Sitzen beim letzten Abendmahl Jesu der Überlieferung nach nur Männer am Tisch, sind es in der Folge vor allem Frauen, die in der Via Dolorosa, dem Jerusalemer Schmerzensweg, um ihn weinen, dem Leidenden ein Erfrischungstuch reichen und unter dem Kreuz bis zum Tod bei ihm ausharren. Die 14 Stationen von Jesu Verurteilung durch Pontius Pilatus bis zu seiner Beisetzung in einem Felsengrab finden sich als Bilder, Reliefs oder in moderner Symbolik fast in jeder katholischen Kirche, aber auch im Freien. Ein besonders schönes Beispiel: Die kapellenähnlichen Bildstöcke am Hang zum Schwarzwäldle oberhalb von Ravensburg. Bildhauer Theodor Schnell der Ältere schuf sie - auf die Initiative von Frauen hin.
Von Frauen ins Leben gerufen
„Ein ‚Comite‘ engagierter Frauen trieb es voran“, erzählt Ralf Reiter bei einer öffentlichen Führung entlang der Kreuzwegstationen. Den Übergang von den eher königlichen romanischen Kreuzesdarstellungen, bei denen Christus auf beiden Beinen steht, zum vom Leiden gezeichneten Schmerzensmann mit übereinander angenagelten Füßen macht der Historiker beim Heiligen Franziskus im 12. Jahrhundert fest. Von Kriegen und Pest Betroffene konnten so den gekreuzigten Jesus als den erkennen, der für sie und mit ihnen leidet. Die Not war auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts groß. Die Menschen strömten nach den Marienerscheinungen im Jahr 1858 in Scharen nach Lourdes auf der Suche nach Heilung und Trost.
Lourdesgrotte als Teil der Kreuzwegsszene?
So sei auch in Ravensburg parallel zu den Stationsgehäusen des Kreuzwegs eine sogenannte Lourdesgrotte mit Kalkstein aus Ostlothringen gebaut worden, erklärt Reiter. Im Juni 1886 eingeweiht erhielt sie 1890 die heutigen Figuren der Jungfrau Maria und der Seherin Bernadette von Bildhauer Moriz Schlachter. 1887 waren auch Schnells geschnitzte Kreuzwegdarstellungen im sogenannten Nazarenerstil fertig. Nach Säkularisation und Kulturkampf suchten die Künstler damals an die Frömmigkeit und an die Stile vergangener Zeiten anzuknüpfen. Als Vorbild für die Personen und die Bildkomposition auf den Kreuzwegen jener Zeit nennt der 67-Jährige die Zeichnungen von Joseph von Führich, die er in einem Buch mitgebracht hat und zum Vergleich hinhält.
Während die Randfiguren im Weingartener Kreuzweg, der knapp 20 Jahre später entstand, deutlich orientalische Züge tragen, seien sie in Ravensburg eher zeitlos gekleidet. „Dieses Hemd ist eine normale Bauernbekleidung, fast wie ein T-Shirt“, zeigt Reiter an einem Beispiel. Und er verweist auf die auffallend blauen Augen des eher jugendlich wirkenden Pilatus und die feinen Gesichtszüge der Veronika im Gegensatz zu den Fratzen der Peiniger und Soldaten. An der XIII. Station hält Maria ihren toten Sohn fest. Jesu linke Hand ist sichtbar angestückelt. „Die hat ein Pfarrer in einem Umschlag gefunden“, weiß der Historiker. Heutige Denkmalpflege wolle erhalten, nicht neu machen, was der fehlende Daumen und erkennbare Witterungsschäden deutlich machen.
Das Heilige Grab kam später dazu
Die Kreuzwegstationen ließ der damalige Förderverein bereits zwischen 2015 und 2020 restaurieren. Für die Lourdes- und die Ölberggrotte, die Jesus im Gebet darstellt, während drei seiner Jünger einschlafen, sowie die Darstellung des Heiligen Grabes steht dieser Schritt noch bevor. Letzteres sei erst um 1900 zum Ensemble dazu, erklärt Reiter. Der Terracotta-Leichnam ist außer dem Bart und den Haaren weiß gefasst und von Gebetstäfelchen umgeben. Kreuzwegdarstellungen an anderen Orten weiten den Blick mit einer XV. Station Richtung Ostermorgen. Sie zeigt die Auferstehung. Auch da waren es übrigens zuerst die Frauen, die das leere Grab fanden und denen Jesus erschien. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Kreuzweg Schwarzwäldle

Dr. Ralf Reiter hat in Konstanz Geschichte, Germanistik und Politik studiert und arbeitete im Vertrieb. „Sakrale Kunst hat mich schon immer begeistert“, gesteht der 67-Jährige - inzwischen im Ruhestand. Als die Ravensburger Kreuzwegstationen in den Jahren 2015 bis 2020 aufwändig restauriert wurden, stand er dem Förderverein vor. Die große Spendenbereitschaft in der Türmestadt beeindruckt ihn heute noch. Es kam eine höhere fünfstellige Summe zusammen und die Vereinsmitglieder packten auch selbst mit an. Als das Ziel erreicht, die Schrifttafeln erneuert und die Reliefs hinter Glas gesichert waren, löste sich er Verein im Oktober 2021 auf. Seit 2022 kümmert sich ein Ausschuss der katholischen Kirchengemeinde Liebfrauen - ebenfalls unter der Leitung von Ralf Reiter - um die Sicherung der restlichen Bauwerke. Da Wasser eindringt, ist die Lourdesgrotte dabei vorrangig, die Ölberggrotte und das Heilige Grab sollen folgen.







