Ruf und Rat

Starke Männer müssen reden

#MEnToo - demnächst Kooperation mit dem VFB FANprojekt, Bild: RuR

Vor einem Jahr erfolgte der Startschuss für #MEnToo, einer Initiative von Ruf&Rat gegen sexualisierte Gewalt gegen Männer. Seitdem ist viel passiert.

Ja, es gibt sie, die sexualisierte Gewalt gegen Männer. Leider verharmlosen nicht nur Frauen und Täter:innen diese Tatsache. Selbst die betroffenen Männer spielen die sexuellen Übergriffe oft herunter oder deuten sexuelle Grenzverletzungen gegen sich falsch. Die körperlichen wie seelischen Verletzungen bannen sich manchmal erst zeitverzögert den Weg an die Oberfläche des Bewusstseins.

Gesellschaftliche Tabus

Ein Grund dafür sind die bestehenden Geschlechterklischees, wie auch Weihbischof Matthäus Karrer bestätigt: „Sexualisierte Gewalt gegen Männer ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Es passt nicht zur Vorstellung des vermeintlich "starken Geschlechts" zum Betroffenen von sexualisierter Gewalt zu werden.“ In diesem Zusammenhang stellt Weihbischof Karrer die Bedeutung von Beratungsstellen und Hilfsangebote heraus: „Umso wichtiger ist es, geschützte Orte zu haben, wo über entsprechende Erfahrungen offen geredet werden kann.“

Das Leben von Betroffenen stärken

Ein solcher geschützter Ort ist  Ruf und Rat mit seiner Initiative #MEnTOO. Hier finden Betroffene und Angehörige Unterstützung in Form von psychologischer Beratung und juristischer Erstberatung. Für Matthäus Karrer passt das Angebot gut in das Portfolio der Kirche: „Es passt zur Zielrichtung der kirchlichen Beratungsarbeit: Betroffenen zuzuhören, beizustehen und für ihr Leben zu stärken.“

Wir sprachen mit dem Psychologen Johannes Löhbach, mit der Diplom Theologin, psychologische Beraterin und Traumatherapeutin Mihaela Macan sowie mit der  Diplom Sozialpädagogin, Systemischen Therapeutin und Paar- und Sexualtherapeutin Hanna Gmähle von Ruf und Rat:

Was ist seit der Gründung vor einem Jahr passiert?

Mihaela Macan: Aus dem damaligen Projekt ist ein regelfinanziertes Angebot bei Ruf und Rat geworden. Wir haben eine Förderung durch das Ministerium für Soziales und Integration erhalten und konnten das Team um eine neue Mitarbeiterin, Hanna Gmähle, erweitern. Das Angebot konnten wir an weiteren Stellen platzieren und somit diesem bisherigen Tabu-Thema mehr Aufmerksamkeit geben – etwa beim ersten Stiftercafé zum Thema „Werte in Sport und Religion“ mit Stadtdekan Dr. Christian Hermes und dem ehemaligen deutschen Fußball-Nationalspieler und VfB-Profi Cacau vorstellen. Außerdem waren wir in den Bezirksbeiräten in Stuttgart. Daneben konnten wir am round table „Sexualisierte Gewalt“ in der Landeshauptstadt über unser Angebot referieren. Wir kooperieren mit der DHBW Stuttgart, wo ich einen Workshop für Studierende zum Thema gab. Eine weitere Kooperation hat sich mit dem FANProjekt des VfB Stuttgart ergeben. Auf deren Instagram Seite wird demnächst unsere Kampagne #MEnTOO veröffentlicht.

Ist Sexualisierte Gewalt gegen Männer wirklich ein Thema?

