Bischof

"Neue Hoffnung und Zuversicht"

Die Neujahrsansprache 2022: "Ich bin dankbar für so viele Menschen, die für andere einfach da waren und da sind, wo sie gebraucht werden."

Schon zum zweiten Mal liegt ein beispielloses Corona-Jahr hinter uns. Seit Beginn der Pandemie vor fast zwei Jahren begleitet uns alle ein Auf und Ab von Stimmungen, von Sorgen, von neuen Hoffnungen und wieder schweren Enttäuschungen und von neuen Ängsten. Bittere Erfahrungen von Zerrissenheit bis hinein in den eigenen, oft sehr persönlichen Bekanntenkreis bleiben uns nicht erspart. Bei all dem, was geschehen ist, fällt es mir nicht leicht mit Dankbarkeit zurückzublicken.

Aber auf eines schaue ich doch dankbar zurück. Ich bin dankbar für so viele Menschen, die für andere einfach da waren und da sind, wo sie gebraucht werden: in helfenden Berufen oder im persönlichen Handeln. Ich danke Ihnen, liebe Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, für die Zuwendung, die Sie den Ihnen anvertrauten Menschen,  Ihren Familien, Ihren Bekannten und Nachbarn entgegenbringen. Besonders möchte ich auch unseren Seelsorgern und Seelsorgerinnen für ihren vielfältigen Dienst danken.  Allen, die einsam Gewordene in ihrer Einsamkeit nicht alleine lassen, allen, die Kranke begleiten und für ihre Genesung arbeiten, Ihnen allen gilt mein und unser aller besonderer Dank. – Sie alle leben so Christsein im Alltag.

Wir erfahren in dieser schweren, weltweiten Pandemie, dass wir mehr als auf alles andere aufeinander angewiesen sind: auf Beziehungen und Begegnungen. Sie tragen uns im Leben und geben uns mehr Halt als alles andere. Liebe heißt das große Wort dafür!

Liebe Schwestern und Brüder, auch im kirchlichen Leben mussten und müssen wir immer noch viele Einschränkungen auf uns nehmen. Besonders schmerzlich trifft das die Gottesdienste und die Spendung der Sakramente.  Dass dabei die Auflagen und Hygienevorschriften zur Vermeidung von Ansteckungen mit dem Coronavirus gut eingehalten wurden, bin ich sehr dankbar. Seit März 2020 bis Ende 2021 fanden in unserer Diözese Rottenburg-Stuttgart mehr als 250.000 liturgische Feiern statt: Eucharistiefeiern, Wort-Gottes-feiern, Taufen, Erstkommunionfeien, Firmungen, Trauungen, Beerdigungsfeiern, Andachten… Rechnen wir pro liturgischer Feier mit durchschnittlich 40 Teilnehmern, so ergibt das über 10 Millionen Begegnungen. Bei keiner einzigen liturgischen Feier gab es eine Coronavirusinfektion. Dies, liebe Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder, ist der Beitrag unserer Ortskirche zur Bekämpfung der Pandemie. Wir alle können froh darüber sein, dass uns das gelungen ist. Allen, die sich eingesetzt haben, dass diese Gottesdienste stattfinden und besucht werden konnten, allen, die verständnisvoll und achtsam waren, gilt unser aller besonderer Dank. 

Trotzdem: Bei all dem, was die Coronazeit uns an Einsamkeit, Krankheit und Tod zumutet, fragen gläubige Menschen auch: Warum hat das alles so kommen müssen? Warum mutet Gott uns das alles zu? Wo ist Er denn?  - Und es kommen ja noch die schlimmen Ereignisse und Krisen in unserer Kirche dazu, die uns so sehr belasten! Der Missbrauch von Kindern, Missbrauch von Macht, die selbstherrliche Verweigerung von Reformen, die Unfähigkeit schlimme Situationen konstruktiv zu meistern.

