Kirche der Zukunft

Wie wird die Seelsorge einer Kirche der Zukunft aussehen?

Über 250 Priester unter einem großen Zeltdach | Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Jochen Wiedemann

Rund 250 Priester waren der Einladung von Bischof Dr. Klaus Krämer gefolgt und kamen am 16. Juli zum „Tag der Priester“ nach Rottenburg.

Im großen Zelt vor dem Bischofshaus beschäftigten sich die Teilnehmenden mit den Veränderungen, die die Diözese Rottenburg-Stuttgart in den kommenden Jahren beschäftigen werden. 

Der Informationsteil des Priestertags stellte den Prozess „Kirche der Zukunft“ und insbesondere das Projekt „Seelsorge in neuen Strukturen“ vor, den der Diözesanrat in seiner Sitzung vom 27./28. Juni auf den Weg brachte. (Wir berichteten: Auf dem Weg zur „Kirche der Zukunft“

In Kleingruppen diskutierten die Priester anschließend über die die Veränderung zu einer „Seelsorge in neuen Strukturen“. Ordinariatsrätin Regina Seneca und Domkapitular Holger Winterholer holten Wortmeldungen aus den Kleingruppen ein, zu denen Bischof Dr. Klaus Krämer anschließend Stellung nahm. 

Strukturen ändern, um Seelsorge zu ermöglichen

Bischof Krämer: „Wenn wir hier über viel über Strukturen reden, dann heißt das gerade nicht, dass die pastoralen Inhalte und die sakramentalen Vollzüge nachrangig wären. Nein, wir wollen Strukturen schaffen, die uns ermöglichen, auch in Zukunft bei den Menschen zu bleiben – in der Feier der Eucharistie, in der Spendung der Sakramente, in der Glaubensverkündigung und Katechese. Das soll in den neuen Strukturen so gelebt werden können, dass es die Menschen in der Form erreicht, wie wir heute Menschen erreichen können – was sicher anders ist, als es noch vor Generationen der Fall war.“

Qualitative Präsenz 

Bischof Krämer: „Wir müssen uns vom quantitativen Denken verabschieden. Wir werden zukünftig keine flächendeckenden Angebote machen können, sondern müssen genau hinschauen, wo wir an den richtigen Stellen Schwerpunkte setzen, damit wir trotz der veränderten Situation eine hohe qualitative Präsenz zeigen. Wenn wir das, was wir machen, gut machen, dann gehen davon Impulse aus, die Glaubensleben und kirchliches Leben auch wieder wachsen lassen.“

Nicht noch mehr Gremien

Bischof Krämer: „Wenn wir hier von „Verschlankung“ reden, ist ein Ziel, den Verwaltungsaufwand, den Leitungsaufwand in Gremien und Sitzungen zu verschlanken. Deshalb zielen die vorgestellten Modelle darauf ab, die Menge der Körperschaften zu reduzieren, da diese sehr viel Aufwand erzeugt – denn in jeder rechtlich verfassten Größe muss es die entsprechenden Gremien geben, müssen Haushaltspläne gemacht werden usw. Das erzeugt großen Aufwand. An der Stelle wollen wir deutlich reduzieren.“

Menschennähe in größeren Raumschaften

Bischof Krämer: „Größere Raumschaften bedeuten nicht, dass die Pastoral auf diese großen Räume ‚hochgezogen‘ wird. Es ist ein Missverständnis, das, glaube ich, oft vorliegt, dass man am Ende des Prozesses eine Kirchengemeinde mit größerem Territorium hat und dann die Eucharistiefeier nur noch an einem ‚Zentralort‘ stattfindet. So ist es nicht gemeint und so wird es auch nicht sein. Wichtig ist mir das Netzwerk in diesen Raumschaften. Ehrenamt, nahe bei den Menschen sein, das sind die Dinge, die in diesem Netzwerk stattfinden sollen. Es wird ein zentrales Moment sein, hier neue Ideen zu entwickeln, Menschen durch neue Projekte, neue Initiativen zu begeistern, das wird ein ganz wichtiges Element sein. Es ist das Stichwort ‚kleine christliche Gemeinschaften‘ gefallen, das mir als ehemaligem Missio-Präsidenten natürlich stark am Herzen liegt, weil Missio das über die Jahrzehnte weltweit stark gefördert hat. Dieses Modell wurde in Südafrika entwickelt, ist dann in Afrika führend geworden und die asiatischen Kirchen haben das auf ihre eigene Weise übernommen. Das Modell zeigt, dass Kirche am Ort wirklich sehr lebendig sein kann, dass Zellen entstehen, die ganz aus dem Gebet und aus dem gemeinsamen Lesen der Heiligen Schrift leben und ihren Alltag gestalten – und eine enorm kirchenbildende Wirkung haben können. Das kann an verschiedenen Orten unterschiedlich laufen, das muss kein Modell sein, das überall gleich ist. Man muss immer schauen, was der sozialen Wirklichkeit und der Mentalität der Menschen entspricht. Was in Afrika funktioniert, wird nicht in gleicher Weise bei uns funktionieren. Wir müssen eigene Wege finden. Aber was ich immer wieder entdeckt habe: Wenn aus dem Gebet und der Begegnung mit der Heiligen Schrift neues Leben entsteht, sind das die Quellen, aus denen sich Kirche speist. Das wird bei uns etwas anderes sein als an anderen Orten der Weltkirche, aber es wird auch bei uns funktionieren. Wir müssen uns neu trauen, neue Dinge auszuprobieren, aber auch dem Heiligen Geist zuzutrauen, dass er bei uns wirken kann. Wir brauchen Gottvertrauen und Geistesgegenwärtigkeit, sonst werden wir am Ende nicht mehr Kirche, sondern nur eine gut organisierte Struktur sein, und das wäre natürlich zu wenig.“

