Seelsorge

Seelsorge für alle - von der Kindheit bis zum Alter

Heiko Hauger von der Diözese Rottenburg-Stuttgart am Stand auf dem Queerpolitischen Fach- und Vernetzungstag des Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration . Foto: DRS/ Heiko Hauger

Die Diözese folgte der Einladung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration zum ´Queerpolitischen Fach- und Vernetzungstag`.

Seelsorgearbeit ist besonders effektiv, wenn Begegnung, Austausch und Vernetzung zwischen Akteur:innen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern stattfinden. Zum „Queerpolitischen Fachtag – Von der Kindheit bis ins Alter“ am 21. April im Veranstaltungsgebäude SpOrt in Stuttgart waren Fachkräfte aus Beratung, Kinder-, Jugend-, Familien- und Senior:innenarbeit, Träger, Initiativen, Ehrenamtliche, Mitarbeitende aus Verwaltung und Politik sowie alle weiteren queerpolitischen Akteur:innen in Baden-Württemberg eingeladen, um neue Impulse für die Zusammenarbeit zu setzen. Als wichtige gesellschaftspolitische Ansprechpartnerin war auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart vertreten.

Ein Land der Vielfalt und der offenen Gesellschaft

Das Grußwort sprach Sozialminister Manne Lucha von den Grünen. Als starker Befürworter von LSBTIQ*-Rechten treibt der Politiker den Aktionsplan „Für Akzeptanz & gleiche Rechte“ voran und betont immer wieder, dass queere Rechte Menschenrechte sind. Auch in seinem Grußwort wurde deutlich, dass der Abbau von Diskriminierung und die Gleichstellung queerer Menschen für ihn ein Herzensanliegen sind. Für ihn stehe fest, dass „die Vernetzung wahnsinnig wichtig“ ist, so Lucha in seiner Rede. Respekt und Achtung gegenüber anderen seien für ihn die Grundlagen unseres demokratischen Zusammenlebens. Er bemerkte positiv, dass die Kirchen beim Fachtag vertreten sind. In Anbetracht beunruhigender Entwicklungen wie der Zunahme von Queerfeindlichkeit betonte er: „Wir sind ein Land der Vielfalt. Wir sind ein Land der offenen Gesellschaft.“ In seinen Jahren als Minister sei ihm der Grundsatz immer wichtig gewesen: „Aus Betroffenen Beteiligte machen!“ – ein Leitgedanke, der sich auf die Projektstelle „Queersensible Pastoral“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart übertragen lässt.

Als Kirche demokratische Verantwortung übernehmen

Karin Schieszl-Rathgeb, Leiterin der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft, erklärt, weshalb die Sensibilisierung für dieses seelsorgerische Thema gerade für die Kirche so wichtig ist: „In gesellschaftspolitisch rauer werdenden Zeiten berührt Akzeptanz queerer Menschen den Kern der Demokratie. Würde und Teilhabe aller müssen aktiv geschützt werden durch Politik und Kirche. Unsere Präsenz beim Fachtag zeigt, dass wir als Kirche Verantwortung übernehmen und an der Seite queerer Menschen stehen. Sensibilisieren von Institutionen bis hin zu Familien ist zentral, weil dort Akzeptanz im Alltag konkret gelebt und erfahren wird.“

Kirche begleitet unterstützend

Gerade andere Beratungszentren begrüßten es, Ansprechpersonen zu haben, die sich im Themenfeld queer und gläubig und katholisch auskennen, bestätigt auch der Katholische Theologe und Projektreferent Heiko Hauger von der Projektstelle „Queersensible Pastoral“ der Diözese. Viele erlebten Glauben und Kirche im Kontext ihres Coming-outs oder ihres „queeren Lebens“ als schwierig. Vielen sei überhaupt nicht bewusst, dass sich die katholische Kirche auch für ein queersensibles Handeln engagiert, beziehungsweise Schritte dahin gehen möchte. Zentral sei, hier unterstützend zu begleiten, kirchliche Gruppen und Angebote im Themenfeld zu kennen und Kontakte zu vermitteln, so der Theologe weiter. „Der direkte Kontakt und Austausch, den ein solcher Fachtag ermöglicht, ist daher sehr wichtig für unser Projekt“, sagt er.

