaltet, dass sie singen und wie für diesen Raum geschaffen sind", schwärmt der Musiker. „Es ist eine Freude, das zu entdecken und zum Klingen zu bringen. Und das überträgt sich auf die Zuhörer."

Eine „leicht erkältete Tenorstimme"

Wenn Gregor Simon Manuale und Pedale erklärt, von missglückten Restaurierungen an sich vollendeter Orgeln berichtet, bei denen die Pfeifen ummodelliert wurden, um sie dem Geschmack der Zeit anzupassen, und dann fragt, ob nicht jeder Versuch, das berühmte Bild der „Mona Lisa" zu „verbessern", genauso kläglich scheitern müsse, hat er die volle Aufmerksamkeit seiner Besuchergruppe. Hie und da graben sich Daumen und Zeigefinger in die Wangen der gebannten Zuhörerinnen und Zuhörer, immer wieder abgelöst von einem Schmunzeln, etwa wenn Simon das Register der „Vox humana" mit einer leicht erkälteten Tenorstimme vergleicht. Und gerne gibt er auch Zeugnis davon, wie Glaube und Musik zusammenhängen: „Wenn ich mit Hingabe ein Instrumental- oder Chorstück erarbeite und vortrage und dabei versuche, neben der Bewältigung der technischen Herausforderungen den Geist oder die 'Botschaft' dahinter zum Klingen zu bringen, kann ich den Zuhörer damit anrühren. Gerade bei der Kirchenmusik kann man es hören, wenn jemand von dem, wovon er musiziert, auch innerlich erfüllt ist."

Ein bisschen mehr Zeit für die Musik

Gregor Simon hat Kirchenmusik (A) in Saarbrücken und München sowie Musiktheorie und Gehörbildung in Detmold studiert. Vier Jahre war er Dekanatskantor in Stuttgart, zehn Jahre hauptamtlicher Kirchenmusiker in Laupheim und Dekanatskantor in Ochsenhausen-Illertal. Seit zehn Jahren ist der 53-jährige Oberschwabe als freiberuflicher Organist, Chorleiter und Komponist tätig. Mehrere seiner Kompositionen wurden mit Preisen ausgezeichnet. Seine Kantate „Im Spiegel der Zeiten" konzertierten soeben erst der Kammerchor und die Hofkapelle Stuttgart unter Leitung von Frieder Bernius.

„Ich brauch‘ einfach ein bisschen mehr Zeit für die Musik", habe er gesagt, als er seine feste Stelle als Dekanatskantor aufgab. Bei einer hauptamtlichen Kirchenmusikstelle gäbe es enorm viel Organisations-, Sitzungs- und Büroarbeit. „Ich hatte damals Mühe, eine Stunde am Tag an die Orgel zum Üben zu kommen", erinnert er sich. „Dabei ist das doch das, wofür man Musiker ist."

Hier Organist zu sein, das wäre schön…

Kurz nach Bekanntgabe seines Schrittes in die Freiberuflichkeit kam die Anfrage aus Rottenburg, ob Simon die soeben fertig restaurierte Obermarchtaler Holzhey-Orgel betreuen könnte – just jenes Instrument, das er Jahre zuvor einmal besucht und dabei gedacht hatte: Hier Organist zu sein, das wäre schön… „Ich erlebe das immer stärker, dass wir Kinder Gottes sind und dass wir die entscheidenden Dinge gar nicht selber planen können", sagt Simon im Rückblick auf diese schöne Fügung.

Als Kustos (lateinisch für „Wächter") pflegt und wartet Gregor Simon seither das Instrument, bietet Führungen und Konzerte an. Außerdem ist er künstlerischer Leiter einer etablierten Konzertreihe, der Obermarchtaler Münsterkonzerte, deren Höhepunkt der „Internationale Orgelseptember Obermarchtal" ist.

Musikalischer Leuchtturm

Dankbar und auch ein bisschen stolz ist Simon, dass die Obermarchtaler Konzertreihe inzwischen eine „Leuchtturmfunktion" in Oberschwaben erreicht hat: „Der Alb-Donau-Kreis feiert sein 50-jähriges Bestehen unter anderem dadurch, dass er die Reihe dafür ausersehen hat, sie als Exklusiv-Sponsor zu unterstützen", freut er sich. Beim größten Konzert, das in diesem Jahr stattfindet, am 6. Mai, werden große Teile des Kreisrates anwesend sein, um Mozarts Große Messe in c-Moll zu hören.

„An meiner Berufung hat sich mit der Freiberuflichkeit nichts verändert", sagt der vielseitige Musiker, der auch zwei Chöre leitet und eine Reihe Orgelschüler unterrichtet: „Ich bin nach wie vor ein gläubiger Musiker und ein musikalischer Gläubiger." Letztlich gehe es bei der Musik um einen Ausdruck der Seele und bei Kirchenmusik vor allem um das Lob Gottes und die Erhebung der Herzen.

Obermarchtaler Münsterkonzerte

Oratorisches Konzert am Samstag, 6. Mai 2023, 18 Uhr, im Münster in Obermarchtal. Der Konzertchor Oberschwaben, die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben und namhafte Solisten bringen Wolfgang Amadeus Mozarts „Große Messe in c-Moll" und Johann Sebastian Bachs frohgemute Kantate „Du Hirte Israel, höre" zu Gehör. Leitung: Gregor Simon. Kartenvorverkauf über Reservix: https://www.reservix.de/veranstaltungskalender?q=Obermarchtal und an der Abendkasse (ab 17.15 Uhr).

Weitere Konzerte:
Pfingstmontag, 29. Mai, 17 Uhr: „Barockes Trompetenkonzert“. Trompete: Hermann Ulmschneider (Bad Wurzach), Orgel: Gregor Simon (Obermarchtal).

Sonntag, 25. Juni, 17 Uhr: „Junge Stimmen, die verzaubern". Neuer Kammerchor Heidenheim. Leitung: Thomas Kammel.

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