Beteiligung und Mitgestaltung

Bischof Krämer: „Bis jetzt sind wir in der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Prozessen, an denen die verschiedenen Ebenen beteiligt werden, gut gefahren; ich denke da auch an die Entwicklung der Seelsorgeeinheiten. Wir haben da vielleicht eine etwas andere Kultur als andere Diözesen. Meine Erfahrung ist: Wenn man am Anfang schnell von oben dekretiert, braucht man hinterher viel mehr Zeit, um Akzeptanz zu erzeugen. Denn das so entstandene Unverständnis, die Verletzungen und so weiter, die muss man dann danach bearbeiten, und das braucht mitunter länger, als wenn man sich am Anfang mehr Zeit nimmt und auf mehr Beteiligung setzt. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich das auszahlen wird. Deshalb setze ich auf Partizipation.
Einer der großen Herausforderungen an einem solchen „Change“-Prozess ist, alle mitzunehmen. Das gilt für sie, für die pastoralen Mitarbeitenden, für die Teams. Das muss gut begleitet werden mit Weiterbildung, Coaching und Supervision. Diese Instrumente müssen wir nutzen, damit die Herausforderungen nicht vor Ort zu Konflikten führen.“

Personal ist unsere wichtigste Ressource

Bischof Krämer: „Dann steht auch eine Personalstrategie an, um die Zuordnung von Personalressourcen zu einzelnen Themen klärt. Wie viel kommt in die Kategorialseelsorge, wie viel in die Gemeindeseelsorge? Das Personal ist unsere wichtigste Ressource. 80 Prozent unserer Finanzmittel gehen in Personalkosten. Deshalb müssen wir einen Schwerpunkt darauf legen, dass die Menschen, die mit uns arbeiten, die zusammenarbeiten, das in guter Weise tun und nicht in Konflikten untereinander die Kraft verschleißen, die den Menschen zugutekommen soll, für die wir da sind.“

Grundlagen für eine Kirche der Zukunft legen

Bischof Krämer: „Ihr alle seid Multiplikatoren in euren Gemeinden. In so einem Prozess ist es wichtig, alle Mitarbeitenden mitzunehmen, aber vor allem ist es wichtig, die engagierten Gemeindemitglieder mitzunehmen und sie in diesem Prozess zu begleiten, in dem man ja auch vieles loslassen muss. Das geht mit Gebäuden los, aber es gibt auch noch ganz andere Dinge, die man loslassen muss. Und es ist ein schmerzhafter Prozess, wenn man ein Stück gewohnte Kirche, die Heimat geworden ist, loslassen muss. Aber – das habe ich beim Prozess „Räume für eine Kirche der Zukunft“ bislang immer wieder gemerkt: Sobald die Menschen merken, dass wir ihnen nichts wegnehmen wollen, sondern dass wir einfach die Grundlagen dafür legen wollen, dass Kirche gut in die Zukunft finden kann, dass auch die nächste und übernächste Generation ihr Christ-Sein leben können, dann bekommt das Ganze eine viel positivere Dynamik. Wir müssen versuchen, diesen ‚Turnaround‘ hinzubekommen – den Verlust und den damit zusammenhängenden Schmerz zulassen und nicht wegreden oder schlechtreden; aber dann auch den Blick in die Zukunft richten.“

Verantwortung in der Generationenfolge

Bischof Krämer: „Ich habe in vielen Gesprächen in den letzten Jahren gesagt: Denken Sie einmal daran, wie Ihre Kinder und Enkel über Sie reden werden, die dann Verantwortung in der Gemeinde haben. Werden sie sagen: ‚Die haben damals kluge Entscheidungen getroffen, auf die wir heute gut aufbauen können‘, oder werden sie sagen: ‚Die haben uns Lasten hinterlassen, die wir nicht tragen können und die uns jetzt die Möglichkeit nehmen, die wir gerne hätten, um unsere Vorstellung von Kirche zu verwirklichen‘. Diese Verantwortung in der Generationenfolge für die Zukunft ist etwas ganz Wichtiges. Und das hat sehr viel mit Bewusstseinsbildung und Motivation zu tun. Bitte vermitteln Sie, dass wir nicht einfach reduzieren und uns in kleineren Formaten bescheiden, weil wir keine andere Möglichkeit mehr haben, sondern dass wir mit einer positiven Energie in die Zukunft gehen. Kirche hängt nie an der Größe der Zahlen und der Quadratmeter in den Gebäuden. Es ist eine innere Grundhaltung, die wir wirklich leben und verkörpern. Und in dem Maße, wie uns das gelingt, wird Kirche auch wieder wachsen, davon bin ich überzeugt. Es wird zumindest in der Qualität unseres Kirche-Seins wachsen.“