Tagung

Vernetzung, Vertrauen und Mut

Bernd Hillebrand (l.), Professor für Pastoraltheologie in Graz, im Gespräch mit einem Teilnehmer aus Wien - Foto: DRS/Waggershauser

Symposium erörtert Herausforderungen und Chancen der Kirchen für eine gemeinwohlorientierte Orts- und Stadtentwicklung.

Wie sollen und wollen Menschen in Zukunft leben? Während viele eher resignieren, wenn sie an die anstehenden Herausforderungen bezüglich Klimaschutz, Pflegesituation und bezahlbarem Wohnraum denken, ging das Symposium "Gemeinschaft baut Zukunft" im Tagungshaus der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Weingarten das Thema konstruktiv an. Mitglieder von Bauausschüssen in evangelischen und katholischen Gemeinden bis hin zu für Bauthemen Zuständige in der Diözesanleitung und im Oberkirchenrat tauschten sich mit Verantwortlichen und Fachleuten der Stadtplanung und Architektur, der Quartiersentwicklung, der sorgenden Gemeinschaften und der Politik aus. Die etwa 80 Teilnehmenden kamen vorwiegend aus Baden-Württemberg, aber auch aus Leverkusen und Wien.

Bernd Hillebrand, Professor für Pastoraltheologie in Graz, sieht im Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965 eine kopernikanische Wende. Die katholischen Bischöfe hätten damals erkannt: "Die Welt dreht sich nicht um die Kirche." Die Konzilstexte betonten, dass die Kirche einen Auftrag für alle Menschen habe, nicht nur für die Internen, erklärte Hillebrand, der aus Bad Waldsee stammt. "Wenn Kirche nur an ihre Mitglieder denkt, wird sie zur Sekte", gab er zu bedenken. Kirchen und Kommunen seien dabei wichtige Partner. "Es geht uns um die gleichen Menschen", unterstrich Christiane Dürr, Beraterin und ehemalige Erste Bürgermeisterin von Waiblingen. Daher sei es wichtig, die Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu intensivieren.

Das Kloster Reute öffnet sich zu den Menschen hin

Wie diese Öffnung der Kirche auf alle Menschen hin konkret aussehen kann, zeigte das Klosterbergprojekt in Reute. Die Ordensgebäude sollen einladender gestaltet werden. Und da die kleiner und älter werdende Gemeinschaft weniger Platz braucht, bauen sie einen variabel erweiterbaren Teil der Schwesternzimmer zu Appartments um für Menschen, die in ihrer Nähe leben wollen, ohne in den Orden einzutreten. Am Fuß des Hügels soll außerdem auf frei gewordenen Flächen in genossenschaftlicher Bauweise bezahlbarer Wohnraum entstehen. Schwester Maria Hanna Löhlein, Generaloberin der Reutener Franziskanerinnen, führte die Teilnehmenden bei einer Exkursion durch das leergeräumte Klostergebäude.

"Wenn wir den Berg erhalten und als Schwestern weiterhin dort leben wollen, müssen wir neu denken", hätten die Schwestern vor knapp zehn Jahren erkannt. Und die Oberin benannte Elemente, die bei der Entwicklung des Klosterbergprojekts zentral waren und die auch in späteren Beiträgen anderer Referent:innen und Teilnehmender immer wieder aufleuchteten. Zuerst habe sie sich mit anderen Visionär:innen aus dem näheren Umfeld ausgetauscht, berichtete die Ordensfrau. Als die Idee konkreter wurde, habe sich herausgestellt, dass es Begleiter:innen brauche, die von außen draufblicken und dranbleiben.

Außenblick durch externe Partner

Einer des externen Partner ist die Stadtberatung Dr. Sven Fries aus Ostfildern, die mit dem Kloster und der Akademie das zweitägige Symposium verantwortete. "Passt die Pläne an die Menschen an, nicht andersherum", nannte Inhaber Sven Fries einen wesentlichen Grundsatz. Er riet, mit interessierten Leuten an den jeweiligen Ort zu gehen, der gestaltet werden soll, und gemeinsam zu überlegen, was hier entstehen könnte. Ein weiterer Partner, das Architekturbüro Braunger Wörtz aus Blaustein, bekam als Auflage, drei Tage im Kloster mitzuleben und in Assisi die Wurzeln der Franziskanerinnen kennenzulernen. "Mit den Schwestern ging uns ein Herz auf", sagte Marcus Wörtz im Rückblick.

Als die Schwestern dann mit Menschen aus der Umgebung ihre Visionen teilten, seien die Einwände und Widerstände teils schmerzhaft gewesen, gab Schwester Maria Hanna zu. Aber sie hätten die Sache vorangebracht, denn alle gesellschaftlichen Akteure sollten eingebunden sein. Vonseiten des Klosters gebe es die Offenheit für alle Konfessionen, Religionen und Lebensformen, wenn sie die gleichen Werte teilen.

