Gemeinde

Wenn das (Ewige) Licht ausgeht

Maria verlässt das Laihle: Die Abnahme der Muttergottes-Statue durch den gewählten Vorsitzenden des Kirchengemeinderats und seinen Stellvertreter, Dr. Rainer Noebels (links) und Dr. Gregor Heemann, ist ein besonders emotionaler Moment bei der Profanierung der Christus-Erlöser-Kirche am Vorabend des Christkönigssonntags in Suttgart-Botnang. Foto: drs/Jerabek

An ihrem 54. Weihetag war Christus-Erlöser in Botnang keine Kirche mehr. Erlebnisbericht einer Profanierung. Und ein ganz persönlicher Nachruf.

Der Liedanzeiger spielt verrückt. Die klemmende Mechanik der Leuchtziffern an der elektrischen Nummernanzeige, die oben schon ein wenig aus der Wand herausragt, steht sinnbildlich für den letzten Gottesdienst in Christus-Erlöser. Auch die Deckenstrahler, die den Altarraum hell erleuchten sollen, haben offenbar ihren Dienst quittiert. Zur Profanierung dieser Kirche, die meine Jugendkirche war, bin ich – obwohl ich schon seit 35 Jahren nicht mehr hier wohne – am Vorabend des Christkönigsfestes nach Botnang gekommen. Die Nachricht von der Entwidmung hat sich auch unter ehemaligen Botnangern schnell verbreitet.

„Jesus Christus ist der Felsen“, ein Lied von Henry Purcell, für das John Rutter eine festliche Choral-Bearbeitung schuf, singt der Kirchenchor zu Beginn. Die Kirche ist fast voll besetzt, als Werner Laub, Leitender Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-West/Botnang und stellvertretender Stadtdekan, und Pater Gregor Kosielski, langjähriger Seelsorger im Stadtteil, mit zahlreichen Ministranten einziehen. Ja, so kannte ich meine Erlöser-Kirche: sonntags immer so voll, dass Herr Lauzana, der Mesner, den großen Ventilator einschalten und die Kirchentüren aufmachen musste, damit die Leute Luft kriegten. Inzwischen ist die Zahl der Katholiken in den großen Siedlungen Laihle und Spitalwald, für die die Kirche 1971 gebaut wurde, deutlich zurückgegangen.

Mutig beieinanderbleiben

„Hoffentlich wiederholt sich das nicht allzu oft“, dass eine Kirche aufgegeben werden muss, sagt Pfarrer Laub in seiner Begrüßung. Und doch wisse man „um die Notwendigkeit und Dringlichkeit, dass wir uns konzentrieren und mutig beieinanderbleiben. – Schön, dass Sie da sind, mit dem, was Sie in den vergangenen Jahrzehnten an diesen Ort gebracht haben.“ Während der Kirchenchor Teile der „Missa in honorem Sancti Josephi“ von Flor Peeters zu Gehör bringt, schweifen meine Blicke durch die Kirche und meine Gedanken 45 Jahre zurück. Hier habe ich Erstkommunion gefeiert und ministriert. Einen Stock tiefer, in den Gemeinderäumen, fanden die Proben vom Jugendchor und fürs Sternsingen statt; an Herrn Schnepf mit seiner Stimmgabel erinnere ich mich gut. Tolle Partys gab es natürlich auch. Kirchengemeinde und Freundeskreis waren fast deckungsgleich.

Einige bekannte Gesichter erkenne ich wieder, andere fehlen. Die Eltern mancher Freunde, die hier aktiv waren, sind schon gestorben. Auch Herr Moser ist nicht mehr da. Schon damals war das ein älterer Herr mit weißen Haaren, der immer rechts in der zweiten Reihe saß. Darauf war Verlass. Der Christus-Erlöser-Kirche spendierte er ein echtes Kruzifix, das jetzt wahrscheinlich ins Depot der Diözese für heimatlose Ausstattungsgegenstände nach Obermarchtal kommt. Dorthin, wo schon Dutzende Kreuze und arbeitslose Franziskusse und Josefs auf eine neue Verwendung warten.

Wo Gott wohnt

„Wo bleibt Gott, wenn wir ihm sein Haus nehmen“, so habe er sich gefragt, sagt Pfarrer Laub in der Predigt. „Ist er dann wohnsitzlos?“ Diese Frage führe zu dem Gedanken, dass Gott nicht nur im stillen Kämmerchen, im Herrgottswinkel und in prachtvollen Kathedralen zu finden sei, sondern einer sei, der eigentlich keinen Wohnsitz hat. Jesus selbst habe gesagt: wenn ihr euch auf mich einlasst, wenn ihr mir nachfolgen wollt, mit aller Konsequenz - denn unser König thront am Kreuz -, dann gilt es auf dem Weg zu sein und auf dem Weg zu bleiben, nach draußen zu gehen und zu den Menschen, sie zu suchen und in ihnen Christus zu erkennen. Er, Gott, „wohnt dort, wo wir uns auf den Weg machen, um den Menschen zu begegnen, wo wir uns anrühren lassen von ihrer Not, ihrer Freude und ihrem Dank, dort soll der göttliche Funke überspringen“, sagt Pfarrer Laub. Und: Gott sei auch dort gegenwärtig, wo wir mutig und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. „Gott ist da - möge er unser König bleiben und unser Erlöser“ - diesen Gedanken gibt er den Gottesdienstbesuchern mit auf den Weg.

