Dekanat

Oberschwabe baut englische Abtei wieder auf

Die Schwarz-Weiß-Fotos zeigen Abt Anscar links auf dem Abtstuhl und rechts stehend.

Martin Vonier aus Ringschnait bei Biberach nach seinem Antritt als Abt Anscar von Buckfast im Jahr 1906 (l.) und in den 1930er Jahren - Fotos: Archiv der Abtei Buckfast

Abt Anscar Vonier aus Ringschnait prägt Buckfast bis heute - englischer Jugendchor kommt am Wochenende ins Dekanat Biberach.

Martin Vonier alias Abt Anscar von Buckfast? Auch in und um Biberach und Ehingen dürften die wenigsten mit dem Namen etwas verbinden. Vor 150 Jahren in Ringschnait geboren, wirkte er wie weitere 29 junge Männer aus der Region als Benediktinermönch in der südenglischen Grafschaft Devon. Wie es ihn und seine oberschwäbischen Mitbrüder auf die Insel verschlug, was sie dort leisteten und weshalb junge Chorsänger:innen aus Buckfast nun in Schemmerhofen ein Konzert geben und Gottesdienste in Ochsenhausen und Ringschnait mitgestalten, erzählt Abtei-Archivar Steve Roach im Interview.

Wie kam es, dass junge Männer aus Württemberg eine alte Abtei in Südengland besiedeln und aufbauen?

Die Geschichte beginnt im November 1880, als die Mönche der Abtei La Pierre-qui-Vire aufgrund antiklerikaler Gesetze in Frankreich aus ihrem Kloster vertrieben wurden. Im Oktober 1882 kauften die französischen Mönche nach einem zweijährigen Aufenthalt im irischen Leopardstown ein Herrenhaus auf dem Gelände der ehemaligen Abtei Buckfast. Sie liegt in der Grafschaft Devon in Südwestengland. Als die Rückkehr nach Frankreich wieder möglich war, verließen viele Mönche Buckfast. Da englische Kandidaten das strenge monastische Leben als zu herausfordernd empfanden, musste man nach alternativen Berufungen suchen.

Und die Lösung des Problems fand sich im fernen Oberschwaben?

Ja. Aufgrund des Kulturkampfes mussten junge Männer aus Württemberg, die Benediktiner werden wollten, ein Kloster im Ausland suchen. Genau das hatten Bruder Wilfrid Schneider aus Erbstetten und Bruder Bonifaz Natter aus Moosbeuren - beides in der Nähe von Ehingen - in den späten 1870er Jahren getan, als sie sich La Pierre-qui-Vire anschlossen. Im Jahr 1884 wurde in Buckfast eine Klosterschule gegründet und die beiden deutschen Mönche reisten regelmäßig nach Oberschwaben, um Jungen mit einer monastischen Berufung zu ermutigen, ihnen nach Devon zu folgen. Bis zur Schließung der Schule im Jahr 1919 erhielten Dutzende deutscher Jungen ihre Ausbildung in Buckfast. Über 30 von ihnen wurden Mönche.

Einer dieser Mönche war Martin Vonier aus Ringschnait bei Biberach. Er leitete die Abtei als Abt Anscar von 1906 bis 1938. Was zeichnete ihn aus?

Er war vor allem ein Mann des Glaubens. Die Suche nach Gott stand im Zentrum seines Lebens und alles andere ordnete sich diesem Ziel unter. Er war äußerst intelligent und verfasste 15 Bücher über Theologie, Philosophie und das geistliche Leben. Als charismatischer und mutiger Abt führte er seine Mönche durch sehr schwierige Zeiten, insbesondere während des Ersten Weltkriegs.

Sie haben sich intensiv mit Abt Anscar beschäftigt und konnten auch einen eher privaten Einblick in sein Leben nehmen ...

Ich hatte das Privileg, über 250 Briefe zu übersetzen, die er auf Französisch an seine Schwester, eine Assumptionistin in Paris, und an die Äbtissin von Sainte Scholastique in Dourgne schrieb. Diese Briefe zeigen seinen feinen Humor und eine verspielte Seite seines Charakters. Er erscheint als ein sehr warmherziger und großzügiger Mensch, der mit Krankheit und Zeiten tiefer Not rang, aber stets auf den Gott vertraute, den er liebte.

Ein Projekt von Abt Anscar prägt die Abtei Buckfast bis heute ...

Abt Bonifaz Natter starb bei einem tragischen Schiffsunglück am 4. August 1906, Bruder Anscar überlebte es nur knapp. Im Oktober 1906, nur wenige Tage nach seiner Ernennung zum neuen Abt von Buckfast, kündigte Anscar Vonier an, die Abteikirche auf ihren mittelalterlichen Fundamenten als Denkmal für seinen geliebten Vorgänger wieder aufzubauen. Er hatte dafür keinerlei Mittel, nur seinen unerschütterlichen Glauben.

Wie hat er das dennoch geschafft?

Er beauftragte Frederick Arthur Walters als Architekten und stellte ein Team von Mönchen zusammen, angeführt von Bruder Peter Schrode aus Unterstadion, um dieses monumentale Projekt zu verwirklichen. Die Nachricht vom Wiederaufbau verbreitete sich schnell. Unzählige Besucher kamen, um das einzigartige Schauspiel zu erleben: Mönche, die ihre eigene Kirche bauen. Gleichzeitig schrieb Abt Anscar Artikel, veröffentlichte Bücher, hielt Vorträge und predigte in Kirchen, Abteien und Kathedralen im In- und Ausland. Sein Traum war es, die Abtei Buckfast zu einem Zentrum der katholischen Kirche in England zu machen, wo Besucher die Gegenwart Gottes erfahren können.

