Auf der geplanten Syrienreise vom 2. bis 8. März kam Pater Alfred Tönnis nur bis in den Libanon. Er besuchte dort syrische Familien, Studierende und arbeitende Menschen. Und er war an der Gedenkstätte des getöteten Hisbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah. In Deutschland ist der Oblate ebenfalls in engem Kontakt mit syrischen Geflüchteten. Während die neuen Machthaber ein Massaker an Alewiten im Land anrichteten, dachte Pater Alfred auch schon weiter in die Zukunft. Seine Erlebnisse und Gedanken erzählt der Ordensmann nach seiner Rückkehr nach Oberschwaben:
Quo vadis Syrien?
„Eigentlich war mein Ziel Safita, ein kleiner überwiegend christlicher Ort etwa zwischen Homs und Tartus im Nordwesten von Syrien. Dort wollte ich Erzbischof Demetrios treffen. Ihn kenne ich schon länger. Seine Diözese erstreckt sich bis in den Libanon hinein. Wir haben gemeinsam viele Besuch in christlichen Ortschaften gemacht und gerade nach den Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet Hilfe organisiert. Ich selbst war in den letzten vier Jahren viermal in Syrien
Hilfe organisiert - auch mit Syrer:innen in Deutschland
Über die Stiftung „Heimat geben“ und unsere Ordensgemeinschaft der Oblaten haben wir viele Hilfsgüter organisiert. In einem sozialen Projekt in Hama haben wir eine große Menge Trainingsanzüge und Jacken nähen lassen. Dort arbeiten Frauen mit und ohne Behinderung, Christinnen und Muslimas. Die Kleidung haben wir dann in Waisenhäusern verteilt. Wir haben Projekte von Studenten unterstützt - und auch Medical Centers. Seit 2016 war ich zwölfmal im Libanon, um dort Hilfe für syrische und palästinensische Flüchtlinge zu organisieren – auch mit Syriern aus Deutschland.
Bei dieser Reise nun kam alles anders. Nach meinem Flug wollte ich weiter nach Syrien reisen. Doch zuerst verzögerte sich mein Visum. Die Berliner Botschaft stellt keine mehr aus, die syrische Botschaft in Beirut ist geschlossen. Alles läuft über das „Ministerium für Inneres, Einwanderung und Pässe“ in Damaskus. Mit dem Visum kam eine Warnung für das Gebiet wohin ich wollte. Mit dem Erzbischof sprach ich dann ab, dass ich auf der libanesischen Seite bleibe. Und das war gut so.
Ab Donnerstag tobte dort wieder der Krieg und ich wäre nur schwer wieder zurückgekommen.
Im Gebiet um Tartus, Latakia und Homs leben neben vielen Christen die Alawiten. Dieser Glaubensgemeinschaft gehörte ja Baschar Assad an, der frühere Machthaber in Syrien. In dieser Region hat es immer etwas gebrodelt, als sich vor gut drei Monaten die Machtverhältnisse veränderten und die islamistische Gruppe HTS um den früheren Al Qaida-Kämpfer und jetzigen Präsidenten Ahmed Al-Scharaa an die Macht kam. In der letzten Woche flammte nun dieser Kampf gegen die HTS wieder auf. Auch laut meinen Informationen von vor Ort ist da ein Massaker an Alaviten geschehen. Wahllos sind auch Frauen und Kinder von Regierungstruppen erschossen worden.
Schon über 1.000 Tote, davon die Mehrzahl Zivilisten, hieß es am Ende meiner Reise. Ich glaube nach meinen Gesprächen in der letzten Woche vor Ort mit syrischen Christen, Muslimen und Alawiten nicht, dass es Ruhe geben wird. Viele haben sich über den Machtwechsel gefreut, aber es war auch Sorge dabei. Bis Ende des letzten Jahres gab es einen herrschenden Machtapparat. Es war nicht Assad alleine. Mit brutaler Gewalt wurde jeder bekämpft, der eine andere Meinung hatte als die der Regierung. Die Bilder aus den Gefängnissen zeugen davon. Der Geheimdienst war überall. Auch als ich in Syrien war - spürbar und fühlbar.
Christ:innen unter Assad: Freiheit und Leiden
Mit Gewalt wurde jede Opposition bekämpft. In Homs waren viele Gebäude, Kirchen und Moscheen zerstört. Es ging nicht um das Wohl des Volkes. Es ging auch nicht vorrangig um Religion. Es ging um Machterhalt eines bestimmten Kollektivs. Die Christen haben sich geduckt. Sie haben sich aus der Politik herausgehalten. Die Christen haben gelitten – wie viele andere auch. Sie konnten aber relativ frei ihre Religion leben. Durch den Machtwechsel jetzt ist vieles in Frage gestellt.
Die neue Regierung gibt sich moderat gegenüber Minderheiten - auch bei den Religionen. Doch wird das halten? Das fragen sich viele Christen vor Ort.
