Den bundesweiten „Gebetstag für Betroffene sexuellen Missbrauchs“ am Dienstag, 18. November, nimmt die Psychologische Beratungsstelle der Diözese in Horb zum Anlass für einen Solidaritätsgottesdienst und einen Online-Infoabend. Im Interview äußern sich Tina Schäfer-Brennenstuhl und Thomas Buchschuster zum Thema.
Herr Buchschuster, Sie möchten mit dem Gottesdienst ein Zeichen setzen. Um was genau geht es Ihnen dabei?
In jeder Kirchengemeinde gibt es – rein statistisch – viele Betroffene sexualisierter Gewalt, ob sie diese in der Familie, im Verein, in der Schule oder in der Kirche erfahren haben. Wenn wir diesen Gottesdienst in Solidarität mit den Betroffenen feiern, wollen wir ihnen zeigen: Wir wollen das mehr auf dem Schirm haben. Ihr seid als ganze Person, mit eurer Geschichte, aber auch mit dem ganzen vielen anderen, was euch ausmacht, Teil unserer Gemeinde – und nicht nur am Rand, sondern in unserer Mitte. Und das wollen wir im Gottesdienst nicht nur den Betroffenen sagen, sondern auch uns selbst und uns dafür stärken lassen.
Wie möchten Sie dieses Anliegen im Gottesdienst sichtbar machen?
Wir werden uns nicht auf die Vergangenheit konzentrieren, sondern darauf, was der erlittene Missbrauch mit den Betroffenen bis heute macht. Wir werden uns unserem Versagen als Mitmenschen und auch als Kirche stellen, und dabei nicht versuchen, uns reinzuwaschen. Und wir werden den Gottesdienst so normal sonntäglich wie möglich feiern – um zu zeigen, dass Solidarität mit Betroffenen sexualisierter Gewalt kein einmaliges Hochamt sein sollte, sondern alltäglich und normal.
Was sollen die Besucher:innen des Gottesdiensts für sich daraus mitnehmen können – was erhoffen Sie sich?
Ganz greifbar können die Mitfeiernden einen kleinen, gesegneten Stein mitnehmen. Der Stein soll sie daran erinnern, dass wir alle an der Last der Betroffenen mittragen können und so die Last leichter machen. Und wir als Kirche werden in Zukunft hoffentlich mehr darauf achten, wie missverständliche Aussagen über Gott, Vergebung und Gehorsam auf Betroffene wirken müssen, und sie so klar formulieren, dass Missbrauch davon nicht profitieren kann.
Frau Schäfer-Brennenstuhl, bei Ihrem Online-Infoabend wird es darum gehen, das eigene oder anvertraute Kind so gut es geht vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Was steht für Sie da an erster Stelle?
Sich mit den tatsächlichen Gegebenheiten, wie, wo und wie häufig Missbrauch stattfindet, auseinanderzusetzen ist die Voraussetzung dafür, dass man wachsam sein und mit dem Kind gut im Gespräch bleiben kann. In der Familie kann man viel dafür tun, das Kind in der Wahrnehmung seiner eigenen Grenzen zu stärken.
Sie möchten an dem Abend Tipps geben, wie Kinder aufgeklärt werden sollten. Können Sie uns da einen kurzen Einblick geben?
Altersgemäße, wertebasierte Aufklärung ist wichtig, denn alles, was wir den Kindern nicht erzählen, erzählt ihnen ein anderes Kind oder das Internet - und das geschieht leider dann oft über Pornos. Durch die Smartphones bekommen heutzutage alle Kinder Pornos zu sehen, ob freiwillig oder unfreiwillig. Das prägt unweigerlich ihre Vorstellungen von Sexualität. Während in der vierten Klasse die Schule die naturwissenschaftliche Seite der Aufklärung übernimmt, bleibt die dringend notwendige Einordnung in einen Werterahmen Aufgabe der Eltern. Wenn diese den Kindern nicht vermitteln, dass Sexualität etwas mit Beziehungen und gegenseitigem Einvernehmen zu tun hat, bekommen die Kinder nichts an die Hand, das sie den Vorstellungen, die in Pornos transportiert werden, entgegensetzen können. Das ist dann auch ein Risikofaktor für Missbrauch. Moderne Aufklärungs-Bilderbücher, die an dem Abend vorgestellt werden, können für Eltern da eine große Hilfe sein.
Gibt es in Ihrer Arbeit so etwas wie ‚typische Missverständnisse‘ über sexuellen Missbrauch, die Ihnen immer wieder begegnen, und wie sollte ihnen begegnet werden?
‚Geh mit keinem Fremden mit‘ und die Mär vom ‚Kinderklauer‘ im weißen Kastenwagen sind solch typische Missverständnisse. Denn über 90 Prozent der Missbrauchstaten werden nicht von Fremden verübt, sondern von Menschen aus dem nahen Umfeld des Kindes und oft aus der eigenen Familie. Sich dieser Tatsache zu stellen, ist herausfordernd und verstörend, aber unabdingbar. Genauso wichtig ist es, sich mit den Gefahren im Internet vertraut zu machen, Stichworte hier sind ‚Cybergrooming‘, ‚Sextortion‘ und andere. Während viele Eltern ihre Kinder in der realen Welt gut behüten, lassen sie sie ausgerechnet an diesem Ort allein, wo wirklich Verbrecher auf die Kinder lauern und es ausnutzen, dass Eltern sich nicht auskennen.
Ab welchem Alter sollte aus Ihrer Sicht die Aufklärung von Kindern beginnen?
Hier gibt es kein Mindestalter. Immer wieder interessieren die Kinder dabei andere Aspekte. Wichtig ist es, die Fragen der Kinder ernst zu nehmen und wahrheitsgemäß zu beantworten. Alles, was die Kinder ihrem Alter gemäß noch nicht verstehen können, geht zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder raus. Wichtig ist auch, dass die Kinder die Namen aller Körperteile kennenlernen, um von ungewollten Berührungen berichten zu können.
Und wie gelingt es dabei, so zu sensibilisieren, dass keine Ängste entstehen?
Eine große Hilfe ist das Präventionsprojekt ‚Echte Schätze‘, das ich Eltern, Grundschulen und Kindergärten wärmstens ans Herz lege. Es wirkt direkt gegen die Strategien der Täter, ohne dass über Sexualität und Gewalt gesprochen wird. Statt Angst zu machen, stärkt es die Kinder und sensibilisiert sie für die eigenen Wahrnehmungen.
Was wünschen Sie sich vor dem Hintergrund Ihrer beruflichen Erfahrungen gesamtgesellschaftlich in Bezug auf den Schutz vor sexuellen Missbrauch?
‚Bei uns hier gibt es so etwas nicht!‘ und ‚Darüber spricht man nicht!‘ sind sehr hilfreiche Sätze für Täter. ‚Wenn die jungen Dinger sich mal richtig anziehen würden, …‘, hört man ebenfalls leider immer noch viel zu häufig. Sexuelle Gewalt ist das einzige Verbrechen, bei dem den Opfern die Schuld gegeben wird - das muss aufhören. Gisèle Pelicot sagte das so: ‚Die Scham muss die Seiten wechseln!‘.
Herr Buchschuster, möchten Sie hier noch etwas hinzufügen?
Ich denke, wir als Kirche können dabei einen großen Beitrag leisten, dass sich Kinder ihrer Rechte und ihrer Würde bewusstwerden – denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Und: Ich bin unfassbar dankbar für die Arbeit, die Frau Schäfer-Brennenstuhl leistet. Auch die Idee für den Gottesdienst kam von ihr. Diese Idee habe ich unglaublich gerne aufgegriffen.




