Missbrauch und Prävention

Was ich anhatte…

An einer grauen Kirchensäule hängen ein buntes Kleid und ein Transparent mit Text.

Dieses Kleid, das eines der Opfer von sexualisierter Gewalt während der Tat trug, hängt neben ihrer Leidensgeschichte - Foto: DRS/Waggershauser

Ausstellung in Ravensburger Kirche thematisiert sexualisierte Gewalt gegen Frauen mit Begleitprogramm eines breiten Netzwerks im Landkreis.

„Schuld ist nicht das Opfer.“ Alle, die bei der Vernissage der Ausstellung zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen am Samstag in Ravensburg das Wort ergriffen, unterstrichen diese Aussage. Die Frage „Was hattest du denn an, als das passiert ist?“ sei falsch, auch wenn sie oft ohne Hintergedanken gestellt werde, betonte Polizeipräsident Uwe Stürmer. Sie unterstelle dem Opfer eine Mitschuld. Was zwölf namentlich benannte Frauen am Tag des Übergriffs und der Gewaltanwendung tatsächlich trugen, zeigen die originalen oder nach Beschreibung nachgekauften Kleidungsstücke, bis zum 27. Februar aufgehängt an den zwölf Säulen der gotischen Jodokskirche.

Darunter sind lange und kurze Kleider, schrille und dezente Farben, Jeans mit T-Shirt und Pyjama. Auch eine Polizistin in Uniform habe es getroffen, berichteten Jutta Klawuhn und Laura Sauer. Anhand von Kleiderbügeln stellten die beiden Schauspielerinnen einige der betroffenen Frauen vor, deren Leidensgeschichten an den jeweiligen Säulen nachzulesen sind. Und sie erinnerten an Mary Simmerling, die am 4. Juli 1978 vergewaltigt wurde und die Frage nach ihrer Kleidung satt hatte. Mit ihrem Gedicht „What I was wearing“ gab sie den Anstoß zu der Ausstellung von Kuratorin Beatrix Wilmes, die die letzten sechs Jahre bereits an 62 Stationen in Deutschland zu sehen war.

Suche nach einem würdigen Ort

„Kleidung darf nie als Entschuldigung für Gewalt interpretiert werden“, stellte Tina Schädler, Dezernentin für Bürgerservice, Gesundheit und Migration im Landratsamt Ravensburg, unmissverständlich fest. Bei Gabriela Schenk, die dort in der Koordinierungsstelle häusliche und sexualisierte Gewalt arbeitet, liefen und laufen die Fäden für die Ausstellung in Ravensburg zusammen. Als sie nach einem „würdigen Ort“ für die Exponate suchte, stieß sie auf St. Jodok und Gemeindereferentin Christine Mauch, die sie unterstützt. Die „Kirche in der Stadt“ greift als Citykirche immer wieder in Ausstellungen und Veranstaltungen soziale und gesellschaftliche Themen auf.

Die Befürchtung, eine katholische Kirche könnte angesichts der Missbrauchsfälle kein geeigneter Ort für die Ausstellung sein, teilt Gabriela Schenk nicht. „Sexualisierte Gewalt findet überall statt“, weiß sie. „Es geht durch alle Schichten, wo Schutzbefohlene anderen ausgeliefert sind.“ So reicht auch das Netzwerk, das die Ausstellung trägt, von kirchlichen und kommunalen Einrichtungen bis hin zu eingetragenen Vereinen. Die Resonanz ist groß, die Angebote für Schulklassen sind komplett ausgebucht, freute sich Gabriela Schenk.

Möge diese Ausstellung uns anrühren, verändern und wachrütteln.

Das sagte Christine Mauch am Beginn der Vernissage, die Reiner Schuhenn mit einer Mischung aus gefälligen und verstörenden Klängen an der Orgel begleitete. Verstörend war auch, dass bei der Frage, wer jemanden kennt, der oder die von sexualisierter Gewalt betroffen ist, sich deutlich mehr als die Hälfte erhoben. Und als sich diejenigen wieder setzen sollten, bei denen die Täter angezeigt und verurteilt wurden, blieben fast alle stehen. Grund genug, dass die geschätzt 400 Personen am Ende alle aufstanden, die Stühle beiseite räumten und sich zur Musik von „One Billion Rising“, der weltweiten Kampagne am Valentinstag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, bewegten und tanzten.

Infos zur Ausstellung

Die Ausstellung ist noch bis Freitag, 27. Februar, in der Kirche St. Jodok, Eisenbahnstraße 20, in Ravensburg zu sehen. Der Eintritt ist kostenfrei.

Öffnungszeiten

Montag – Freitag 10 – 16 Uhr
Samstag 10 – 14 Uhr
Sonntag 14 – 16 Uhr

Begleitprogramm

Aschermittwoch, 18. Februar 2026, 10 – 16 Uhr
„Asche to go“
Kath. Kirchengemeinde St. Jodok

Donnerstag, 19. Februar 2026, 14 Uhr
Vortrag „Gewalt in der Prostitution – Realität, Ursachen und Handlungsbedarf“
Arkade e. V. MISA
Hier geht's zur Anmeldung

Freitag, 20. Februar 2026, 14 – 16 Uhr
Workshop „Sicher unterwegs – zur Verhinderung von sexueller Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum“
Polizeipräsidium Ravensburg
Hier geht's zur Anmeldung

Samstag, 21. Februar 2026, 10 – 12 Uhr
Workshop „Sicher unterwegs – zur Verhinderung von sexueller Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum“
Polizeipräsidium Ravensburg
Hier geht's zur Anmeldung

Die Angebote für Schüler:innen mit und ohne Selbstbehauptungsworkshop der Polizei sind bereits komplett ausgebucht.

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