Friedensglocken

Wäre das Wort „Hultschin“ nicht gefallen ...

Guntram Kubina sitzt auf einem Sessel in seiner Wohnung und hält das Schwarz-Weiß-Foto mit seinem Großvater und dem Staatspräsidenten in die Kamera.

Dr. Guntram Kubina zeigt ein Foto aus dem Jahr 1937 mit seinem Großvater, dem Hultschiner Bürgermeister Richard Peschel, und dem tschechoslowakischen Staatspräsidenten Eduard Benesch - Foto: Karl Boczek

Eine spontane Begegnung am Bodensee bringt Licht in historisches Dunkel und hat mit den Friedensglocken zu tun.

Zwei Männer stehen nach dem Sonntagsgottesdienst auf dem Platz vor dem Gemeindehaus St. Martin in Langenargen und plaudern. Der mächtige Baum im Hof zeigt sich spätherbstlich bunt. Die Pfarrkirche am Bodensee wird gerade renoviert. Das Gespräch der beiden dreht sich um das diözesane Projekt „Friedensglocken für Europa“. Der damalige Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst hat kurz zuvor im Oktober 2021 die erste der im Krieg entwendeten und später in Württemberg gelandeten Glocken nach Sandau zurückgebracht.

Der schlesische Ort Sandau liegt heute in Tschechien und heißt Píšť. Er ist die alte Heimat des Langenargeners Karl Boczek, der das Glockenprojekt mitorganisiert hatte und bei der Übergabe als Übersetzer fungierte. Sein Gesprächspartner an diesem Sonntag, ein befreundetes Gemeindemitglied, hatte ihn im Fernsehen entdeckt, als die Nachrichten darüber berichteten. Neugierig erkundigt er sich nach den Hintergründen und der Situation dort. Karl Boczek erzählt gerne vom Hlučínsko, dem Hultschiner Ländchen, zu dem Sandau gehört. Dieses Wort fällt aber nur ein einziges Mal.

Es passiert im Vorbeigehen

„Hultschiner Ländchen? Wer kennt Hultschin?“, fragt eine Stimme wie aus dem Nichts. Karl Boczek hat den älteren Herrn gar nicht bemerkt, der just in diesem Moment seinen Rollator an den beiden vorbeischiebt und nun stehen bleibt. Er habe in Hultschin die Schule besucht und sein Großvater sei in der Stadt vor dem Krieg Bürgermeister gewesen, fügt der Senior hinzu, den Karl Boczek vom Sehen her kennt. Guntram Kubina ist Jahrgang 1936 und lebte als Jugendlicher von 1945 bis 1949 in Hultschin. Die beiden Landsleute haben sich viel zu erzählen.

Einige Tage später schreibt Karl Boczek in anderer Sache eine E-Mail an Jiří Neminář. Der Pädagoge im Museum des Hultschiner Ländchens hatte im Oktober auch die Delegation aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart durch die Ausstellungsräume geführt. Noch ganz fasziniert von der zufälligen Begegnung vor dem Gemeindehaus erwähnt der Langenargener das Gespräch mit Guntram Kubina. Die Antwort aus Hultschin folgt umgehend. Könne es sein, das Kubina der Enkel des ehemaligen Bürgermeisters Richard Peschel sei?

Er war in Vergessenheit geraten

„Das wäre eine große Sensation“, lässt Jiří Neminář wissen. Im Hultschiner Museum hängt ein Foto aus dem Jahr 1937. Es zeigt Bürgermeister Peschel bei der Begrüßung des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Eduard Benesch. Viel ist über das Stadtoberhaupt zur Zeit der Ersten Republik nicht mehr bekannt, er war in Vergessenheit geraten. Vor allem ob Peschel während des Zweiten Weltkriegs starb oder irgendwann wegzog, ob er während der Wirren nach dem Krieg umkam oder verschwand, darüber gibt es bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erkenntnisse.

„Richard Peschel hieß mein Großvater“, bestätigt Guntram Kubina, als ihn Karl Boczek wenige Tage später in Langenargen aufsucht. In seinen Unterlagen findet der Enkel alte Fotos sowie Familiendokumente - und in seiner Erinnerung so manche Geschichte von damals. Richard Peschel wohnte mit seiner Familie auf dem Marktplatz. Im Hinterhof baute er eine Druckerei auf, in der er die erste Hultschiner Zeitung herausgab. Er engagierte sich neben seinen politischen Ämtern zudem bei der Freiwilligen Feuerwehr und in Vereinen.

Als Deutscher von Nazis entmachtet

Obwohl er Deutscher war, hielt Richard Peschel - wie viele andere auch - nichts von den Nazis, die ihn nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei im Oktober 1938 als Bürgermeister absetzten. Ein Jahr später verboten sie seine Zeitung. Mit Hilfe von Guntram Kubina lassen sich auch die Todesumstände des Bürgermeisters aufklären. Richard Peschel starb kurz nach seiner Frau und noch vor seiner geplanten Vertreibung im August 1946. Sein Sohn fiel im Krieg, die beiden Töchter mussten die Familienwohnung räumen. Hildegard Kubina zog 1949 mit ihrer Familie nach Köln.

Als Arzt landet Guntram Kubina schließlich am Bodensee und praktiziert viele Jahre in einem Ravensburger Krankenhaus. Seit einigen Wochen lebt er nun in einem Pflegeheim in Augsburg. Die Begegnungen mit Karl Boczek im November 2021 führen dazu, dass das Hultschiner Museum in einem Archiv in Troppau/Opava das Testament der Peschels aus dem Jahr 1942 auffindet. Das vom Staat damals konfiszierte Vermögen lässt sich nicht mehr verteilen. Aber ein Wunsch aus dem Vermächtnis wird 80 Jahre nach dessen Abfassung endlich wahr.

Den letzten Willen erfüllt

„Auch soll alljährlich an unseren Sterbetagen je eine heilige Seelenmesse in der römisch-katholischen Pfarrkirche zu Hultschin gelesen werden“, hieß es im Testament. Am 4. September 2022 sind Jiří Neminář, der die Initiative ergriff, und Karl Boczek, der zufällig in seiner früheren Heimat weilt, beim Gottesdienst dabei. Deutsche bringen eine geraubte Glocke in ihre Heimat zurück und Tschechen erfüllen den letzten Willen ihres ehemaligen deutschen Bürgermeisters. Ein starkes Zeichen für Frieden und Versöhnung in Europa.

Das Projekt „Friedensglocken für Europa“

Vom 12. bis 15. April bringt eine Delegation der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Weihbischof Dr. Gerhard Schneider weitere fünf Glocken zurück in die Diözese Ostrau-Troppau/Ostrava-Opava. Die Nazis hatten sie und viele andere im Zweiten Weltkrieg abgehängt und größtenteils für Kriegsgerät eingeschmolzen. Die verschonten Glocken landeten zunächst auf dem „Glockenfriedhof“ im Hamburger Hafen. Von dort kamen einige aus den ehemals deutschen „Ostgebieten“ nach Kriegsende auf Kirchtürme in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Mit dem Projekt „Friedensglocken für Europa“ ersetzt die Diözese die an ihren Ursprungsort zurückgebrachten Glocken durch neu gegossene in den württembergischen Kirchtürmen, die ebenfalls als Friedensglocken geweiht werden. Mehr dazu im Dossier:

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