Mihaela Macan: Es ist in Deutschland ein Thema, das bisher zu wenig bis keine Aufmerksamkeit bekommt. Es gibt sie und es sind nicht wenige Männer davon betroffen. Den Ergebnissen der Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ (GeSiD) zufolge haben 13,2 % der Männer – also mehr als 5,4 Millionen – im Kindes-, Jugend- oder Erwachsenenalter sexualisierte Gewalt erlebt.  Das sind die Zahlen, die uns zur Verfügung stehen. Das heißt Taten, die bei der Polizei angezeigt oder im Zuge von Ermittlungen aufgedeckt wurden. Wir gehen davon aus, dass das Dunkelfeld um ein Vielfaches höher ist. Zu uns in die Beratungsstelle haben bisher 50 Klient:innen den Weg gefunden.

Was war der Auslöser für die Gründung dieser Initiative?

Hanna Gmähle: Die Diözese Rottenburg-Stuttgart übernimmt mit der Umsetzung des Angebots Verantwortung im Umgang mit den Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche. Zudem erreichten die Beratungsstelle Ruf und Rat wiederholt Anfragen von Fachberatungsstellen für Frauen. Männer, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, wandten sich mangels Anlaufstellen für Männer, an Beratungsstellen, die auf erwachsene Frauen ausgerichtet sind. Es war unklar, wohin Männer vermittelt werden können, die auf Suche nach einem Hilfsangebot sind. 

Wie erfahren Männer von Ihrer Beratungsstelle?

Hanna Gmähle: Der häufigste Zugangsweg der Männer war durch einen Verweis von Kooperationspartnern der Stuttgarter Beratungslandschaft auf unser Angebot. Zum Beispiel Männerschutzwohnung (Sozialberatung Stuttgart), Zeugen- oder Prozessbegleitung (PräventSozial), Beratungsstelle für Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben (Wildwasser), Auseinandersetzung mit eigenen Täteranteilen oder eigenen Tatneigung (Tatprävention, PräventSozial), Traumaambulanz – Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Klinikum Esslingen GmbH), Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Diakoniekrankenhaus, Stuttgart

Der zweit häufigste Zugangsweg war eine Online Recherche der Betroffenen, dicht gefolgt von stattgefundener Öffentlichkeitsarbeit. Zudem gab es vereinzelt Überweisungen aus der Diözese oder Kollg:innen von Ruf und Rat.

Mit welchen Anliegen kommen Männer zu Ihnen in die Beratungsstelle?

Mihaela Macan: Es kann um ein Einsortieren des Erlebten gehen. Es kann darum gehen, Worte dafür zu finden oder es zum ersten Mal auszusprechen. Es wollen manchmal die Fragen geklärt werden, wem man davon erzählen will oder wie man weniger daran erinnert wird. Es kann um Stabilisierung gehen und die Entwicklung einer Strategie, mit der Gewalt, die einem widerfahren ist, zu leben. Manchmal gibt es auch den Wunsch nach einer juristischen Beratung. Es geht darum, sich zu informieren, was auf einen zukommt, wenn man eine Anzeige erstattet, oder welche Unterstützung es gibt. An dieser Stelle haben wir „kurze Wege“, da wir eine Volljuristin im Team haben, die ein juristisches Erstgespräch anbieten kann, oder wir können an die Kolleg:innen von PräventSozial verweisen.

Warum zögern manche Männer, sich an Sie zu wenden?

Mihaela Macan: Das Thema sexualisierte Gewalt ist – egal welches Geschlecht betroffen ist – mit Scham verbunden. Es kommt vor, dass betroffene Menschen der Annahme sind, selbst schuld zu sein. In einem traditionellen Männerbild sind Verletzlichkeit oder sich Unterstützung suchen nicht vorgesehen. Zudem gelten Männer in den Köpfen vor allem als Täter an Frauen und Kindern.

Was sind das für Männer, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Mihaela Macan: Es sind ganz normale Männer. Menschen wie „Du und ich“. Der Erfahrung nach kommen Personen zu uns in die Beratungsstelle, die Stärke und Mut entwickelt haben, sich mit dem Unrecht, das ihnen widerfahren ist, auseinanderzusetzen. Es sind Männer, die bisher schon Strategien entwickelt haben, mit dem Erlebten umzugehen. Manchmal wird diese Stärke erst im Beratungsprozess bewusst sichtbar.