Liebe Schwestern und Brüder! Es ist für uns alle nicht einfach, damit umzugehen. Wir brauchen eine nachhaltige Erneuerung der Kirche. Aber nicht nur eine Erneuerung von Strukturen, sondern auch eine geistliche Erneuerung unserer Herzen! Und zwar Erneuerung von dem her, der die Mitte unserer Kirche ist: Erneuerung von Jesus Christus her. Auf ihn wollen wir schauen, er kann uns Orientierung und Kraft geben. Der Geist Gottes möge uns leiten.

Wir erleben in Gesellschaft und Kirche wirklich stürmische, beängstigenden Zeiten.

Sie alle kennen vermutlich aus den Evangelien des Neuen Testamentes die Erzählung vom Sturm auf dem See (Mk 4,35-41). Mich persönlich spricht diese biblische Szene in diesen Tagen besonders an und nimmt mich auch in meinem Dienst als Bischof in Verantwortung. Manchmal ist es ein Bild, ein „Narrativ“, wie wir heute zu sagen pflegen, das uns die Situation, in der wir leben, besser deutet als Worte allein. 

Das Bild des Echternacher Evangeliarzum Beispiel erzählt vom Sturm auf dem Meer nicht nur als einem historischen Faktum. Der Sturm auf dem Meer ist im Evangelium bildhafter Ausdruck, wie die junge Christenheit in stürmischen Zeiten ums Überleben kämpft. [...] Die Jünger Jesu sitzen mit Jesus im Boot. Das Boot und die Menschen darin sind in einen heftigen Wirbelsturm geraten. Sie haben Angst unterzugehen. Ein sehr symbolisches Bild. Kein Bild, das einfach ein historisches Ereignis abbildet. Hier wird bildhaft die Situation der noch jungen Kirche in Szene gesetzt. Jesus – gekennzeichnet durch den Nimbus -  ist eigenartiger Weise zweimal auf dem Bild. Links im Bild schläft er mitten auf dem stürmischen Meer. – Ein Jünger drückt mit seiner Geste aus, was wir auch heute fragen: „Meister, kümmert es dich in diesem bedrohlichen Sturm nicht, dass wir zugrunde gehen?“ – „Wo bist Du, Jesus, mit deinem Beistand, dass er uns rettet?“ – Die Ikonographie weist den so voller Angst fragenden als den Jünger Petrus aus.

Am Bug des Schiffleins auf stürmischer See ist Jesus ein zweites Mal zu sehen. Jetzt schläft er nicht. Er ist aufgeweckt und gebietet mit seiner Hand den Stürmen und Wellen Einhalt. Mit seiner ganzen Gestalt weist er nach vorne. Aufgeweckt hat ihn Johannes, der Jünger, der Jesus besonders liebt, der hinter ihm steht und mit ihm mutig nach vorne blickt.

Liebe Schwestern und Brüder! - Für mich hat dieses Bild eine große Bedeutung. Ich erkenne in diesem Bild die sich immer in der Krise befindende, bedrohte Kirche auf ihrer Fahrt durch die stürmischen Zeiten in die Zukunft.

Manchmal scheint es, Gott sei unsere Situation gleichgültig und wir seien vom schlafenden Jesus allein gelassen. Aber Petrus weckt ihn auf. Ja, wir Christen alle sollen Jesus Christus wach und stark werden lassen in unserer Kirche, dass er uns durch diese stürmische Zeit anführen möge, mit seinem Geist, mit dem, was an helfender und heilender Kraft von ihm ausgeht. Wie Johannes, der Jünger, der Jesus besonders liebt, mögen wir hinter Jesus stehen und mit ihm mutig nach vorne gehen. Wo er in der Mitte unserer, seiner Kirche, steht, da weist er uns den Weg, der aus dem Sturm führt. Er gibt Zukunft und Hoffnung. Von seinem Geist her wollen wir die Erneuerung der Kirche gestalten.

Wie gesagt, liebe Schwestern und Brüder, manchmal spricht ein Bild die Situation, in der wir leben deutlicher aus, als alle noch so klugen Begriffe.