In unserer Neugestaltung drücken wir aus, was wir zutiefst glauben, ohne uns aufdrängen zu wollen.

So brachte die Ordensfrau das Konzept vom offenen Empfang bis zum Friedhof als Hoffnungsort auf den Punkt.

Und was ist mit den bestehenden kirchlichen Immobilien?

Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, forderte im Fortgang der von Barbara Thurner-Fromm moderierten Tagung, dass bei jeder Art von Wohnungsbau der Hebel beim Klimaschutz umgelegt werden müsse. Denn genügend Wohnungen auf einem unbewohnbarem Planeten zu haben, sei sinnlos. Dafür müsste es aber mehr Unterstützug beim Wohngeld geben, was laut Landtagsabgeordneter Andrea Lindlohr bereits umgesetzt wurde. Die Staatssekretärin im Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen verwies auch darauf, dass nun Photovoltaik auf denkmalgeschützen Gebäuden möglich sei. Bei der Umnutzung und der Innenverdichtung historischer Gebäude sehe sie noch Handlungsbedarf. Das könnte für bestehende kirchliche Immobilien eine Perspektive sein.

Die Umgang mit kirchlichen Gebäuden - etwa 20.000 davon sind derzeit in Baden-Württemberg im Besitz evangelischer oder katholischer Kirchengemeinden - thematisierten ebenfalls Diözesanbaumeister Thomas Schwieren und sein Kollege im Stuttgarter Oberkirchenrat Jan-Sebastian Hermann. Die laufenden Kosten und der finanzielle Aufwand für den Erhalt seien für die kleiner werdenden Gemeinden in Zukunft nicht mehr leistbar. Daher müsse man gut überlegen, von welchen man sich trenne und welche man umgestalte. Sie empfahlen Gebäude stärker ökumenisch zu nutzen und verwiesen dabei auf den gemeinsamen Bau eines Gemeindehauses in Bavendorf bei Ravensburg.

Zusamenwirken und die Zukunft gestalten

Berthold Broll, einer der Vorstände der Stiftung Liebenau, stellte mit dem St. Anna Quartier in Tettnang ein Projekt mit der katholischen Kirchengemeinde, der Kommune und zwei Wohnbaugenossenschaften vor, in das die Stiftung ihr Knowhow in Sachen Mehrgenerationenhäuser, Inklusion und Gemeinwesenarbeit einbringt. Und Karin Bassler, Geschäftsführerin des Arbeitskreises kirchlicher Investoren in der evangelischen Kirche in Deutschland, sah Chancen darin, wenn die großen Kirchen in der Geldanlage kooperierten. Sie könnten Unternehmen gemeinsam zu mehr Nachhaltigkeit bewegen.

"Vieles kann man nicht steuern", gab Tatjana Fischer im Blick auf neue Stadtteile zu bedenken. Die Raumplanerin war aus Wien zugeschaltet. Und oft dränge die Politik zu raschen, aber wenig nachhaltigen Lösungen. Dennoch zieht Schwester Maria Hanna am Ende ein positives Fazit. Vernetzung, Vertrauen, dass Gott uns etwas zutraut, und Mut seien gefragt, fasste die Ordensfrau die zentralen Anstöße des Symposiums zusammen. "Ich hoffe, dass wir verbunden bleiben im Gestalten unserer Zukunft", fügte sie hinzu.

Die beiden ungleichen und doch ähnlichen Schwestern

Das Kamingespräch mit Schwester Maria Hanna und Professorin Gisela Löhlein

Schwester Maria Hanna Löhlein

Schwester Maria Hanna wurde 1966 in Werneck geboren. Die gelernte Bankkauffrau trat 1989 in den Orden der Franziskanerinnen von Reute ein. Sie studierte Soziale Arbeit und legte ihre Ewige Profess 1998 ab. Seit dem 21. November 2016 ist Schwester Maria Hanna die gewählte Generaloberin der Franziskanerinnen von Reute.

Die Reutener Franziskanerinnen schauten das Kamingespräch als Public Viewing an und erfuhren Dinge über ihre Oberin, die sie auch noch nicht wussten.

Schwester Maria Hanna wurde auf den Namen Sigrid getauft und wuchs in Pfedelbach in der heimischen Ziegelei auf.

Ihre erste Schwester Hanna, die sie kennenlernte, war Diakonisse und leitete den Kindergarten. Die Pfedelbacher sind mehrheitlich evangelisch. Für den eigenen Ordensnamen war aber auch die biblische Hanna ausschlaggebend.

Sigrid wollte eigentlich Tierärztin werden. Dafür war jedoch das Geld nicht da, weil die Ziegelei kurz vor dem Abi in Konkurs ging. Bankkauffrau lernte sie eher aus Frust. Sie wollte verstehen, wie die Banken die Firma in den Ruin treiben konnten.

Doch dann tauchte die Frage auf: Was ist wirklich wichtig im Leben? Bei einer Veranstaltung von "Berufe der Kirche" in Neresheim erfuhr Sigrid, dass Franz von Assisi wie sie Unternehmerkind war und sein Leben umgekrempelt hat.

