Predigt zur Eröffnung des synodalen Weges der Weltkirche

Die Predigt von Bischof Dr. Gebhard Fürst anlässlich der Eröffnung des synodalen Weges der Weltkirche am 17. Oktober 2021.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

„Es ist unmöglich, sich eine Umkehr des kirchlichen Handelns vorzustellen ohne die aktive Teilnahme aller Glieder des Volkes Gottes“, mit diesen Worten lädt Papst Franziskus die Ortskirchen ein, miteinander eine Etappe in der Vorbereitung der Bischofssynode zu gehen. Die Generalversammlung der Bischöfe wird im kommenden Jahr im Oktober stattfinden.

Wir sind eingeladen, uns bereits jetzt gemeinsam auf den Weg zu machen. Franziskus bittet uns, dass wir als Ortskirche Vorschläge erarbeiten, um künftig bewusster Gemeinschaft zu leben und die Möglichkeiten der Teilhabe aller am Sendungsauftrag auszuweiten. Uns als pilgernde Kirche, als missionarisches Volk Gottes wieder stärker in die Welt hinein zu öffnen, darin liegt eine große Chance.

In ihrem ursprünglichen Wortsinn ist die Synode ein gemeinsamer Weg. Das Wort Synode leitet sich aus dem Griechischen ab: „sun odoV“. Diese Ursprungsbedeutung ruft in Erinnerung, was uns Jesus Christus geoffenbart hat. Jesus Christus sagt von sich selbst: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6). Seine Nachfolgerinnen und Nachfolger werden ursprünglich „die Anhänger des Weges Jesu“, genannt.

Thomas von Aquin deutete die Offenbarung als „den Weg, den Gott uns in der Person seines Sohnes zeigt“. Daran wird deutlich: Es geht nicht allein darum, den Blick nach innen zu wenden. Die Wahrheit, die der Glaube uns erschließt, ist eine Wahrheit, die auf die Begegnung mit Christus ausgerichtet ist, auf die Betrachtung seines Lebens, auf die Wahrnehmung seiner Gegenwart in unserer Welt. In diesem Sinn spricht der heilige Thomas von Aquin vom „sehenden Glauben“!

Sehender Glaube heißt zunächst aber auch: Unsere eigenen Probleme nicht zu ignorieren. Dazu gehört zunächst, dass wir uns ehrlich und aufrichtig unserer Vergangenheit stellen; dass wir uns des Schmerzes annehmen, den viele Menschen durch sexuellen, Macht- und Gewissensmissbrauch durch Kleriker, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter erfahren haben. Papst Franziskus schreibt hierzu in seinem Aufruf zum synodalen Weg der Weltkirche: „Es handelt sich um tiefe Wunden, die nur schwer zu heilen sind, für die man nie genug um Verzeihung bitten kann, und die Hindernisse darstellen, zuweilen gewaltige Hindernisse, um in der Perspektive des gemeinsamen Gehens voranzuschreiten. Die gesamte Kirche ist aufgerufen“, fährt Franziskus fort, „sich der Last einer Kultur bewusst zu werden, aus der Formen der Ausübung von Autorität, aus welchen verschiedene Arten des Missbrauchs entspringen können – Missbrauch von Macht, ökonomische Missbräuche, geistlicher Missbrauch und sexueller Missbrauch.“

Liebe Schwestern und Brüder,

in unserer Diözese haben wir mit dem Rottenburger Modell in den letzten Jahrzehnten bereits einen Weg eingeschlagen, der verantwortliche Teilhabe von Laien in demokratisch gewählten Räte und Gremien in gelungener Weise ermöglicht. Ebenso war die Diözese Rottenburg-Stuttgart die erste Diözese, die Missbrauch an Kindern und Jugendlichen aufgearbeitet, und schon früh durch wirksame Präventionsmaßahmen Achtsamkeit vor allem gegenüber Kinder und Jugendlichen gefördert hat. Hier werden wir nicht nachlassen.

