Weltkirche

Von der Hoffnung getrieben

Erzbischof von Johannesburg, Buti Joseph Tlhagale (2. V. re.), und Conrado Zepeda SJ, der Nationaldirektor der Jesuite Refugee Services in Mexiko (2. V. li.), gehörten mit zu den Verantwortlichen des Treffens. Foto: Dr. Thomas Broch

Migrationsdrama in Lateinamerika: Juliane Hernandez und Thomas Broch berichten von Ergebnissen der Internationalen Flüchtlingskonferenz in Tijuana.

Am 23. März 2023 endete im mexikanischen Tijuana die mit internationalen Referentinnen, Referenten und Gästen besetzte Konferenz „Promover la via en las frontéras – An den Grenzen das Leben stärken“. Etwa 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren persönlich angereist, weitere rund 120 waren per Video zugeschaltet. Ausgerichtet wurde die Konferenz von den Scalabrini-Missionarinnen und von der Jesuiten-Universität „Ibera“ in Tijuana. Juliane Hernandez und Thomas Broch haben dort die Diözese Rottenburg-Stuttgart vertreten.

Als touristisches Ziel ist Tijuana ungeeignet. Zwar kann es einen langen Sandstrand am Pazifik aufweisen, aber für Badefreuden fehlt jede Infrastruktur. Es geht dort auch niemand ins Meer – es sei denn Migranten und geflüchtete Menschen, die irgendwie bei Nacht schwimmend oder in Booten den Grenzzaun umgehen wollen, der über eine Strecke von 1.000 Kilometern die beiden Amerikas voneinander trennt.

Lateinamerikanisches Migrationsdrama wie unter einem Brennglas

Ansonsten ist Tijuana eine gesichtslose Großstadt, die zweitgrößte im Land nach Mexiko City; es gibt kaum so etwas wie eine einheimische Bevölkerung, die allermeisten sind irgendwann irgendwie in dieser Grenzstadt zu den USA hängengeblieben. Wer das touristische Mexiko kennenlernen will, wird sich also nicht nach Tijuana verirren. Allerdings verdichten sich hier wie unter einem Brennglas die Dramen des amerikanischen Südens. Es gibt zwar auch innerhalb der lateinamerikanischen und karibischen Staaten nach allen Richtungen Migrations- und Fluchtbewegungen, aber zuallermeist gehen sie in Richtung Mexiko und von dort nach Tijuana – die entwurzelten Menschen sind von der Hoffnung getrieben, doch auf irgendeine Weise das vermeintlich Gelobte Land der Vereinigten Staaten zu erreichen.

Jahr für Jahr sind in Mexiko neue Rekordzahlen von Migranten und Geflüchteten zu verzeichnen. 2022 waren 2,5 Millionen Menschen in Herbergen offiziell registriert, 26 Prozent mehr als 2021. Die Dunkelziffer kann man nur erahnen. In Tijuana selbst gibt es 36 registrierte Herbergen, die gewisse Mindeststandards erfüllen, und insgesamt etwa weitere 90 Unterkünfte; wer dort keinen Platz findet, schläft unter Brücken und auf der Straße. Jeden Tag melden sich im Zentrum der Jesuite Refugee Services in Tijuana etwa 20 Personen, die nach verschwundenen Angehörigen suchen.

Kriminalisierung von Migration und Flucht

Die Konferenz konnte nur Akzente setzen, keine nationale oder internationale Organisation kann das komplexe Problem auch nur annähernd in den Blick geschweige denn in den Griff bekommen. Aber in gemeinsamen Netzwerken schaffen die verschiedenen Akteure mehr als in der Vereinzelung – das war eine der Chancen und einer der Erfolge der Konferenz.

Die lateinamerikanischen Staaten reagieren auf den zunehmenden Migrationsdruck wie Staaten überall auf der Welt , auch wie Europa und auch wie auch die Vereinigten Staaten, die sich dafür – zu Recht – massiven Vorwürfen ihrer südlichen Nachbarn ausgesetzt setzen: Sie „regulieren“ die Migration, sie schaffen Grenzregime, die die Menschen zwingen, sich auf „irreguläre“ Weise Zugang zu den Ländern zu verschaffen, in denen sie in ihrer oft verzweifelten Misere eine bessere, menschenwürdige Zukunft erhoffen. Damit werden Menschen mit „irregulärem“ Grenzübertritt zu „illegal“ anwesenden Menschen – mit anderen Worten: Migration und Flucht werden kriminalisiert und die Menschen entsprechend erbarmungslos behandelt, mit großen Unterschieden in den einzelnen Ländern, aber auf jeden Fall im Prinzip. Dabei – das zog sich wie ein Roter Faden durch die Gespräche – ist Migration ein Menschenrecht; und es gibt sie, seit es Menschen gibt.