Viele Christen sind sehr arm. Wer wird die Christen beim Wiederaufbau unterstützen? Wer wird dadurch zeigen: Wir stehen hinter euch. Bleibt da. Haltet durch. Gebt als Minderheit in eurem Land christlichen Werten wie Versöhnung, Vergebung, Neuanfang Hand und Fuß. Macht vor, dass so etwas möglich ist. Syrien braucht diesen Blick nach vorne. Aber die Wunden auf allen Seiten sind groß. Es braucht Brückenbauer, es braucht Menschen, die der Spirale der Gewalt trotzen.
Eigentlich wäre es gut, wenn viele Syrier aus Deutschland, aus Europa, zurückgehen würden und mit ihren Demokratieerfahrungen und einem neuen Background frischen Wind nach Syrien bringen würden. Aber ich glaube nicht daran. Viele haben sich in der Bundesrepublik gut eingelebt. Das Geld fließt und Ärzte, Schulen und Sicherheit sind gute Fundamente für ein Leben bei uns. Das alles aufgeben und wieder zurückgehen? Und wohin zurück? In zerstörte Häuser, in eine schlechte Infrastruktur?
Rückkehr nach Syrien ist nicht so einfach
Das gilt auch für Syrer im Libanon. Ich habe in Beirut im Viertel der Hisbollah eine Familie mit vier Kindern besucht. Sie haben ein Haus in Homs. In Beirut wohnen sie in ärmsten Verhältnissen, leben von der Arbeit in einer Werkstatt. Alle Kinder müssen nach der Schule mithelfen. An den Händen sieht man es. Der Libanon will die etwa 1,3 Millionen syrischen Flüchtlinge gerne loswerden. Familien bekommen weniger Geld, es wird Druck gemacht.
Aber wo soll diese Familie in Homs hin? Ihr Haus dort ist zerstört. Ich habe die Bilder gesehen. Wer bezahlt den Wiederaufbau ihres Hauses, damit sie da wohnen können?
Eine mögliche Rückkehr nach Syrien ist ein vielschichtiges Thema. Ich habe es im Libanon mit Familien, Studenten und arbeitenden Menschen besprochen. Von Deutschland bekommen Rückkehrer immerhin Geld für einen Neuanfang, vom Libanon nicht. Ich finde die Einstellung der EU richtig. Sie vergibt keine Gelder an die syrische Regierung, sondern nur an internationale Hilfsorganisationen. Aber es muss mehr sein: Wir müssen Leuchtturmprojekte in Syrien initiieren. In die Entwicklung dieser Leuchtturmprojekte müssen Syrer:innen in Deutschland mit eingebunden werden. Das können Schulen, Universitäten, Krankenhäuser oder anderes sein.
Es könnte ja beispielsweise jemand auf eine Ordensgemeinschaft in Deutschland zugehen: Könntet ihr euch nicht vorstellen, in Homs oder woanders eine Niederlassung aufzumachen - vielleicht mit einem Krankenhaus oder einer Schule? Habt ihr hier in Deutschland in eurem Arbeitsumfeld Syrer und Syrerinnen, die vielleicht mitgehen und mit aufbauen? Könntet ihr solch ein Leuchtturmprojekt entwickeln, wenn wir es finanzieren? In so einem Projekt könnte vieles mitwachsen. Ärzte, die für eine gewisse Zeit kommen, Jugendliche für ein freiwilliges Auslandsjahr. Anstelle einer Ordensgemeinschaft wäre auch eine Diözese denkbar, die genau das machen würde.
Die Zukunft wird schwierig - was können Christ:innen beitragen?
Im Libanon war ich auch an der Gedenkstätte von Hassan Nasrallah im Süden von Beirut. Er war seit 1992 Generalsekretär der Partei der Hisbollah und kam durch einen israelischen Raketenangriff am 27. September letzten Jahres ums Leben. An dieser Gedenkstätte wird gebetet und auch Macht demonstriert. 1.000 Menschen, Männer und Frauen, überwiegend unter 35 Jahren, sind da abends keine Seltenheit.
Da spüre ich Gewaltbereitschaft. Friedvolles Miteinander sieht anders aus.
Der maronitische Patriarch Kardinal Bechara Boutros Rai hielt zwei Tage nach dem Tod Nasrallahs eine Messe. Die Maroniten sind die größte christliche Gemeinschaft im Libanon und mit der katholischen Kirche uniert. Kardinal Rai ist sicher kein Anhänger der Hisbollah oder von Nasrallah, aber in seiner Ansprache machte er deutlich: Wir müssen Wege zueinander finden, Verletzungen überwinden, die Spirale der Gewalt durchbrechen. Nicht Schubladendenken ist angesagt, sondern Begegnungsräume schaffen.
Eine andere Kultur ist eine andere Kultur. Das müssen wir wertschätzend akzeptieren. Das große Thema „Integration“ ist in Deutschland an Grenzen gekommen: Die Situation in den östlichen Bundesländern macht uns das klar. Die Situation der vielen Türken, die in den 1960er Jahren zu uns gekommen sind, ebenso. Die große Menge der Geflüchteten der letzten Jahre zeigt mir aber auch: „Alle raus“ oder „keine mehr rein“ funktioniert nicht. Es sind Menschen und für uns Christen alles geliebte Kinder Gottes.“