Kirche ist eine große soziale und seelsorgerische Akteurin

Auf der Projektmesse stellte Heiko Hauger das seelsorgerische Projekt ´Queersensible Pastoral` der Diözese Rottenburg-Stuttgart vor. Er sagt: „Das diesjährige Thema des Fachtags ‘Von der Kindheit bis ins Alter‘ könnte eine Beschreibung kirchlichen Handelns sein. Bisher hatte sich kirchliches Handeln oftmals daran orientiert Menschen während ihres ganzen Lebens zu begleiten und für sie da zu sein." Jedes Lebensalter habe seine Herausforderungen und Bedarfe, so Heiko Hauger. Die Kirche sei eine große soziale und seelsorgliche Akteurin mit Kindertagesstätten, Pflegeeinrichtungen, Jugendarbeit, Frauen-, Männer-, Familienarbeit, Hospizen und pastoraler Begleitung in vielen Lebensfeldern. “Insofern ist es für uns spannend zu sehen, welche Punkte aus queerer Sicht zentral sind. Es geht eben nicht nur darum, einzelne „Programmpunkte“ für queere Menschen anzubieten – im Sinne einer Sonderseelsorge –, sondern eine Haltung einzunehmen, die queersensibel ist und in den unterschiedlichen Lebensfeldern erfahrbar wird”, betonte Hauger.

Die Würde jedes Menschen respektieren

Über den konkreten Nutzen der Vernetzung hinaus sehe er auch eine zentrale politische Dimension, sagt Heiko Hauger besorgt und gleichzeitig motiviert: „Wir stellen eine Ambivalenz in unserer Gesellschaft fest: Auf der einen Seite gab und gibt es große Fortschritte für queere Menschen in Bezug auf Sichtbarkeit und – auch rechtliche – Anerkennung. Zugleich nimmt die Gewalt gegenüber queeren Menschen zu, und im politischen Diskurs ist eine zunehmende Polarisierung festzustellen, die ich mit Sorge beobachte. Umso wichtiger ist es, dass wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass die Würde jedes einzelnen Menschen respektiert wird und alle sich entfalten können.“

Gemeinsam in Bewegung kommen

Aus dem Fachtag und den Workshops bringt der Theologe Heiko Hauger viel mit für seine Arbeit in der Diözese. Er sagt: „Es tut gut zu sehen, was an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Institutionen bereits in Bewegung gekommen ist".  “Der Spirit ist zu spüren”, brachte es Sozialminister Lucha auf den Punkt.

Großes Interesse an der Kirche

Der Stand der Diözese sei auf großes Interesse gestoßen, so Hauger: „Manche waren überrascht, dass ´die Kirche` vertreten ist, und finden es gleichzeitig wichtig, dass wir das Thema ´queer und gläubig` aufgreifen. In vielen Beiträgen war zugleich die Sorge spürbar, dass die Zeiten rauer geworden sind. Politische Errungenschaften und unsere Demokratie stehen unter Druck. Dass wir als Gesellschaft und Kirche queersensibler werden, ist kein Automatismus. Es braucht das Engagement vieler!“

Was bedeutet QUEER? Was bedeutet LSBTIQ*?

´Queer` ist ein positiver Sammelbegriff für alle Menschen, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht der heterosexuellen Norm entspricht oder deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt aufgrund körperlicher Merkmale zugewiesen wurde. Als Schirmbegriff umfasst er vielfältige Identitäten wie lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter* und nicht-binär, oft zusammengefasst als LSBTIQ*. Der Begriff ´Queer` wird auch verwendet, um gegen Diskriminierung und Queerfeindlichkeit einzustehen und gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen.

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