Advent

Wäre die Krippe heute eine Schachtel?

Beim Stadtrundgang zu Weihnachten in Esslingen

Eine Schachtel wird als Krippe vorgestellt, um die Not zu verdeutlichen, in der sich Maria und Josef befanden. Bild: Monika Scafuro

Beim Stadtrundgang zu Weihnachten in Esslingen.

Sebastian Schmid liest die Weihnachtsgeschichte vor: Bild: Monika Scafuro

In Esslingen erleben die Teilnehmer:innen eines berührenden Stadtrundgangs eine nachdenklich stimmende Perspektive auf die Weihnachtsgeschichte.

Wie ging es Maria und Josef und wie erlebten sie die Geschichte, die wir an Weihnachten hören? An welchen Orten in Esslingen würden sie vorbeikommen und welche Gefühle hätten sie dabei? Wie erleben wir die Weihnachtsgeschichte heute in unserer Stadt? Diese Fragen stellten sich Sebastian Schmid, Profilstelle Cityseelsorge/Haus der katholischen Kirche Esslingen, und Raphael Maier, Pastoralreferent in Esslingen, und erarbeiteten daraus einen Stadtrundgang der anderen Art.

Auf einmal Baustelle

Am Rande des Trubels des beliebten Mittelaltermarkts liegt die Baustelle des Hauses der Katholischen Kirche, die Ausgangsort für den besonderen Stadtrundgang war. Maier schob den Bauzaun dieser Baustelle zur Seite und die Teilnehmer:innen wurden dazu aufgefordert, diesen Ort mit ihren Sinnen wahrzunehmen. „Marias Leben wurde auf einmal zur Baustelle – und vielleicht wäre sie lieber mit ihren Freund:innen zum Weihnachtsmarkt gegangen“, so verdeutlichte Schmid die schwierige Situation. „Als unverheiratete Frau hat sie kein Haus, in dem sie wohnt. Sie muss von Josef aufgenommen werden.“ In diesem kalten, offenen Ort, an dem es nach Baumaterialien riecht und kein Licht hinkommt, spürten die Teilnehmer:innen des Abends zum ersten Mal, in welch schwieriger Lage Maria sich damals befand und wie verzweifelt sie gewesen sein musste.

Nachdenklich inmitten des Weihnachtsmarkts

Müsste man sich heute in ein städtisches Verzeichnis eintragen lassen, würde man im Standesamt landen. So machte die Gruppe auf dem Weihnachtsmarkt Halt, um sich auf die Spur der eigenen Heimat zu begeben. „Wäre es für mich einfach, an meinen Geburtsort zurückzugehen?“ Diese Frage stellten sich die Teilnehmer:innen und durften ihren Geburtsort auf einer Landkarte mit verschiedenfarbigen Punkten markieren. Für die meisten der Anwesenden war dies mit einem guten Gefühl verbunden, doch gab es auch einzelne, die ungern diese Reise in ihre Geburtsstadt antreten würden. Marias Situation war jedoch eine ganz andere: Es war nicht ihre Heimat, sondern die von Josef und seinen Vorfahren. Die Teilnehmer:innen wurden nachdenklich und das mitten unter Weihnachtsmarktbesucher:innen und Touristengruppen. Sie spürten, dass sie froh waren, sich dieser Aufgabe im Leben nicht stellen zu müssen.

Hält Josef zu Maria?

Nur wenige Schritte vom Trubel des Weihnachtsmarktes entfernt, im Schatten der evangelischen Stadtkirche St. Dionys, befand sich die nächste Station. Dort wurde nochmals deutlich, wie sehr Maria von Josef abhängig war. Die Ruhe, die die Teilnehmenden im Schatten der Kirche erlebten, war für einige zunächst ein willkommener Kontrast zum vollen Weihnachtsmarkt. Doch ein so ruhiger Ort, an dem die Gruppe zeitweise ganz allein steht, ist auch ein unsicherer Ort – vor allem für eine Frau. Maria war damals darauf angewiesen, dass Josef bei ihr blieb, dass er zu ihr hielt und sie beschützte. In ihrem hochschwangeren Zustand musste sie ihm vertrauen, dass er sie gut durch die Städte und die gesamte Reise bringt. Ein Risiko, das wir in manchen Abhängigkeiten auch heute noch erleben können.

Für die meisten Anwesenden unvorstellbar

Und plötzlich platzte die Fruchtblase. Heute würden wir direkt losfahren oder den Notruf wählen. Vielleicht würden wir noch schnell Geld abheben oder jemand anderes würde für uns die nötigen Dinge einkaufen. Passend dazu machte die Gruppe zwischen dem Einkaufszentrum und der Bankfiliale Halt. Doch wie war das damals, fernab von Zuhause und ohne die Unterstützung der Familie? Für die meisten der Anwesenden war das unvorstellbar, und doch erleben Menschen solche Situationen heute noch immer, beispielsweise in den Kriegsgebieten der Ukraine und im Gazastreifen. Kurz irritierend, aber passend dazu war ein alkoholisierter Mann, der in der Fußgängerzone aggressiv herumschrie: Maria konnte sich nicht sicher fühlen. Sie musste erst einen Ort finden, an dem sie ihr Kind zur Welt bringen konnte.

Im Fahrradkeller des Bahnhofs

Den größten Kontrast zu unserem heutigen Weihnachtsfest und der Geburt Jesu erlebten die Teilnehmer:innen sicherlich im Fahrradkeller des Esslinger Bahnhofs. Ein Ort, an dem alle Pendler:innen immer möglichst schnell vorbeikommen wollen. Ein Ort, der stinkt und dreckig ist. Ein Ort, der den größten Kontrast zu unseren warmen, gemütlichen Wohnzimmern an Weihnachten darstellt. Hier breitete Maier eine Rettungsdecke und einen Schlafsack aus, drapierte eine Schachtel mit übriggebliebenem Verpackungsmaterial. Schmid las die Geburtsszene vor. Im Hintergrund spielte ein Straßenmusiker „We Wish You a Merry Christmas“ auf dem Akkordeon. Alle konnten es spüren: Diese Geburt war sicherlich nicht schön. „Das ist doch das Gegenteil von dem, wie wir Weihnachten feiern“, brachte eine Teilnehmerin ihre Gefühle auf den Punkt.

Froh, diesen Ort zu verlassen

Die Teilnehmer:innen waren froh, diesen Ort der Fahrradabstellplätze zu verlassen. Doch Maria und Josef konnten nach dieser Geburt nicht einfach ihren Stall verlassen, denn sie hatten keinen anderen Ort. Zum Abschluss schenkten die beiden Organisatoren Punsch und Glühwein aus. Beim abschließenden Gespräch in der Runde war allen klar: „Das war ein wirklich berührender Stadtrundgang. Damit lernt man die Weihnachtsgeschichte nochmals ganz anders kennen”, brachte es jemand aus der Runde auf den Punkt.

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