Nun möchte ich noch mit zwei anderen Bildern auf das vor uns liegende Jahr blicken.

Ein großes Ereignis liegt vor uns: Vom 25. bis zum 29. Mai 2022 wird in Stuttgart der 102. Deutsche Katholikentag stattfinden.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist die gastgebende Diözese dieses deutschlandweit stattfindenden großen Katholikentreffens, das vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken veranstaltet wird. Für unsere Diözese ist das eine große Freude – zumal wir in der Vergangenheit immer wieder Gastgeber dieses zentralen Treffens der deutschen  Katholikinnen und Katholiken sein durften. Der Ulmer Katholikentag 2004, zu dem sich 55.000 Menschen in die Donau-Stadt Ulm aufmachten, ist noch in lebendiger Erinnerung.

Längere Zeit zurück liegt inzwischen der Stuttgarter Katholikentag 1964. In der Endphase des Zweiten Vatikanischen Konzils war er ein Katholikentag des Aufbruchs. Er war von den wichtigen pastoralen Impulsen des Konzils geprägt. Ich selbst erinnere mich noch gut daran, wie ich auf diesem Katholikentag in der „Welthauptstadt der Bibel“ als 16-jähriger Ministrant mitgeholfen habe, tausende Exemplare der Heiligen Schrift an die Katholikentagsteilnehmer zu verteilen.

Auch der kommende Katholikentag findet in bewegter Zeit statt. Drängende Fragen zur gegenwärtigen Verfassung unserer Kirche und zu ihren Zukunftsperspektiven bewegen viele engagierte Christinnen und Christen in unserem Land. Katholikentage sind herausgehobene Orte des Austauschs, des Dialogs und der Auseinandersetzung mit relevanten Fragen unserer Zeit und der Kirche. Vor allem sind sie aber auch Orte der Begegnung. Nach den begegnungsarmen Monaten der Corona-Pandemie kommt diesem Aspekt aktuell eine besondere Bedeutung zu. Ich bin zuversichtlich, dass der Katholikentag in Stuttgart wieder eine der ersten großen Veranstaltungen sein wird, zu der Katholikinnen und Katholiken, in ökumenischer Verbundenheit mit Menschen aller Konfessionen und Religionen – aus unserer Region, aus ganz Deutschland und aller Welt – zusammenkommen können. Wir werden ein großes Fest des Glaubens erleben, auf dem wir miteinander „Leben teilen“ und nach einer langen, intensiven Pandemie-Zeit wieder wirklich aufatmen können. Geb’s Gott, dass unser Katholikentag im Mai stattfinden kann.

Das Motto des Katholikentags –„Leben teilen“ greift das Wirken unseres Diözesanpatrons, des Heiligen Martin von Tours, auf. Papst Benedikt XVI. hat ihn sehr treffend eine „Ikone der Nächstenliebe“ genannt. Bis heute präsent ist die denkwürdige Szene am Stadttor von Amiens, in der Martin seinen Soldatenmantel mit einem armen frierenden Bettler teilt. In der liebenden Zuwendung zu diesem bedürftigen Menschen begegnet Martin Jesus Christus selbst. Dieses Schlüsselerlebnis hat Martin so geprägt, dass sein ganzes Leben vom Gedanken des Teilens durchwirkt war. Als Friedensstifter ist er immer wieder in konfliktgeladenen Situationen aufgetreten und hat sich für gewaltfreie Wege der Verständigung und des Friedens und der Versöhnung eingesetzt. Durch seine Biographie und die weite Ausstrahlung seines Wirkens ist Martin von Tours ein wahrhaft europäischer Heiliger, der uns gerade heute wichtige Impulse geben kann. Als Martinsdiözese fühlen wir uns dem Vorbild dieses herausragenden Christen schon seit langem in besonderer Weise verpflichtet.

