Am Ende der zweitägigen Tagung vom 5. und 6. März waren sich alle Teilnehmenden der Schlussrunde einig. Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb fasste das Fazit der Tagung zusammen: „Wir dürfen unseren Auftrag nicht vergessen, der heißt: bei den Menschen zu sein und dort Stellung zu beziehen, wo Menschenwürde, Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck geraten. Wir müssen raus aus Räumen, wie diesem, und hinaus zu den Menschen.“ Die Diskussion, wie wir als Kirche mit der extremen Rechte umgehen, sei nach der Tagung nicht zu Ende, so Karin Schieszl-Rathgeb.
„Haltung zeigen ist wichtig“
Dr. Sarah Köhler, Referentin für Gesellschaftspolitik und Demokratieförderung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, forderte, „klar in der Sache zu bleiben, doch respektvoll mit den Menschen und ihren Sorgen.“ Oberkirchenrätin Carmen Rivuzumwami von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hatte ermutigende Worte für die Teilnehmenden der Tagung: „Es gibt die Sehnsucht nach der Allzweckwaffe, aber keine Allzweckwaffe. Bleibt mutig!“ Und Dr. Erkan Binici vom Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster ergänzte: „Haltung zeigen ist wichtig, um so bei sich und in Taten zu bleiben.“
Gesellschaftlicher Rechtsruck aus theologischer Sicht
In den öffentlichen Workshops beschäftigten sich christliche und islamische Theologen, Politikwissenschaftler und Medienwissenschaftler mit der Frage, wie der gesellschaftliche Rechtsruck aus theologischer Sicht verstanden und aufgearbeitet werden kann. Dazu wurden sowohl theoretische als auch praktische Beispiele vorgestellt und diskutiert. Themen waren unter anderem das Verständnis von Gott und vom „Volk“, geschichtstheologische Vorstellungen der extremen Rechten, die Tradition des Antisemitismus im Christentum sowie die politische Rolle und der Wahrheitsanspruch religiöser Rechter. Außerdem wurde über den derzeit wieder stärker auftretenden Antifeminismus und Antigenderismus gesprochen.
„Christliche Botschaften sind an sich schon politisch!“
Die Frage, ob die extreme Rechte auch im Religionsunterricht thematisiert werden sollte, beleuchtete Dr. Simone Hiller vom Katholischen Institut für berufsorientierte Religionspädagogik (KIBOR) an der Universität Tübingen. Sie betonte, Religionsunterricht sei beides, soziales und politisches Lernen und erklärte: „Christliche Botschaften sind an sich schon politisch!“ Schüler seien tagtäglich mit dem Gedankengut der extremen Rechten und rechten Diskursen konfrontiert, in der Schule, zu Hause, auf Toilettentüren, beim Gaming, im Umgang mit Chat Bots und KI-Avataren sowie auf Social Media. Ein wichtiges Kompetenzziel sei deshalb, die grundlegenden Muster rechter Narrative zu erkennen, zu analysieren und zu verstehen.
Konkrete Räume für die Beziehungsarbeit
Wie Demokratiebildung und -politik gegen rechts funktionieren kann, fasste Dr. Sarah Köhler zusammen, die das Projekt der Diözese Rottenburg-Stuttgart „Politik auf 13m²“ leitet: “Wir brauchen konkrete Räume für die Beziehungsarbeit zwischen Bürgertum und Politik. Es gibt viele Menschen, die sich abgehängt fühlen. Ihnen müssen wir zuhören und für unsere Arbeit auch strategische Schlüsse ziehen, Angebote zu generieren.“
Rechtsradikale argumentieren mit pseudo-religiösen Argumenten
Wie wichtig die Beschäftigung der Kirchen und Theologien mit dem Thema ist, zeigt die aktuelle Tendenz im Bereich der extremen Rechten, die eine besorgniserregende Dynamik zeigt und weltweit unsere freiheitlichen Demokratien gefährdet. Sie unterwandern unsere Institutionen und bilden Allianzen mit eher konservativen Milieus der Gesellschaft. Zunehmend nutzen die Rechten auch die Religion als identitätspolitisches Instrument, um christliche oder islamische Werte zu instrumentalisieren und Feindbilder zu konstruieren. Ihre immer gleichen, menschenverachtenden Themen verknüpfen die Rechtsradikalen gerne mit pseudo-religiösen Argumenten, um eine vermeintlich "wahre Tradition" oder „unsere christlichen Werte“ im gern zitierten „christlichen Abendland“ zu „verteidigen“.
„Die Würde ist universal“
Karin Schieszl-Rathgeb betont am Rande der Tagung: „Wenn Religion und extreme Rechte zusammenkommen, geht es selten um Frömmigkeit, sondern um Deutungshoheit. Die extreme Rechte nutzt häufig sakrale Aufladung, um Ungleichheit zu legitimieren – ein heiliges ‚Wir‘ gegen die anderen. Autoritarismus lebt von diesem Dualismus.“ Dies sei mit dem Christentum, das die unantastbare Würde aller Menschen durch ihre Erschaffung als „Ebenbild Gottes“ habe, nicht vereinbar: „Die Würde ist universal – sobald sie selektiv wird, ist sie nicht mehr christlich.“
Zum Programm der zweitägigen Tagung am Theologicum Tübingen: HIER