Ging dieser Traum in Erfüllung? Welche Aufgaben erfüllt die Abtei in heutiger Zeit?

In vielerlei Hinsicht sind die Aufgaben der Abtei heute dieselben wie zur Zeit von Abt Anscar und sogar wie im Mittelalter. Im Zentrum steht eine Gemeinschaft von Benediktinermönchen, die beten, arbeiten und nach der Regel des heiligen Benedikt leben. Ein zentrales Element ihrer Arbeit – wie in der Regel vorgeschrieben – ist die Gastfreundschaft gegenüber allen Besuchern des Klosters. Jährlich kommen Tausende Menschen aus aller Welt nach Buckfast und die Abtei empfängt sie im Gästehaus der Mönche, im Hotel Northgate House, im Konferenzzentrum, im Bildungszentrum, im Restaurant und Café, im Geschenkeladen und in den wunderschönen Gärten. Darüber hinaus pflegt die Abtei eine reiche musikalische Tradition, die von Abt Anscar selbst gefördert wurde. Jährlich finden zahlreiche Konzerte und Orgelkonzerte statt, die ein breites und dankbares Publikum anziehen.

A propos Konzerte: Vom 25. bis 29. Juli besuchen die jungen Choristers aus Buckfast die Heimat von Abt Anscar ...

Am 11. November dieses Jahres feiern wir den 150. Geburtstag von Abt Anscar. Wir planen, diesen bedeutenden Anlass unter anderem mit einer Ausstellung und der Veröffentlichung seiner Briefe zu begehen. Im Juni 2024 hatte mein Kollege aus der Musikabteilung, Robert Pecksmith, die wunderbare Idee, die Chorknaben der Abtei nach Biberach zu bringen und das Jubiläum mit einem Besuch in Abt Anscars Heimatstadt zu feiern.

Wie kam dann der Kontakt nach Oberschwaben zustande?

Unsere Idee wäre vielleicht nur ein schöner Traum geblieben, wenn nicht just in diesem Moment eine außergewöhnliche Frau aus Deutschland Buckfast besucht hätte. Gudrun Eble suchte nach Informationen über ihren Verwandten William Henle, der hier vor über 100 Jahren Mönch war. Ich erwähnte ihr gegenüber zufällig das Jubiläum und unseren Wunsch, mit den Choristers nach Oberschwaben zu reisen. Sie erzählte mir, dass sie Verwandte in Biberach habe, und bot sofort ihre Hilfe an. Seitdem hat sie unermüdlich für uns gearbeitet, gemeinsam mit Domkapitular Uwe Scharfenecker, der ebenfalls maßgeblich dazu beigetragen hat, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Zurück nach Buckfast. Gibt es heute noch deutsche Mönche in der Abtei?

Bruder Adam Kehrle aus Mittelbiberach, der mit der Zucht seiner Buckfastbiene weltberühmt wurde, war der letzte der deutschen Mönche. Er starb 1996. Doch das Erbe der Mönche aus Oberschwaben - darunter drei Äbte - lebt in Buckfast bis heute weiter. Die Vision von Abt Anscar, der Bau von Bruder Peter und seinem Team, die Imkerei von Bruder Adam und der Glaube jedes einzelnen Mönchs, der aus Deutschland kam: All dies war entscheidend für das, was Buckfast heute ist.

Zur Person

Steve Roach ist Archivar in der Abtei Buckfast in der südenglischen Grafschaft Devon. Der 52-Jährige hat Französisch und Theologie studiert.

Die Buckfast Choristers in Oberschwaben

In wenigen Tagen machen sich die Mädchen und Jungen der Buckfast Choristers auf den Weg nach Oberschwaben und sind unter Leitung von Robert Pecksmith und mit Charles Maxtone-Smith an der Orgel in diesen Kirchen zu hören:

Sonntag, 27. Juli 2025
10.00 Uhr Eucharistiefeier
in der Basilika St. Georg in Ochsenhausen

17.00 Uhr Konzert
im Aufhofener Käppele in Schemmerhofen

Montag, 28. Juli 2025
18.30 Uhr Eucharistiefeier
in der Kirche Mariä Himmelfahrt in Ringschnait

Domkapitular Dr. Uwe Scharfenecker wird beim Konzert in Schemmerhofen eine historische Einführung geben und beim Gottesdienst in Ringschnait predigen.

Die Spannung und die Vorfreude bei den jungen Sängerinnen und Sängern ist groß. „Für viele Kinder ist es die bisher weiteste Reise in ein fremdes Land, weit entfernt von ihren Eltern“, erklärt Chorleiter Robert Pecksmith. „Für unseren Chor ist es überhaupt das erste Mal, dass wir außerhalb Englands singen“, fügt er hinzu. Er erwähnt aber auch die Neugier auf die Region, aus der Abt Anscar stammt, und das Interesse besser zu verstehen, weshalb sich junge Menschen damals für ein neues Leben in der Grafschaft Devon entschieden haben. „Letztlich geht es uns aber darum“, sagt Pecksmith, „neue Menschen zu treffen, die Musik, die wir singen, mit ihnen zu teilen und dadurch ihr Leben zu bereichern.“