Schikane, physische Bedrohung, Gewalt

Kriminalisiert werden dadurch auch die Hilfsorganisationen und Einzelpersonen, die diesen Menschen zu helfen versuchen. Die Vertreterinnen und Vertreter der anwesenden NGOs und zivilgesellschaftlichen Organisationen aus den lateinamerikanischen Ländern wissen von behördlicher Schikane bis hin zu physischer Bedrohung und Gewalt zu berichten. In Guatemala ist derzeit ein Gesetz in Vorbereitung, das die Hilfe für Migranten und Geflüchtete offiziell unter Strafe stellt.

Für vieles, was auf der Konferenz geschildert wurde, ist das Wort „erschütternd“ auch nicht annähernd ausreichend. So etwa die Tatsache, dass etwa die Hälfte der Menschen, die sich innerhalb Mexikos und aus Mexiko auf den Weg machen – sie stellen den größten Teil der Migrationsbewegungen in Richtung USA – vor der Gewalt der Drogenkartelle, der Menschenhändler-Syndikate und anderer krimineller Organisationen flüchten. Selbstverständlich spielen auch andere Faktoren wie wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, Ausgrenzung der indigenen Bevölkerung oder unterschiedlicher Minderheitsgruppen eine Rolle. Aber an der Macht krimineller Organisationen mit ihrer menschenverachtenden Skrupellosigkeit zeigt sich auch das ganze Elend des Staatsversagens – ja noch mehr: der Einfluss der Kartelle auf die staatlichen Organe und die Verflechtungen bis in höchste Regierungsämter hinein. Ein Beispiel: Ein Shelter, das Frauen und Kinder aufnimmt und diese bei den Behörden registrieren lassen muss, bekommt eines Tages Besuch von einer Kinderhändlerbande, die ihnen vorrechnet, wie viele Kinder sich dort aufhalten, und die ihnen Geld anbietet, wenn sie ihnen Kinder ausliefert. Von niemand anderem als von staatlichen Behörden können sie diese Informationen bekommen haben.

Das ist überhaupt das schändlichste Kapitel in diesem ganzen Drama: der Menschen- und vor allem der Kinderhandel. Kinder werden entführt, sie verschwinden und werden nie mehr wiedergesehen; die Eltern gehen in die USA voraus und lassen die Kinder in fremder Obhut, um sie später zu sich zu holen; und wenn sie wiederkommen, sind die Kinder verschwunden – niemand weiß wohin. Es ist ein äußerst lukratives Geschäft mit Verzweigungen in die ganze Welt. Kein Mensch kennt die Zahlen.

Dem Elend entgegenwirken

In zahlreichen Gesprächsrunden wurden Beispiele demonstriert, wie kleine und große Organisationen diesem Elend entgegenzuwirken versuchen – sei es mit unmittelbarer humanitärer Hilfe oder durch politische Anwaltschaft – advocacy, wie die Fachleute lieber sagen. Der Austausch und die vielfältigen Vernetzungsansätze wurden als fruchtbar wahrgenommen. Auch kontroverse Positionen wurden präsentiert und diskutiert – so etwa Modelle selbstorganisierten Lernens und selbstorganisierter Entwicklung aus der Initiative der Betroffenen heraus – wie es der Reformpädagoge Paolo Freire schon den 1960er Jahren gefordert und konzipiert hatte – anstelle standardisierter Bildungs- und sonstiger „Angebote“ mit ihrem oft assistenzialistischen Ansatz; oder auch auf die Frage, ob die sozialen Initiativen von Kirchen, Nichtregierungs-Organisationen und zivilgesellschaftlichen Initiativen die Staaten nicht aus der Verantwortung entlassen und so in gut gemeinter Weise das Elend prolongieren.

Fragen und Probleme, die weit über die konkreten Erfahrungen des lateinamerikanischen Migrationsdramas hinaus Grundsatzfragen humanitärer und sozialer Arbeit betreffen.

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