Der Andrang war zu groß, der ursprünglich vorgesehene Saal zu klein: Mehr als 170 Personen kamen zum Thementag „Vittore Carpaccio und seine Altarbilder“ in die Staatsgalerie Stuttgart. Die Veranstaltung war eine Kooperationstagung zwischen dem Geschichtsverein der Diözese, der Akademie der Diözese und der Staatsgalerie.
Die Geschichte der Sammlung Barbini-Breganze
In der Sonderausstellung „Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig“ zeigt die Staatsgalerie unter anderem Altarbilder des Renaissancemalers Carpaccio, die in den letzten Jahren in den Stuttgarter Werkstätten aufwändig restauriert worden sind. Im Schauatelier der Wüstenrot Stiftung hatten Interessierte schon zuvor die Gelegenheit, die Arbeiten an der „Disputatio des heiligen Thomas von Aquin mit den Heiligen Markus und Ludwig von Toulouse“ live zu verfolgen. Das Gemälde aus dem Jahr 1507 ist nun zum Highlight der Ausstellung geworden.
Dr. Christine Follmann, Kuratorin der Sonderausstellung, stellte Vittore Carpaccio (um 1460/65-1525/26) als einen der bedeutendsten Maler der venezianischen Frührenaissance dar. Sie erzählte die Geschichte der Sammlung Barbini-Breganze, die 1852 vom württembergischen König Wilhelm I. in Venedig erworben worden war und als Grundstock der Staatsgalerie gilt. Durch diese Erwerbung gelangte auch die „Disputatio des heiligen Thomas“, ein Altar-Retabel, nach Deutschland. Am Beispiel dieses und weiterer Werke, bei denen Carpaccios Urheberschaft als gesichert gilt, erläuterte Follmann die künstlerischen Fähigkeiten des Malers.
Untersuchungen im Vorfeld
Gebannt folgten die Teilnehmer:innen den Ausführungen der Restauratorinnen Antoaneta Ferres und Hanna Gräbeldinger, die das Highlight-Werk für die Ausstellung fachgerecht wiederhergestellt haben. Unter der obersten Farblage des Altarretabels fanden sie bislang überdeckte Malschichten. Carpaccio selber hatte sie angebracht, weil seine erste Ausführung des Gemäldes den Auftraggebern missfallen hatte. Eingehende Untersuchungen im Vorfeld haben dies und die methodischen Vorgehensweisen des Malers zum Vorschein gebracht.
In neuer, originalgetreuer Farbgebung
Die aufwändige Farbrestaurierung und die Ergänzung der rückseitigen Verstrebungen bewahren dieses Retabel jetzt vor dem weiteren Verfall. Auch könne das Altarbild nun in neuer, originalgetreuer, gefestigter Farbgebung und alter Frische ausgestellt werden, betonten die Restauratorinnen.
Mit Spannung folgten die Besucher:innen anschließend dem Tübinger Kirchenhistoriker Prof. Dr. Andreas Holzem, der die Bildwelten des Vittore Carpaccio aus religions- und sozialgeschichtlicher sowie aus kulturhistorischer Sicht betrachtete. Exemplarisch nahm der dafür folgende Werke in den Blick: „Die Legende der Hl. Ursula“ (1490-85), „Die Grablegung Christi“ (ca. 1500) und „Die lesende Gottesmutter“ (ca. 1505). Auch zeigte er die Parallelen des italienischen und des deutschen Humanismus auf und verwies auf Denkmuster, von denen die venezianische und die deutsche Malkultur damals beeinflusst wurden. Der „Evangelismo“, die neue religiöse Denkrichtung, sei in Venedig schon Jahre vor Martin Luther existent gewesen, erläuterte er. Mit seinen fachkundigen und methodisch klar strukturierten Ausführungen rundete Holzem den Vortragsteil des Thementages inhaltlich bravourös ab.
Ausstellung läuft noch bis zum 15. März
Bei den insgesamt sechs Führungen durch das Fachpersonal der Staatsgalerie konnten danach die „Disputatio“ im Original betrachtet sowie weitere zeitgenössische Werke verglichen werden. Den Thementag initiiert hatte Dr. Maria E. Gründig vom Geschichtsverein der Diözese, organisiert wurde er zusammen mit Dr. Christine Follmann von der Staatsgalerie. Aufgrund der vielen begeisterten Rückmeldungen durch die Besucherinnen und Besucher kann der Thementag als Erfolg gewertet werden, heißt es seitens der Veranstalter. Der Fachbereich Kunst der Akademie mit Dr. Ilonka Czerny und Alexandra Drewing war für die Durchführung und das Anmeldemanagement verantwortlich. Die Ausstellung läuft noch bis zum 15. März.