Als klar war, dass sie ins Kloster geht, musste Sigrid ihren Freund und ihr Motorrad abgeben. Die Mutter bekam einen Heul-Flash und der Vater stellte ihr einen Sportwagen hin mit der Aufforderung: Bleib hier!

Stille Tätigkeiten wie stapelweise Geschirr spülen oder große Tafeln eindecken füllten Sr. Maria Hanna nicht aus. Sie wollte etwas gestalten.

Fünf Jahre ließ die damalige Oberin Schwester Maria Hanna warten, bis sie die Einladung des Scheichs iher Schwester in die Emirate annehmen durfte. Sie hat dort erstmals die Wüste erlebt und stellte fest, dass die Frauen unter dem Schleier - auch dort - hochintelligent sind. Nur der Luxus war nicht so ihr Ding, obwohl sie schon mit dem Gedanken liebäugelte, den Umbau des Klosters auf diesem Weg zu finanzieren.

Architekturprofessorin Gisela Löhlein

Professor Dr. Gisela Löhlein, geboren 1971, wuchs ebenfalls in Pfedelbach auf. Zum Studium zog es sie nach Cardiff in Wales, da es in Deutschland die Kombination von Architektur und Ingenieurswesen nicht gab. Nach drei Jahren begann sie die Promotion. Lehrtätigkeiten und andere akademische Aufgaben führten die Professorin für Architektur zunächst nach Neuseeland, dann in die arabischen Emirate Schardscha und Adschman sowie nach Dubai. Seit Ende 2017 leitet sie die Abteilung Architektur und Design der Xi'an Jiaotong Liverpool Universität in China. Ihr Schwerpunkt sind Umweltthemen.

Gisela wollte mit vier Jahren nicht mehr in den Kindergarten, sondern mit ihrem Vater zur Arbeit. Der Grieche Nikolaus hat ihr im Brennofen der Ziegelei den Teufel gezeigt. Sie kennt also das Fegefeuer schon.

In Mathe, Physik und Englisch war Gisela in der Schule grottenschlecht. Ihr Vater rechnete mit ihrem Scheitern, als sie auszog. Ihre Architekturkarriere in englischsprachigen Ländern hat alle eines Besseren belehrt.

Als Gisela nach Neuseeland ging, meinte der Vater: Das nächste ist dann die Marsmission.

In der arabischen Welt wurde die Professorin bei anstrengenden Tätigkeiten in der Hitze geschont. Warum? Die meist männlichen Kollegen hatten Angst, dass sie umkippt. Sie hätten dann bei einer Frau keine Erste Hilfe leisten dürfen.

Der Sohn des Scheichs von Schardscha war Gisela Löhleins Student. Als er Regierungsverantwortung übernommen hatte, kam er immer wieder mit Fragen zu ihr. Schließlich wurde sie seine Beraterin.

Beim Scheich bekommt man keinen Urlaub. Den muss man dann manchmal einfach mitnehmen, berichtet Gisela Löhlein. Als sie ihn in Pfedelbach im Gästezimmer einquartierte, musste sie in der Küche einen Hinweis hinterlegen, damit nicht jemand aus Unwissenheit in das Zimmer stürmt, wo er schläft.

In der Weltwirtschaftskrise 2008/09 gab es beim Scheich nichts mehr zu tun. So plante sie am Burj Khalifa Tower in Dubai mit. Das Projekt ist so groß wie Manhattan.

Gisela Löhlein lässt sich gerne auf etwas ein, das sie reizt. Aber sie macht nicht alles für Geld. Beim Projekt, Dubai für VIP-Unterkünfte platt zu machen und die bisherigen Bewohner zu vertreiben, lehnte sie eine Mitarbeit ab.

China übertrumpft gerade sämtliche Eliteuniversitäten. Die Freiheit dort empfindet Gisela Löhlein wesentlich größer als in Dubai. Die Architektur ist Weltklasse. Sie errichten die Gebäude mit örtlichen Rohstoffen und in authentischer Bauweise. Das Bild, das Presse und Politik über China verbreiten, kann sie von akademischer Seite nicht bestätigen.

Und was verbindet beide Schwestern?

Sie musizierten beide im evangelischen Posaunenchor, weil die Freundinnen auch alle dort waren

Professorin Gisela Löhlein berät ihre Schwester natürlich beim Klosterbergprojekt und die Ordensfrau nimmt auf, was sie versteht. Giselas Kommentar, als sie das Gebäudeensemble das erste Mal sah: dynamische Bauform, organisch gewachsen, keine Mitte.

Der heilige Franziskus bekam in San Damiano seine Berufung zum Kirchenaufbau. Der Austausch darüber tut beiden Zieglertöchtern gut und bringt sie auf einer höheren Ebene zusammen, wie Schwester Maria Hanna es formuliert.

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