„Leben teilen“ ist ein wunderbares Motto für den Katholikentag. In vielen innovativen Projekten der Caritas findet der Gedanke des Teilens in unserer Diözese und ganz besonders auch in Stuttgart eine konkrete, auf aktuelle Herausforderung antwortende Gestalt. In fünf Jahrzehnten weltkirchlichen Engagements ist ein dichtes Netz an weltkirchlichen Partnerschaften auf allen Ebenen der Diözese entstanden. Immer wichtiger ist für uns - neben der materiellen Unterstützung - das Teilen der pastoralen und geistlichen Erfahrungen geworden. Von herausragender Bedeutung ist dabei auch die aktive Vernetzung unserer diözesanen weltkirchlichen Aktivitäten mit anderen Akteuren und Initiativen aus der Ökumene und der Zivilgesellschaft. Denn auf die globalen Herausforderungen des Klimawandels, der Friedenssicherung und des Einsatzes für gerechte und menschenwürdige Lebensbedingungen für alle Menschen in der Einen Welt werden wir nur dann wirksame Antworten finden, wenn alle Menschen guten Willens zusammenwirken. - Viele andere Themen und Herausforderungen unserer Zeit können Sie, liebe Damen und Herren, kennenlernen, wenn Sie zum Katholikentag kommen. Unsere Diözese Rottenburg-Stuttgart hat sich auf den Weg zum 102. Deutschen Katholikentag gemacht. Ich lade Sie herzlich dazu ein, im Mai mit dabei zu sein.

Zum Schluss kann ich Sie noch auf ein großes Ereignis für unserer Diözese von ganz anderer Art hinweisen. - Wir dürfen uns sehr freuen auf die Seligsprechung eines schon seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten in unserem südwestdeutschen Raum von vielen Gläubigen verehrten, missionarisch tätigen Menschen.

Der Jesuitenpater Philipp Jeningen hat im Großraum der Stadt Ellwangen im Osten der Diözese Rottenburg-Stuttgart nach den furchtbaren Wirren und Gräueltaten des Dreißigjährigen Krieges jahrzehntelang das Evangelium neu verkündet und segensreich in Wort und Tat gewirkt. Der großen Not und dem Verlust an Glauben und Hoffnung für die Menschen der damaligen Zeit begegnete er mit tätiger Nächstenliebe. Über 30 Jahre wirkte er als Seelsorger und Volksmissionar im Geist des Evangeliums im Ellwanger Raum - als einfacher Missionar - ganz nahe bei den Menschen und bei ihren Sorgen und Nöten. So hat er ganz maßgeblich zur Erneuerung des christlichen Glaubens und des kirchlichen Lebens beigetragen. Schon zu Lebzeiten wurde er ob seines Glaubens und seiner tätigen Hilfe von den Menschen verehrt. Bis heute und mehr denn je wird sein Grab in der Ellwanger Basilika besucht.

Der Prozess zur Seligsprechung, den ich im Jahr 2002 neu angestoßen habe, ist 2021 zu einem guten Ende gekommen. Das Dekret zur Seligsprechung wurde von Papst Franziskus am 19. Juni 2021 unterzeichnet. Am 16. Juli 2022 wird Philipp Jeningen in der Basilika zu Ellwangen seliggesprochen. Kardinal Semeraro, der Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen im Rom, wird die die Seligsprechung in einer festlichen Eucharistiefeier selbst vornehmen.

Ich freue mich auf dieses Fest für die ganze Diözese Rottenburg-Stuttgart und für viele Gläubige, die seit Jahrzenten nach Ellwangen wallfahren. In unserer säkularen Zeit ist eine Seligsprechung etwas Außergewöhnliches. Sie weist aber darauf hin, dass durch Menschen, die ihr ganzes Leben für das Evangelium einsetzen, wieder Hoffnung und Zuversicht in die Welt kommen können.

Dass neue Hoffnung und Zuversicht in unser aller Leben kommen mögen, das wünsche ich uns allen für das kommende Jahr 2022. Gott segne und schütze Sie!