Geschichte

Online-Tagung eröffnet Erzberger-Jahr

Die Referenten und Veranstalter der Matthias Erzberger-Tagung. Screenshot: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Die Referenten und Veranstalter der Tagung (oben von links): Jörn Leonhard und Maria E. Gründig. In der Mitte (von links): Anna Karla, Christian Westerhoff und Christopher Dowe. Und in der unteren Reihe (von links): Gabriele Clemens und Stefanie Anna Middendorf. Screenshot: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Matthias Erzberger als Reichsfinanzminister 1919/20. Bild: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Matthias Erzberger als Reichsfinanzminister 1919/20. Bild: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Matthias Erzberger in Weimar. Bild: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Matthias Erzberger in Weimar. Bild: Haus der Geschichte Baden-Württemberg

Veranstalter freuen sich über einen "sehr ertragreichen Tag" und planen Veröffentlichung.

Die Online-Tagung „Gegen den Obrigkeitsstaat und für die Demokratie“ mit über 160 Teilnehmern am Samstag, 20. März, eröffnete das Erzberger-Jahr 2021.

Dr. Christopher Dowe vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg und Dr. Maria E. Gründig vom Geschichtsverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die die Tagung gemeinsam ausrichteten, zeigten sich sehr erfreut über die große Teilnehmerzahl und das Interesse. Dowe verwies darauf, dass im Erzberger-Jahr noch an vielen Orten im ganzen Land in den kommenden Monaten Veranstaltungen und Aktionen geplant seien, um an Erzberger als einen Wegbereiter der Demokratie in Deutschland zu erinnern.

Tagungsergebnisse werden veröffentlicht

Laut Gründig werden die Vorträge in den kommenden Tagen online verfügbar sein. Geplant sei zduem, die Tagungsergebnisse in einer Publikation zu veröffentlichen. Am Ende des Tages zeigten sich die beiden Veranstalter sehr zufrieden. Dowe sprach von einem "sehr ertragreichen Tag, der die vielfältigen Facetten von Matthias Erzberger sehr gut beleuchtet hat". Sehr gefreut habe er sich auch über die vielfältigen Hintergründe der Tagungsteilnehmer und darüber, dass es gelungen sei, wissenschaftliche Erkenntnisse in einer nachvollziehbaren und gut verständlichen Weise zu präsentieren. 

Sechs Vorträge zu Matthias Erzberger

In den vorangegangenen sechs Vorträgen  war es dabei um die folgenden Themen gegangen: Dr. Gabriele Clemens, emeritierte Professorin der Universität Hamburg, sprach in ihrem Eröffnungsvortrag über den Kampf der „Rechtskatholiken gegen das Erzbergertum“ und ging damit auf die Richtungskämpfe innerhalb der Zentrumspartei ein, der Erzberger angehörte. Als zentrales Datum nannte sie dabei die Verabschiedung der Friedensresolution im Reichstag am 19. Juli 1917, für die Erzberger eine parteiübergreifende Mehrheit organisiert hatte und die, so Clemens, von seinen innerparteilichen Gegnern als Auftakt zur Linksorientierung der Zentrumspartei gesehen wurde. Die Diffamierungen gegen ihn rissen danach nicht wieder ab und gingen über seinen Tod hinaus.

Der Verantwortliche für alles Unheil

Die Gegner Erzbergers charakterisierte die Wissenschaftlerin dabei als eine kleine aber publizistisch mächtige Gruppierung und Strömung innerhalb des politischen Katholizismus der Zeit. Eine Gruppe von Männern, die durch ihre preußisch-nationale Haltung miteinander verbunden waren. Für sie sei Erzberger der Verantwortliche für alles Unheil gewesen, das über die Partei und das Land gekommen war.

Im Einsatz für Zwangsarbeiter

Dr. Christian Westerhoff, Leiter der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart, schloss im zweiten Vortrag des Tages über Erzbergers Kampf gegen Zwangsarbeit während des Ersten Weltkriegs an. Dabei erläuterte er zunächst, dass Zwangsarbeit ein „konstitutives Element im Zeitalter der Weltkriege“ gewesen sei und somit ein Phänomen, das sich nicht auf den Zweiten Weltkrieg begrenzen lasse. Schon im Ersten Weltkriegs habe es so einen großen Arbeitskräftemangel gegeben, der schließlich zu Zwangsrekrutierungen in den besetzten Gebieten führte. Allein aus Belgien seien 60.000 Menschen deportiert worden, was einen Sturm der Entrüstung ausgelöst habe. Erzberger, der sich schon als junger Reichstagsabgeordneter gegen die Zwangsarbeit in den Kolonien stellte, wurde zum lautstarken Kritiker und zum wichtigsten Ansprechpartner des Vatikans in Bezug auf die Deportationen in Belgien.