Noch immer erleben viele Menschen – vor allem Frauen – Zurückweisung, wenn Sie über ihre Berufung zu einem kirchlichen Dienst sprechen. Wie tief ihr Schmerz sitzt, habe ich erneut vor wenigen Tagen erfahren, als ich mit einer Gruppe von Frauen über ihre Berufungen gesprochen habe.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

als Diözesanbischof möchte ich Sie einladen, dass wir gemeinsam mit Papst Franziskus und Christinnen und Christen auf der ganzen Welt, den Weg der Erneuerung gehen. Im Synodalen Weg der Kirche in Deutschland, oder vor Ort in den Gemeinden im Prozess „Kirche am Ort“ ist schon vieles in Bewegung gekommen – leben wir in unserem Miteinander, in den Gremien und bei unseren Begegnungen eine synodale Kirche.

Ich bitte Sie, gehen wir diesen Weg gemeinsam weiter: Hören wir aufeinander. Bringen wir uns ein, sodass daraus eine gemeinsame Sendung erwachsen kann. Für eine synodale Kirche, die die Botschaft des Evangeliums heute wieder lebendig werden lässt.

1. Hören

Die Einladung von Papst Franziskus, die Gläubigen zu einem synodalen Weg der Weltkirche einzuladen, ist für mich ein Zeichen der Ermutigung. Unter dem Titel: „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe, Sendung“ sind wir aufgerufen, die Welt-Bischofssynode in den Teilkirchen zu unterstützen. Diesem Aufruf folgen wir heute gemeinsam mit unserem Bischof in diesem feierlichen Gottesdienst.

Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart können wir mit großer Dankbarkeit auf einen mittlerweile über 50jährigen gemeinsamen synodalen Weg zurückblicken.

Was trägt uns auf unserem gemeinsamen Weg? In dem lesenswerten Vorbereitungsdokument haben mir drei Gedanken besonders gut gefallen (Zitat): „Wir sind aufgefordert, eine Haltung des Hörens auf den Heiligen Geist einzunehmen, der wie der Wind, so im Johannesevangelium, „weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht“, und dabei für die Überraschungen offenzubleiben, die er entlang des Weges sicher für uns bereithält“ (Zitat Ende). Das mag unser Verfahren unterscheiden von säkularen demokratischen Prozessen, in denen mehrheitlich heute in diese Richtung gestaltet wird und morgen wiederum mehrheitlich in jene Richtung. Im Glauben an den dreifaltigen Gott offenbart sich für mich der Heilige Geist als umfassendes Schöpfungswirken Gottes, unermesslich weit, dynamisch, offen, in jeder Hinsicht im Geist Jesu Christi wirksam. In Schöpfungswirken Gottes sind wir eingebettet, in allem und durch alles geborgen und mit allem verbunden. Leise, kaum hörbar. Laut, kaum erträglich. Es birgt unermessliche Schönheit, an der wir teilhaben dürfen. Zugleich unfassbar Schreckliches, dem entschieden entgegenzutreten wir aufgerufen sind. Das wir oft kaum aushalten können, aber nicht selten aushalten müssen. Woher beziehen wir dafür die Kraft?

2. Mitverantwortung  - sich einbringen

In einer synodalen Kirche sind wir als Teil der Gemeinschaft aller Gläubigen eingeladen: zu beten, zu hören, zu analysieren, miteinander zu sprechen, zu unterscheiden und uns zu beraten, um pastorale Entscheidungen zu treffen, die Gottes Willen am ehesten entsprechen. Dies geschieht in aller Freiheit und in der reichen Verschiedenheit aller Mitglieder.

Sicherlich wird es dazu ernsthafter Kraftanstrengungen bedürfen, damit wir niemanden aus dem Blick verlieren, damit wir insbesondere auch jene miteinbeziehen, die ausgegrenzt sind oder sich ausgeschlossen fühlen – insbesondere jene, die geistlich, sozial, wirtschaftlich, politisch, geographisch und existenziell in den Randzonen unserer Welt leben.

