Flüchtlingshilfe

„So viele Geflüchtete wie nie zuvor“

Dr. Wolf-Gero Reichert von der Hauptabteilung „Weltkirche“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Anlässlich des Weltflüchtlingstags 2025 verweist Dr. Wolf-Gero Reichert von der Hauptabteilung „Weltkirche“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf die Bedeutung der katholischen Kirche in der Flüchtlingshilfe weltweit. Bild: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Tobias Döpker

Interview mit Dr. Wolf-Gero Reichert von der Hauptabteilung "Weltkirche" der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus Anlass des Weltflüchtlingstags 2025.

Mit dem Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen am 20. Juni soll das Bewusstsein für die Situation von Geflüchteten gestärkt werden. Dr. Wolf-Gero Reichert von der Hauptabteilung „Weltkirche“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart spricht aus diesem Anlass über den Kollaps des Systems der humanitären Hilfe und darüber, wie sich Menschen solidarisieren.

Herr Dr. Reichert, der Weltflüchtlingstag erinnert an das millionenfache Schicksal von Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Was bedeutet Ihnen dieser Aktionstag?

Der Weltflüchtlingstag ist heute wichtiger denn je, insbesondere in globaler Perspektive. Weltweit gibt es so viele Geflüchtete wie nie zuvor, die Unterstützung und offene Türen brauchen. Zugleich nimmt die Feindlichkeit gegenüber Flüchtlingen zu und die politischen Abwehrstrategien in vielen Aufnahmeländern werden immer menschenverachtender. Daher ist es wichtig, am Weltflüchtlingstag daran zu erinnern, dass niemand aus Übermut seine Heimat verlässt, sondern weil sie oder er dazu gezwungen ist.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart unterstützt die Flüchtlingshilfe der katholischen Kirche seit Jahren mit hohen Geldbeträgen. Wie ist die aktuelle Bilanz?

Die katholische Kirche ist – weltweit gesehen – der wichtigste, nichtstaatliche Akteur der Flüchtlingshilfe, insbesondere in den Ländern des Globalen Südens, in denen die allermeisten Geflüchteten aufgenommen werden. In diesem Jahr hat die Hauptabteilung Weltkirche bereits 17 Projekte der weltkirchlichen Flüchtlingshilfe mit einem Volumen von 1,64 Millionen Euro unterstützt. Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr Hilfsmaßnahmen mit bis zu vier Millionen Euro unterstützen werden, wir befinden uns ja noch nicht einmal in der Mitte des Jahres.

Woher kommt dieses Geld?

Die Mittel stammen aus Kirchensteuern. In den vergangenen Jahren wurde aus Kirchensteuerüberschüssen ein Fonds für die weltkirchliche Flüchtlingshilfe gespeist. Dieser wurde in diesem Jahr in ein reguläres Budget überführt, sodass die Diözese Rottenburg-Stuttgart diese wichtigen Hilfen für Geflüchtete auch in Zeiten ohne Kirchensteuerüberschüsse fortsetzen kann.

Wo steht die Diözese Rottenburg-Stuttgart da im deutschlandweiten Vergleich?

Deutschlandweit ist mir keine andere Diözese bekannt, die in ähnlichem Ausmaß humanitäre Hilfe für Geflüchtete weltweit leistet. Vielleicht zeigt sich darin ein Stück weit das geistige Erbe des Diözesanpatrons, des heiligen Martins von Tour, der ja bekanntlich seinen Mantel mit dem Bedürftigen geteilt hat.

Gibt es Schwerpunkte bei der Art der Unterstützung?

Weder regional noch mit Blick auf die Zielgruppen gibt es eine besondere Schwerpunktsetzung. Es werden Projekte in allen Kontinenten gefördert, angefangen von der Ukraine in Europa, im Nahen Osten, in Myanmar, in Äthiopien und vielen anderen afrikanischen Ländern oder auch in den Nachbarstaaten von Venezuela. Die Projekte umfassen Unterstützung bei der Unterbringung von Geflüchteten, bei der medizinischen Versorgung oder bei der Schulbildung, aber auch langfristig wirkende Programme zur Stärkung der Erwerbsfähigkeit.

