Bei einem Gedenkgottesdienst in der Kirche St. Moriz in Rottenburg anlässlich des 80. Todestags des ehemaligen württembergischen Staatspräsidenten und katholischen Politikers Eugen Bolz, der am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee von den Nationalsozialisten hingerichtet worden war, bezeichnete Bischof Dr. Klaus Krämer ihn als ein „Vorbild, das uns mahnt und ermutigt“.
Den christlichen Werten diametral entgegengesetzt
In seiner Predigt sagte der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart: „Der Ungeist der Nationalsozialisten kostete Eugen Bolz und mit ihm vielen Männern und Frauen des 20. Juli das Leben. Und auch wenn uns acht Jahrzehnte von diesen dunklen Geschehnissen trennen, treibt in unseren Tagen nicht wenige die Sorge um, dass dieser Ungeist wieder lebendig werden könnte. Nicht durch eine einfache Wiederholung des Geschehenen – nicht durch Wiederholung der Parolen von damals, nicht durch die alten Fahnen und Symbole. Sondern viel subtiler, schleichend, indem zum Beispiel ein Menschenbild mehr und mehr hoffähig gemacht wird, das mit dem christlichen Menschenbild ganz und gar nicht vereinbar ist. Deutsches Leben sei wertvoller als das der Geflüchteten, durch die sogenannte Remigration würde die Gesellschaft wieder sozialer und lebenswerter. Menschen, die so reden, geben vor, sich für christliche Kernthemen stark zu machen und geben sich als deren Anwalt aus.“ Von solchen Positionen könnten sich Christinnen und Christen nur ganz eindeutig distanzieren, unterstrich der Bischof und sagte: „Christen können nicht schweigen, wenn Parolen skandiert werden, die scheinbar christlich klingende Werte dazu missbrauchen, um ein Menschenbild zu propagieren, das dem christlichen Menschenbild und den Werten, für die wir stehen, geradezu diametral entgegengesetzt ist. Wer die Predigt Jesu vom Reich Gottes ernst nimmt, der erkennt gerade in den Armen, den Schwachen, den Kranken und den Fremden das Bild Gottes“, betonte Dr. Krämer.
Ordnung bewahren
Eugen Bolz habe die Zeichen seiner Zeit früh erkannt und klar Position bezogen. „Wehret den Anfängen“ – das sei es, was wir heute von Eugen Bolz lernen könnten. Dass die NSDAP so erfolgreich wurde, habe auch daran gelegen, dass viele Mitläufer ihren falschen Parolen Glauben geschenkt haben. Viele hätten gedacht, dass es am Ende so schlimm doch nicht kommen würde. „Eugen Bolz hat nicht so gedacht. Er ist seinem Gewissen gefolgt und hat sich für den Erhalt der Demokratie eingesetzt – und das mit dem höchstmöglichen Einsatz“, sagte der Bischof. Unsere heutige Demokratie und unser Bekenntnis zur Würde und zu den unveräußerlichen Rechten eines jedem Menschen bauten nicht zuletzt auf dem Zeugnis der Männer und Frauen auf, die – wie Eugen Bolz – dem nationalsozialistischen Unrechtsregime mutig und unerschrocken entgegengetreten sind. „Diese Ordnung gilt es zu bewahren, zu erhalten und dort, wo es notwendig wird, auch entschlossen zu verteidigen. Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass gerade das von uns heute gefordert wird. Es gilt für die Werte und die Rechtsordnung einzutreten, die unser Gemeinwesen tragen. Und es gilt wachsam zu sein – wachsam zu erkennen, wo die Rechte und die Freiheiten, die uns durch diese Ordnung garantiert werden, dazu missbraucht werden, diese Ordnung von innen heraus auszuhebeln und zu untergraben“, sagte Dr. Krämer. Freie Wahlen seien ein hohes Gut in einem demokratischen Rechtsstaat. „Einen absoluten Schutz vor extremistischen Regierungen stellen sie aber nicht dar. Auch die NSDAP kam durch freie Wahlen an die Macht – eine Macht, die sie dann sehr schnell missbrauchte.“
„Danken wir Gott an diesem 23. Januar dafür, dass er uns Eugen Bolz geschenkt hat – als Vorbild, das uns mahnt und ermutigt. Und beten wir darum, dass auch in unserer Zeit Menschen wie Eugen Bolz aufstehen, ihrem Gewissen folgen und sich aus christlicher Verantwortung für das Gemeinwohl und die Rechte aller Menschen einsetzen. Wer auf Gott vertraut, der braucht die Anfeindungen der Menschen nicht zu scheuen“, schloss der Bischof seine Predigt.
Schüler:innen gestalten Gedenkgottesdienst mit
Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher legte an der Eugen Bolz-Büste in der Kirche einen Gedenkkranz nieder. Er sei stolz auf das heutige Deutschland mit seiner Meinungsfreiheit, der unabhängigen Justiz und vielem anderen mehr, sagte er und forderte die Anwesenden dazu auf, es nicht soweit kommen zu lassen, dass vieles, was mühevoll errungen wurde, in Frage gestellt wird. „Heute kommt es an, rechts zu sein, Abgrenzungen zu betonen und es ist eine Strategie, immer zwei Schritte über die rote Linie zu gehen, aber nur einen Schritt zurück“, sagte Neher beim Gedenken an den Rottenburger Ehrenbürger Eugen Bolz.
Der Gedenkgottesdienst wurde musikalisch sowie mit einer Performance zum Thema „Hassrede“ von Schülerinnen und Schülern des Rottenburger Eugen Bolz-Gymnasiums mitgestaltet. Schulleiter Dr. Andreas Greis spannte dabei den Bogen zum Jahr 1933, als Eugen Bolz auf dem Weg in die Schutzhaft in Stuttgart von einem organisierten Mob beschimpft und mit Dreck beworfen worden war.








