Friedensglocken

Versöhnung reift zur Freundschaft heran

Weil (auch) Völkerfreundschaft durch den Magen geht: Dekan Volker Weber, Leiter der Gesamtkirchengemeinde Neckar-Aich, überreicht Daniel Fichna, Bürgermeister von Píštʼ, eine Friedensglocke aus Lebkuchen. Foto: drs/Jerabek

„Pilger der Hoffnung“ aus Píšt‘ und Aichtal rechnen mit Gottes Wirken - und tragen als kleine Gemeinde aus zwei Ländern Großes in die Welt.

Ein Moment voller Symbolkraft: Die festliche Messe ist zu Ende, die Maultaschen warten. Als die Gottesdienst-Gemeinde in St. Josef in Harthausen mit ihren Gästen aus dem tschechischen Píšt‘ (Sandau) zum Mittagessen aufbrechen will, treibt sie ein heftiger Regenguss mit starkem Wind zurück in die Kirche: Spontan wird die Heilig-Jahr-Hymne angestimmt – auf Deutsch und dann auf Tschechisch. „Alle Sprachen, alle Nationen finden Licht in deiner Offenbarung“, heißt es da. Alle singen gemeinsam, denn in der Musik und im Glauben sind Sprachbarrieren nur halb so groß, und in den Widrigkeiten des Alltag leuchtet das Licht der Freundschaft in den Herzen der Menschen.

Vier Tage lang ist eine 16-köpfige Gruppe aus Píšt‘, das in der mährisch-schlesischen Region, ganz im Nordosten der Tschechischen Republik liegt, in der Kirchengemeinde Maria Hilf in Grötzingen (Dekanat Esslingen-Nürtingen) und in der Region zu Gast. Grötzingen ist die Gemeinde, in der vor knapp vier Jahren der Startpunkt für das Projekt „Friedensglocken für Europa“ war. Dort hingen zwei der Kirchenglocken, die während des Zweiten Weltkriegs von den deutschen Besatzern im heutigen Polen und Tschechien abgehängt worden waren, 70 Jahre lang unfreiwillig als „Leihglocken“ im Schwabenland Dienst taten und im Rahmen des Versöhnungsprojekts wieder in ihre Ursprungsgemeinden nach Frombork und Píšt‘ zurückgebracht wurden. Zusammen mit ihren neu gegossenen Schwestern wurden sie 2021 zu Friedensglocken geweiht.

Ein großes Glück

„Das ist der erste Besuch, der nicht direkt mit einer Glockenrückführung oder Glockenweihe zu tun hat, sondern bei dem es allein um die Menschen, um die Begegnung und das gegenseitige Kennenlernen geht“, sagt Anette Matrai. „Für mich bedeutet es ein großes Glück, dass die Beziehung zwischen Píšt‘ und Grötzingen so fruchtbar weitergetragen wurde, dass sich 16 Menschen als ‚Pilger der Hoffnung‘ zu uns auf den Weg gemacht haben“, so die Kirchengemeinderätin in Grötzingen und Organisatorin des Besuchs auf deutscher Seite.

Auch für Daniel Fichna, Bürgermeister von Píšt‘, ist das Projekt aus einer eher formellen Ebene 2021 auf die Ebene der persönlichen Beziehungen hinausgewachsen. Bereits im vergangenen Jahr, als eine Delegation aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart unter Leitung von Weihbischof Dr. Gerhard Schneider fünf Glocken ins Bistum Ostrau-Troppau brachte und unterwegs in Píšt‘ Station machte, „haben wir uns herzlich unterhalten und ich habe auch eine Begeisterung unter unseren Leuten und vor allem bei den jüngeren Gläubigen gespürt, dass es schön wäre, wenn wir auch den Ort besuchen, wo unsere Glocke hing“, so Fichna. Und P. Petr Černota, Pfarrer von Píšt‘, sieht die Verbindung nach Grötzingen auch als wechselseitige Chance, den Glauben zu stärken. Mit dem Mannschaftsbus der örtlichen Feuerwehr und einem weiteren Kleinbus hat sich die Gruppe aus der 2000-Seelen-Gemeinde auf die 14-stündige Reise gemacht.

Glocken stiften Freundschaft

„Was wir heute feiern, ist ein Höhepunkt unseres Projekts, weil sich tatsächlich das ereignet, was wir mit dem Projekt bezwecken: dass Gemeinschaft entsteht“, sagt Weihbischof Schneider. „Es macht mir große Freude, dass die Glocken, die einmal zu Waffen werden sollten, über viele Umwege tatsächlich dauerhafte Freundschaft stiften und uns verbinden.“ Damit seien alle, die das Projekt mit Leben füllen, zu Pilgern der Hoffnung geworden. Und Hoffnung sei mehr als Optimismus. Denn anders als der Optimist, der immer im Rahmen des menschlich Machbaren denke und deshalb nicht davor gefeit sei, enttäuscht, desillusioniert oder gar zynisch zu werden, wenn das optimistisch Erhoffte nicht eintritt, rechne jemand, der von Hoffnung getragen wird, damit, „dass das menschlich Machbare in der Welt ergänzt wird durch Gottes Macht, die das menschlich Berechenbare weit übersteigt“, so Schneider in seiner Predigt. „Wir schöpfen aus unserem Glauben die Kraft, um voll Hoffnung mitten in der Welt im Sinne des Evangeliums zu leben und in einer begrenzten und friedlosen Welt das zum Guten beizutragen, was wir können.“ Das mache sehr wohl einen Unterschied und könne Ermutigung sein für andere Gemeinden in Deutschland, Polen und Tschechien, die jetzt nach und nach in Kontakt kommen, dass sie diese Botschaft weitertragen „und etwas, das klein beginnt, zu Großem machen“.

Bei Maultaschen und Kartoffelsalat, von fleißigen Händen im Gemeindehaus in Grötzingen zubereitet, kommen deutsche und tschechische Gläubige nach dem Gottesdienst ins Gespräch. Schon am ersten Abend „haben wir uns viel besser kennengelernt – wir wissen, dass unsere Gastgeber unsere Freunde sind, dass es da eine Nähe gibt und dass uns die Glocken verbinden“, sagt Bürgermeister Fichna. „Und ich glaube fest, dass die Freundschaft weitergehen wird.“ Die Gegeneinladung steht: dass die deutschen Friedensglocken-Gemeinden „ganz informell zu uns nach Píšt‘ kommen, das Hultschiner Ländchen und seine Menschen kennenlernen“ – und gemeinsam Zeugnis geben in der Sankt-Laurentius-Kirche, die als Wallfahrtsort besonders dem Gebet für den Frieden und die Versöhnung zwischen den Völkern gewidmet ist.

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