Nebenaußenminister ohne Mandat

Sein Einsatz, erläuterte Westerhoff, dauerte bis Kriegsende an, scheiterte jedoch an der ablehnenden Haltung der Obersten Heeresleitung. In seinem Fazit stellte Westerhoff fest, dass Erzberger die Rekrutierung von Zwangsarbeitern nicht grundsätzlich in Frage stellte, sondern seinen Blick auf die negativen Auswirkungen richtete, die diese Praxis auf die Außenpolitik hatte. „Moralische Bedenken spielten eine Rolle, waren aber nicht ausschlaggebend und die strategische Sorge um einen Verständigungsfrieden stand im Vordergrund.“  Auf dieses Ziel habe Erzberger mit allen Mitteln hingearbeitet und in dem Zusammenhang sei sein Engagement einzuordnen. Faszinierend sei es für ihn dabei, dass Erzberger als eine Art Nebenaußenminister ohne Mandat oder offizielle Funktion in der Reichsleitung auftrat.  

Politischer Multifunktionär

Dr. Anna Karla von der Universität zu Köln sprach nach der Mittagspause zum Thema „Material und Moral. Matthias Erzberger in der Ära des Wiederaufbaus“ und richtete ihren Blick in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Erzberger habe sich darin – auch im Sinne der Völkerverständigung – mit der Frage einer Beteiligung Deutschlands am Wiederaufbau in Europa beschäftigt. Ende 1918 sei es so zu einer Beratung mit Unternehmern und Gewerkschaftern über die Lage in den europäischen Nachbarländern gekommen. Diskutiert worden sei die Umsetzbarkeit des 14. Punkte-Plans des US-Präsidenten Woodrow Wilsons und zwar in dem Sinne, dass sich Deutsche aktiv am Wiederaufbau beteiligen sollten.

Korruptionsvorwürfe gegen Erzberger

„Zahlung nicht in Geld, sondern in Natura“, lautete ein Zitat Erzbergers.  Wenn Erzberger ein politischer Multifunktionär war, dann lasse sich das besonders an seinem Talent als Leiter der Waffenstillstandskommission ablesen, argumentierte Karla. Denn am Beispiel des Wiederaufbaus nach dem Krieg zeige sich, dass die Kommission auch künftige Optionen auslotete. Dabei sprach Karla auch über den Graubereich von Politik und Wirtschaft und über die Korruptionsvorwürfe gegen Erzberger im Zusammenhang mit dem Helfferich-Prozess.    

Erzbergers Jahrhundertreform

Auf das Wirken Erzbergers als Reichsfinanzminister und Haushaltspolitiker ging anschließend Dr. Stefanie Middendorf, Freie Universität Berlin, in ihrem Vortrag „Arche Noah am Wilhelmsplatz? Matthias Erzberger und die Anfänge des Reichsfinanzministeriums 1919/20“ ein. Dabei stellte sie sich die Frage, wie sich demokratisches Regieren in Ausnahmezeiten gestalteten lässt und warf einen Blick darauf, unter welchen Bedingungen Erzberger die Reichsfinanzreform bewerkstelligte, die noch heute als Jahrhundertreform gilt und mit der erstmals ein einheitliches und gerechtes Besteuerungssystem in Deutschland geschaffen wurde.

Vom Kaiserreich zur Republik

In den beiden letzten Vorträgen der Tagungen untersuchte Dr. Christopher Dowe vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg die politische Rhetorik sowie die öffentliche Wahrnehmung rund um die Person Erzbergers beim Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik und Professor Dr. Jörn Leonhard von der Universität Freiburg ging unter der Überschrift „Demokratie, Parlament und Republik“ auf Matthias Erzberger und die Krisenerfahrungen der deutschen Geschichte ein.

Zur Person Matthias Erzberger

Dr. Christopher Dowe vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg charakterisierte Erzberger zu Beginn der Tagung als politisches Schwergewicht, als begnadeten Politiker, dem die Karriere nicht in die Wiege gelegt worden war und für den, als überzeugten Katholiken, die soziale und politische Verantwortung unauflösbar zusammengehörten.  

1903 als jüngster Abgeordneter in den Reichstag eingetreten, machte er sich ab 1917 für den sogenannten Verständigungsfrieden zur Beendigung des Ersten Weltkriegs stark und war spätestens dadurch zum roten Tuch für Kaiser, Militär und Nationalisten geworden. Als der Unterzeichner des Waffenstillstandsabkommens von Compiègne dann am 26. August 1921 bei Bad Griesbach im Schwarzwald von rechtsnationalen Attentätern ermordet wurde, zeigten die Reaktionen, wie polarisiert die Gesellschaft war: Schockiert die einen, triumphierend die anderen.  

Aber warum polarisierte Erzberger über seinen Tod hinaus so stark? Dieser Frage wolle die Tagung nachspüren und dabei die Rolle des Zentrumspolitikers am Übergang vom Obrigkeitsstaat zur Weimarer Demokratie beleuchten, sagte Dowe.