Geschichte

Nachricht aus der Vergangenheit

Zeitkapsel aus der Bergkirche Laudenbach

Pfarrer Burkhard Keck sowie Julia Tauber und Jochen Ansel vom Landesamt für Denkmalpflege begutachten die Objekte aus der Zeitkapsel. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/ Arkadius Guzy

Öffnung der Zeitkapsel

Restauratorin Julia Tauber öffnet unter den Blicken der Madonna die Zeitkapsel mit einer Goldschmiedesäge. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/ Arkadius Guzy

Die Zeitkapsel vom Turm der Bergkirche Laudenbach gibt im Landesamt für Denkmalpflege ihr Geheimnis preis.

Mit einer Goldschmiedesäge schneidet Julia Tauber die Lötstelle am Deckel eines etwa 30 bis 40 Zentimeter langen, kupfernen Zylinders. Sie habe sich für diese Methode entschieden, um das Behältnis zerstörungsfrei öffnen zu können, erklärt die Restauratorin. Hitze zum Lösen der Lötverbindung wäre zu riskant für die Gegenstände im Inneren. Während Tauber in der Werkstatt des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, am Dienstsitz der Zentrale in Esslingen, die feine Säge hin- und herbewegt, schaut ihr nicht nur die Blechmadonna der Laudenbacher Bergkirche über die Schultern. Auch Pfarrer Burkhard Keck und Kirchengemeinderatsmitglied Harald Stuka sowie weitere Kolleginnen und Kollegen aus dem Landesamt verfolgen die Arbeit mit Neugier.

Der Kupferzylinder ist eine Zeitkapsel. Im vergangenen Dezember wurde sie zusammen mit der Madonna und der Turmkugel von der Spitze der Bergkirche geholt, um im Landesamt untersucht und restauriert zu werden. Auf einem Röntgen-Foto, das im Landesamt aufgenommen wurde, ist zu erkennen, dass in der Kapsel Münzen und Kreuzanhänger stecken müssen – und ein weiterer Behälter. „Die Öffnung einer Zeitkapsel erlebe ich als Pfarrer wahrscheinlich nur einmal“, sagt Keck. Es sei spannend zu erfahren, was die Altvorderen hineingelegt hätten.

Zerbröselte Seiten

Nachdem Tauber den Deckel abgenommen und den oben offenen Zylinder auf dem Arbeitstisch abgestellt hat, darf Keck mit weißen Handschuhen hineingreifen. Zum Vorschein kommen: ein kompletter Satz D-Mark-Münzen, Kreuzanhänger, ein Kreuzpartikel, eine historische Münze, ein Plastiktütchen und ein mit Siegellack verschlossener Messzylinder aus Glas.

Die Beteiligten begutachten die Artefakte. Die Kreuzanhänger sind stark korrodiert. In dem Plastiktütchen finden sich Buchseiten, die weitgehend zerbröselt sind – Seiten aus einem Gesangbuch oder Evangeliar, vermutet Pfarrer Keck. Tauber entdeckt Fragmente eines Siegels und eine winzige Perle.

Die D-Mark-Münzen – eine trägt das Prägejahr 1965 – bestätigen die bisherigen Erkenntnisse zur Turmzier der Laudenbacher Bergkirche. Denn im Jahr 1967 war die Madonna schon einmal vom Turm geholt worden. Stuka hat es damals miterlebt, als neunjähriger Ministrant, wie er erzählt. Der heute 64-Jährige wollte daher beim Termin im Landesamt mit dabei sein.

Münze bestätigt die Recherche

Bei der damaligen Restaurierung bekam die Madonna eine völlig neue Bemalung. Ursprünglich stammt sie aus dem Jahr 1642. Das hat Mimi Reisinger recherchiert. Sie beschäftigt sich in einer Projektarbeit für ihr Masterstudium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart mit der Turmzier der Bergkirche. Dass ein Würzburger Kupferschmied und ein Würzburger Maler die Madonna angefertigt hatten, hat die Studentin ebenso herausgefunden.

Die historische Münze aus der Zeitkapsel belegt das Ergebnis der Nachforschungen: Auf ihr ist die Jahreszahl 1636 zu erkennen.

Dokumente erzählen aus der Geschichte

Nach Durchsicht aller Objekte zieht das gläserne Messgefäß die Aufmerksamkeit auf sich. Solche Messgefäße habe er mal zuhauf bei der Weingärtner-Genossenschaft gesehen, sagt Stuka. Durch die Zylinderwand scheint ein Dokument durch. Nach dem Öffnen des versiegelten Korkens ist klar: Es sind zwei Dokumente – eines aus Papier und eines aus Pergament. Der Pfarrer darf sie nacheinander entrollen und vorlesen. Mit Verweis auf das Datum 1642 heißt es in einem, dass der Turm von neuem „bedachet“ sei.

Das zweite Dokument liefert dann endgültig Aufschluss. Es stammt aus dem Jahr der letzten Öffnung, also von 1967. Es schildert zunächst die damaligen politisch-gesellschaftlichen Umstände. Keck gibt exemplarisch eine Stelle wieder: „Die Weltraumforschung wurde von Ost und West vorangetrieben.“ Dann beschreibt der Text den Inhalt der Zeitkapsel. Er nennt die Abschrift einer Urkunde aus dem Jahr 1642 und weitere geborgene Überreste aus eben diesem Jahr. Der Text erwähnt zum Beispiel die Kreuzanhänger – ein spanisches Kreuz, ein Ulrichskreuz –, die Münze aus dem Jahr 1636, eine Perle, ein zerbrochenes Siegel und einen Johannesprolog. Auch der Satz D-Mark-Münzen, darunter unter anderem eine Adenauer-Gedenkmünze in Silber, als neueste Beigabe sind erfasst. Der Text listet zudem lokale Persönlichkeiten aus den 1960er Jahren auf.

Neuer Inhalt für die Zeitkapsel

Tauber will die korrodierten Kreuzanhänger reinigen. Die Zeitkapsel soll auch künftig auf dem Turm der Bergkirche die Zeitläufte überdauern. Aber erst ab dem kommenden Jahr, wenn die Madonna irgendwann mitsamt der Turmkugel auf die Spitze zurückkehrt. Bis dahin soll die Madonna erst noch im Landesamt aufgearbeitet werden. Nach der Voruntersuchung und der Kartierung der Schäden werden Musterflächen angelegt, die die Behandlungsmöglichkeiten demonstrieren. Danach wird über die weitere Vorgehensweise entschieden.

Pfarrer Keck will dann seinerseits Zeitzeugnisse für die Nachwelt in die Zeitkapsel stecken, wie er ankündigt: eine kurze Einordnung der Zeitumstände, einen Abriss der aktuellen Renovierungsarbeiten an der Bergkirche und einen Satz Euro-Münzen.

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