Wir alle sind gleichwertige Glieder des Volkes Gottes. Es ist Jesus Christus selbst, der uns mit seinem Vater versöhnt. Durch seinen Heiligen Geist sind wir miteinander vereint. Durch das Sakrament der Taufe haben wir Anteil am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Jesu Christi. (vgl. LG 31). Durch die Firmung sind wir gerufen und befähigt, Mitverantwortung an der Sendung zu tragen. Wie die verschiedenen Zweige des Weinstocks bringen wir alle – Frauen und Männer, Dienste und Ämter, alle Christgläubigen, Geweihte und Ordinierte, eine ganze Fülle an Gaben mit. Aus dieser Vielfalt an Charismen können und dürfen wir schöpfen. So können wir alle einen Beitrag leisten, den Ruf Gottes erkennen und in dieser Welt zu leben.

Wir sind gesandt, inmitten der gesamten Menschheitsfamilie von der Liebe Gottes Zeugnis zu geben. Dabei gilt es zunächst auch, zu selbstkritisch zu prüfen, wie in der Kirche die Verantwortung und die Macht gelebt werden. In unserer Diözese haben wir bereits vielfältige Erfahrungen mit Synodalität gesammelt: Angefangen mit der Diözesansynode 1985/1986, im synodalen Prozess der Prioritätenfindung 2001-2003, mit dem Dialogprozess 2011-2012 bis hin zur Prozess „Kirche am Ort, Kirche an vielen Orten gestalten“. Manifestiert durch das Rottenburger Modell wirken zahlreiche Christinnen und Christen verantwortlich in der Gestaltung unserer Pastoral mit. Diesen Weg wollen wir weiter gehen und Möglichkeiten finden und Zugänge entwickeln, damit Frauen und Männer gleichberechtigt in unserer Kirche und in die Gesellschaft hinein wirken können

3. Gemeinsame Sendung

In der Gemeinschaft im Glauben spüren wir: Unermesslich groß ist die Weite, die uns hält und trägt. In der Gemeinschaft im Glauben vertrauen und glauben wir: Wir kommen nicht aus dem Nichts, wir verschwinden nicht im Nichts.

In der Gemeinschaft im Glauben hören und achten wir aufeinander: Jede und jeder soll teilhaben mit ihren und seinen Möglichkeiten und Begabungen, an ihrem und seinem Platz, in ihrer und seiner Rolle. Gelingt dies, ist der gemeinsame, der synodale Weg der angemessene. Er wird uns viel abverlangen. Weisheit und Können, Zuversicht und Entschlossenheit, Geduld und Weitsicht und nicht zuletzt: Konsequentes Handeln.

Der heilige Johannes Chrysostomos sagt: „Kirche und Synode sind Synonyme“. Welch hilfreicher Gedanke! Gott uns nahe in der Kirche auf unserem Weg. Kein uns ferner Gott. Dynamik und Vielfalt als Schöpfungsprinzip, als Gottes Willen. Keine Statik. Keine Trennung zwischen oben und unten, keine Spaltung zwischen reformieren und bewahren. Ständiger Dialog, den wir pflegen als besondere Kostbarkeit, als Teil unseres Selbstverständnisses, im Geist des Evangeliums. Einander zuhören, voneinander lernen. Ein Prozess des Miteinanders und des Unterscheidens. Das ist gut, das fühlt sich richtig an, auch wenn niemand von uns weiß, wohin der Weg uns führen wird.

Zum Schluss möchte ich Gedanken von Papst Franziskus aus einer Ansprache zu Beginn der Jugendsynode am 3. Oktober 2018 wiedergeben: „Wir erinnern daran, dass es nicht Zweck dieser Synode und daher auch nicht der Konsultation ist, Dokumente zu produzieren, sondern „Träume aufkeimen zu lassen, Prophetien und Visionen zu wecken, Hoffnungen erblühen zu lassen, Vertrauen zu wecken, Wunden zu verbinden, Beziehungen zu knüpfen, eine Morgenröte der Hoffnung aufleben zu lassen, voneinander zu lernen und eine positive Vorstellungswelt zu schaffen, die den Verstand erleuchtet, das Herz erwärmt, neue Kraft zum Anpacken gibt“.