 

„Ich wünsche den Mitarbeitenden in der Beratungsstelle immer ein offenes Ohr und die passenden Worte für alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Und weiterhin viele kreative Ideen für gemeinsame Projekte mit anderen Institutionen, um dem Thema "Sexualisierte Gewalt gegen Männer" Gehör und Beachtung zu ermöglichen.“ (Weihbischof Matthäus Karrer)

 

Wo passiert sexualisierte Gewalt?

Mihaela Macan: Die meisten Betroffenen, die zu uns in die Beratungsstelle kommen, erlebten sexualisierte Gewalt im Kontext der Familie. Dabei stammen die Betroffenen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Die Täter:innen waren männlichen und weibliches Geschlechts. Es wurde von Grenzverletzungen berichtet, aber auch Fälle aus dem sogenannten „Hardcore-Bereich“ erreichten uns.

Wie sieht so eine Beratung konkret aus?

Johannes Löhbach: Wir stimmen die Beratung individuell auf die Person ab, die diese in Anspruch nehmen möchte. Zu Beginn der Beratung bitten wir die Betroffenen, den Anlass zu beschreiben, warum sie gerade jetzt eine Beratung beginnen möchten. Anschließend werden sie gebeten, ihr konkretes Anliegen zu schildern und zu beschreiben, was der Auftrag an die Beraterin bzw. den Berater ist. Wenn der Auftrag zu dem passt, was wir anbieten können, dann wird gemeinsam vereinbart, worum es in der Beratung gehen soll und auf welche Ziele wir hinarbeiten möchten, und an welchen Themen gearbeitet werden soll. Dabei ist es in den seltensten Fällen hilfreich, dass der Klient detailliert über die Gewalterfahrungen berichtet. Wichtig ist es hingegen, die Klienten im Umgang mit den Reaktionen ihrer Psyche und ihres Körpers auf die Ereignisse zu unterstützen. Dabei geht es in der Beratung häufig um Stabilisierung, um Techniken zur Selbst- und Emotionsregulation, den Umgang mit depressiven oder psychosomatischen Symptomen oder die Bewältigung des Alltags.

Wer trägt die Kosten?

Johannes Löhbach: Unser Beratungsangebot steht jedem offen und soll nicht an der Finanzierung scheitern. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart übernimmt den überwiegenden Teil der Gesamtkosten. Das Beratungsangebot wird auch durch eine finanzielle Beteiligung unserer Klient:innen mitgetragen. Dabei ist das erste Gespräch kostenfrei. Ab dem zweiten Gespräch bitten wir um eine freiwillige Kostenbeteiligung. Die Höhe dieser Beteiligung legen die Klient:innen selbst fest. Klient:innen, die keinen Eigenbeitrag leisten können, erhalten kostenlose Beratung.

 


„Ich möchte Opfer sexualisierter Gewalt ermutigen, als Betroffene professionelle Beratung und Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Das ist der erste Schritt zum Verlassen der Opferrolle.“ (Weihbischof Matthäus Karrer)

 

Was möchten Sie Männern sagen, die Opfer von sexualisierter Gewalt werden?

Mihaela Macan: Dass sie nicht allein sind. Dass es kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke ist, sich mit dem Erlebten – in welcher Form auch immer – auseinanderzusetzen. Vielleicht auch, dass es in der Beratung nicht darum geht, dass ein Mensch einem gegenübersitzt und dieser weiß, was mit einem „nicht stimme“ und was er brauche. Wir können nur zusammen schauen, welche Strategien bisher entwickelt wurden, um auf diese unnormale Situation zu reagieren und gemeinsam einen Weg finden, das Erlebte in das Leben zu integrieren – falls es das Anliegen gibt.

