Katholikentag

"Wir brauchen Menschen, die fest daran glauben, dass unser Land Zukunft hat"

Erzbischof Bashar Warda aus dem nordirakischen Erbil zu Gast beim 102. Deutschen Katholikentag in Stuttgart. Bild: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Thomas Brandl

Erzbischof Warda aus Erbil hat viele Freunde getroffen. Er genoss den Austausch und warb um Unterstützung für bedrohte Christen in Chaldäa.

Er ist für viele Menschen Hoffnungsanker in einer schwierigen Zeit, unermüdlicher Antriebsmotor für neue Hilfsprojekte ebenso wie geistlicher Vater und der Mann, der alles zusammenhält: Erzbischof Bashar Warda aus dem nordirakischen Erbil hat den 102. Katholikentag genutzt, um viele, viele Freunde aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart zu treffen, sich mit ihnen und anderen auszutauschen und für weitere Unterstützung für die bedrohten Christen in Chaldäa zu werben.

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart steht den Glaubensbrüdern- und schwestern im Nahen Osten seit dem Jahr 2000 tatkräftig zur Seite, allein in den vergangenen zehn Jahren hat sie dort Projekte mit einem Volumen von 640.000 Euro gefördert, 2021 eigens eine Fachkraft für Traumapsychologie entsandt und während der Corona-Pandemie medizinische Soforthilfe geleistet.

Bischof Gebhard Fürst war 2018 selbst vor Ort. Parallel dazu hat das Dekanat Mühlacker seit 2017 rund 140.000 Euro gesammelt, um 80 Wohnungen in einer Heimstatt für Senioren und junge Familien im vorwiegend von Christen bewohnten Stadtteil Ankawa mit Küchenzeilen auszustatten. Im März dieses Jahres reiste eine Delegation aus Mühlacker nach Erbil und in die Ninive-Ebene, aus der 2014 bis 2016 viele Christen von den Terroristen des „Islamischen Staates“ vertrieben worden waren.

Herr Erzbischof Warda, wissen Sie noch, wie oft Sie schon zu Besuch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart waren?

Das ist mein sechstes Mal jetzt. Ich freue mich immer sehr, wenn ich meinen Kollegen Gebhard Fürst und sein Team sehen kann. Wir fühlen uns inzwischen schon wie Brüder und Schwestern. Als Bischof Fürst 2018 bei uns war, haben wir gemeinsam eine Schule eröffnet – das war ein starkes Zeichen, dass wir Chaldäer im Nordirak eine Zukunft haben.

Wie viele Christinnen und Christen leben denn noch dort? Wie ist allgemein derzeit die Situation im Irak?

Leider warten wir nach wie vor auf eine funktionierende Regierung in Bagdad, das macht allen Sorgen. In Erbil ist die politische Lage stabiler, aber finanziell und wirtschaftlich hängt halt fast alles von Bagdad ab. Die Zahl der Christen bei uns ist leider von einstmals 1,5 Millionen auf unter 300.000 geschrumpft, aber immerhin gibt es keine Flüchtlingslager mehr, 9.000 Familien konnten inzwischen in ihre Dörfer und Städte zurückkehren. Was mir Hoffnung gibt, ist unsere hohe Geburtenrate. Die Anzahl der Hochzeiten steigt wieder.

Was sind Ihre persönlichen Wünsche für die Zukunft Ihrer Erzdiözese?

Mein Traum ist, eines Tages die aktuellen Absolventen unserer katholischen Universität selbst als Lehrer, Priester, Nonnen zu sehen. Wir brauchen Menschen, die fest daran glauben, dass unser Land Zukunft hat. Dafür braucht man solch positive Beispiele wie unser neues Mariam-Hospital. Es hat inzwischen den vollen Betrieb aufgenommen und 260 neue Jobs geschaffen. Wir wollen es zum Lehrkrankenhaus ausbauen. Die meisten Absolventen der beiden ersten Jahrgänge unserer Universität haben Arbeitsstellen gefunden. Wir planen derzeit einen Ausbau mit 40 weiteren Räumen für eigene Fakultäten für Pharmazie, Krankenpflege, Digitales Design und Wirtschaft. Das wird ein sehr großes Projekt mit 15 Millionen US-Dollar Finanzrahmen. Also beten Sie bitte für mich, damit wir das alles hinkriegen!      

Wie läuft insgesamt die Zusammenarbeit mit der „Schwester-Diözese“ Rottenburg-Stuttgart?

Ich finde sie großartig. Wir sehen ein starkes Interesse an uns und unserer Situation auf deutscher Seite, immer wieder gibt es Besucherdelegationen, selbst in der Covid-19-Pandemie hat man uns geholfen. So konnten wir Sauerstoff kaufen, Medikamente und Vitamine. Vielen herzlichen Dank dafür!

Im März hatten Sie ja auch eine Delegation aus dem Dekanat Mühlacker zu Besuch…

Unsere Gäste waren sehr beeindruckt zu sehen, dass ihre Hilfe genau an der richtigen Stelle angekommen ist, dass sie die Gründung von Familien unterstützen. Viele von diesen sind inzwischen finanziell so stabil, dass sie schon über den Umzug in größere Wohnungen nachdenken und dadurch Platz für andere im McGivney-House schaffen. Das erste, was wir brauchen, sind Wohnungen, dann Jobs – erst dann kommt die Kirche.

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LEBEN TEILEN – das ist nicht nur das Leitwort des Katholikentags, sondern das gilt auch für die gut 1,7 Millionen Katholikinnen und Katholiken in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Schließlich ist der Heilige Martin unser Diözesanpatron. Er verkörpert mit seiner Biografie Nächstenliebe und überzeugende Glaubensverkündigung. Als "Martinsland" präsentiert sich die Diözese deshalb auch auf dem Schillerplatz. Schauen Sie vorbei und lassen Sie sich bei uns am Stand mit einem ganz neuen Blickwinkel unsere diözesanen Schwerpunkte zeigen.

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