In den Nachrichten sehen wir täglich, was Krieg anrichtet und wie schwer es ist, die Gewalt zu beenden. Was sind andere Fluchtursachen, mit denen Sie zu tun haben und denen Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten auch tatsächlich etwas entgegensetzen können?

Ganz sicher sind Kriege oder auch Bürgerkriege die wichtigsten Auslöser von Fluchtbewegungen. Aber es gibt auch Menschen, die aufgrund terroristischer Anschläge oder zunehmend auch durch die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen aufgrund des Klimawandels gezwungen sind, zu fliehen.

Können Sie uns ein, zwei konkrete Beispiele nennen?

Die Westbalkanroute ist mittlerweile eine der wichtigsten Routen für Geflüchtete in die EU. Die Erzdiözese Belgrad hat Camps für Geflüchtete errichtet, die in Belgrad gestrandet sind. Wir unterstützen dort ein Programm, in dem den Kindern der Geflüchteten, denen in ihren Heimatländern, aber auch auf ihrer Fluchtroute Schlimmes widerfahren ist und die deshalb als traumatisiert gelten, psychosozial geholfen wird, durch Therapie- und Gesprächsangebote, aber auch durch etwas Normalität im Unterricht und durch schöne Gemeinschaftserlebnisse. Und ein zweites Beispiel: In den Flüchtlingscamps des Südsudans gibt es nicht ausreichend Trinkwasser, was ein extrem großes Problem darstellt. Wir sind deshalb froh, die Sisters of Our Lady of Peace darin unterstützen zu können, einen Brunnen zu bohren, der die Geflüchteten versorgt.

Was sind aus Ihrer Sicht Dinge, die wir von den Empfängern Ihrer Hilfen für uns hier in Deutschland lernen können?

Zum einen die Hoffnung: Viele haben alles verloren, viele haben trotzdem ein großes Vertrauen in Gott und die Hoffnung darauf, dass sich ihre Situation ändern wird. Zum anderen die Fähigkeit, mit Menschen mit ganz anderem kulturellem Hintergrund, anderer Sprache und anderer Religion unter Extrembedingungen zusammenzuleben. Das läuft natürlich nicht immer konfliktfrei, aber dass es läuft, zeugt von einer großen Konfliktbearbeitungskompetenz der Geflüchteten und einer großen Bereitschaft, sich trotz der Unterschiede mit anderen zu solidarisieren.

Sie haben Einblick in viele Notlagen. Gestatten Sie zum Abschluss die persönliche Frage, was für Sie die wichtigen Dinge sind, die Sie aus Ihrer Tätigkeit für sich mitnehmen?

Wir erleben derzeit den Kollaps des Systems der humanitären Hilfe weltweit, seit sich die USA vollständig zurückgezogen haben und seit andere große Geberländer – wie Großbritannien und vermutlich auch bald die Bundesrepublik Deutschland – ihre Beiträge deutlich reduzieren werden. Mir tut es sehr gut zu wissen, dass unsere Arbeit – und damit die bewundernswerte Arbeit unserer kirchlichen Partnerorganisationen – in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sehr wertgeschätzt wird und große Unterstützung erfährt.

Zur Person

Wolf-Gero Reichert führt die Geschäfte der Hauptabteilung „Weltkirche“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart. „Die Erfahrung, wie Kirche auch anders sein kann, habe ich vor über 20 Jahren in Argentinien machen dürfen, und diese Erfahrung prägt mich bis heute“, sagt er. Reichert ist verheiratet, Vater von drei Kindern – und sehr froh, dass sie in einer sicheren Umgebung aufwachsen dürfen.

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