Wo möchten Sie in 5 Jahren mit MEnToo stehen? Was sind Ihre Ziele?

Johannes Löhbach: Wir sprechen mit unserem Angebot eine Personengruppe an, die in höchstem Maße mit Tabuisierung, Stigmatisierung und gesellschaftlichen Rollenbildern konfrontiert ist. Es wird noch einige Zeit dauern wird, bis Männer, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, sich bei uns melden, nachdem sie von unserem Beratungsangebot erfahren haben. Aktuell sind wir intensiv damit beschäftigt, in Kontakt mit Stuttgarter Hochschulen und Berufsschulen zu treten. Auf diesen Wegen möchten wir unsere Präsenz beispielsweise über Social Media oder Werbebildschirme in Mensen unter Studierenden, Schüler:innen über 18 Jahren und Lehrpersonal deutlich erhöhen

Wann sind Sie erfolgreich?

Mihaela Macan: Das langfristige Ziel ist selbstverständlich, dass es Täter:innen so schwer wie möglich gemacht wird, zu agieren. Sexualisierte Gewalt gegen Männer ist leider Realität. Ein mittelfristiges Ziel ist es, dass das Thema aus dem Dunkelfeld mehr ins Hellfeld rückt, dass es kein Tabu-Thema mehr in der Gesellschaft ist.
Ein Indiz für Erfolg wäre auch, wenn Betroffene davon berichten, dass beim sich Anvertrauen an die Polizei oder im Freundeskreis, es zu keiner Bagatellisierung kommt oder nicht versucht wird, einem das Erlebte abzusprechen. Dass es zu keiner Bewertung kommt und es keinen Unterschied macht, ob man als männliche, diverse oder weibliche Person von sexualisierter Gewalt betroffen ist. Ebenso, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass es neben Tätern auch Täterinnen gibt.

Netzwerkstrukturen und Kooperationen:

Aktuell sind die Berater:innen von #MEnToo in folgenden Vernetzungsstrukturen aktiv:
• Netzwerk Männer*beratung der Stadt Stuttgart – unter der Leitung der Abteilung für Chancengleichheit der Stadt Stuttgart
• Vernetzungstreffen Stuttgarter Träger zum Thema sexualisierte Gewalt
• Round Table „Sexualisierte Gewalt“
• LKSF Baden-Württemberg e.V. – Landeskoordinierung der spezialisierten Fachberatungsstellen für sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend
• Trägerkonferenz der Stuttgarter Beratungsstellen
• Präventionsgremium Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene
• Vernetzungstreffen Prävention
• Katholische Erwachsenenbildung

Außerdem bestehen Kooperationen mit

• Klinikum Esslingen (Klinik für Psychosomatik und psychotherapeutische Medizin, Traumaambulanz) – Kontakt: Dr. Peter Stammberger
• Fachbereich Männer der DRS (Hauptabteilung XI) - Christian Kindler
• Sozialberatung Stuttgart e.V.: u.a. bei Bedarf einer Männerschutzwohnung
 

Zum Hintergrund

In den Jahren 2019 bis 2023 wurden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart an drei Standorten der Psychologischen Familien- und Lebensberatungsstellen Modellprojekte gegen sexuelle Gewalt ins Leben gerufen: bei „Ruf und Rat“ in Stuttgart sowie bei den Psychologischen Beratungsstellen in Tuttlingen und Horb. Die Standorte wurden bewusst heterogen ausgesucht: ländlich und städtisch, in diözesaner und in ökumenischer Trägerschaft. Das Projekt wurde als Reaktion auf die Veröffentlichung der MHG-Studie im September 2018 initiiert, um die Situation von Betroffenen zu verbessern, Präventionsmaßnahmen zu stärken und um mit neuen Ideen Lücken im Beratungsangebot zu schließen. Ab 2024 wurden die Projektstellen in feste Stellen umgewandelt. Das zusätzlich entstandene Angebot wurde damit verstetigt. (Gregor Moser)

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