Heimat und ganz viel Erinnerung

Schön ist sie eigentlich nicht, meine Christus-Erlöser-Kirche: ein zweckmäßiger Betonklotz inmitten der vielen Hochhäuser. Immerhin aber so platziert, dass man die kleine Kirche fast von überallher sehen konnte. Innen vermittelten die profilholzverkleidete Decke und die großen Fensterblatt-Pflanzen – Monstera deliciosa, wie ich heute weiß –, die neben dem Gabentisch und am Tabernakel standen, eine doch heimatgebende Atmosphäre. Wie auch immer: Es war meine Kirche. Dass du, Christus-Erlöser, jetzt keine Kirche mehr bist, das hast du nicht verdient!

Hab nicht viel Glück mit den Kirchen, die meine Jugend geprägt haben, denke ich noch: Die Sankt-Stefan-Kirche im Stuttgarter Westen (1976 erbaut), wo meine muttersprachliche Gemeinde beheimatet war, hat es schon erwischt: Nach der Profanierung vor über zehn Jahren wurde sie Buchhandlung und ist jetzt ein Vintage-Design-Store. St. Ulrich auf dem Fasanenhof (1966 geweiht), wo ich meine Kindergartenzeit verlebte, wurde teilprofaniert und wird gerade umgebaut. Nur auf St. Vitus in Ellwangen, meine Firmkirche, und auf Pater Philipp, der dort begraben ist und dem nach wie vor viele Menschen die Treue halten, ist Verlass. Aber das ist auch ein anderes Kaliber.

Trennung auf Raten

Dr. Rainer Noebels, gewählter Kirchengemeinderats-vorsitzender, berichtet in seiner Ansprache, wie er die Jahre seit Start des Projekts „Aufbrechen“ des Stadtdekanats Stuttgart mit den weitreichenden Plänen auch zur Profanierung von Kirchen erlebte. „Als vor ungefähr 14 Jahren bekannt wurde, dass wir uns langfristig von der Christus-Erlöser-Kirche würden trennen müssen, da durchlief ich innerlich – das habe ich erst hinterher gemerkt – mehr oder weniger die bekannten fünf Trennungsphasen, wie sie einmal die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross beschrieben hat.“ Zunächst pure Ablehnung – „Das konnte nicht wahr sein, dass meine Kirche mit lebendigen Familiengottesdiensten, mit gut besuchtem Krippenspiel, mit Impulsmessen, dass so eine Kirche einfach so geschlossen würde“, sagt Noebels. „Dann kam Zorn auf“, dann eine Phase des Verhandelns, „um den Schließungstermin so weit wie möglich rauszuschieben“. Eine vierte Phase beschreibt der gewählte KGR-Vorsitzende als depressive Phase – und schließlich die fünfte Phase: das Annehmen. Ein bisschen leichter gemacht habe dies die Tatsache, dass die Besucher der Christus-Erlöser-Kirche das Angebot zu den Vorabendgottesdiensten im Eugen-Bolz-Haus am anderen Ende des Stadtteils angenommen haben.

Die Verlesung des Profanierungsdekrets ist eine eher nüchterne Angelegenheit: Der an den Leitenden Pfarrer gerichtete Brief aus Rottenburg rekapituliert den Hergang des Verfahrens und nennt die einschlägigen Paragrafen aus dem Kirchlichen Gesetzbuch. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich es irgendwie auch stimmig gefunden hätte, wenn ein Weihbischof, der in wunderschönen Zeremonien Altarweihen vornimmt und Kirchenjubiläen feiert, auch „Ent-Weih-Bischof“ wäre, um den Schmerz der Gemeinde zu teilen.

Demokratie, Rebellion und erste Liebe

In Christus-Erlöser habe ich Ehrenamt und Demokratie gelernt – ersteres als Gruppenleiter, letzteres bei der Wahl des Ministranten-Leitungsteams und auch bei einer Umfrage, mit der unser Pfarrer seinerzeit eigentlich die Liturgie modernisieren wollte. „Dummerweise“ kam dabei heraus, dass die Leute gerne auch mal einen gregorianischen Choral singen mochten. Und es gab auch einen Hauch von Rebellion: Dass unser Pfarrer das Läuten zur Wandlung abschaffte, fanden wir als Minis gar nicht gut. Wir verbündeten uns mit dem Mesner, und die Glocken wurden immer wieder rausgeholt, sobald ein anderer Priester vor der Messe die Sakristei betrat.

Und dann war da noch das hübsche Mädchen, für das ich schwärmte und für das ich mich, wenn es in der Kirche war, beim Ministrieren besonders anstrengte. Sie hat es nie erfahren. Andere haben tatsächlich ihren Herzensmenschen hier kennengelernt. Einige dieser Paare sind jetzt auch zur Profanierung gekommen.

Unter Tränen ins „Asyl“

Zum Schluss des Gottesdienstes „berappelt“ sich die Leuchtanzeige nochmals – für das letzte Lied: „Lobe den Herren, den mächtigen“. Die Ortsvorsteherin spricht ein Grußwort, Rainer Noebels dankt allen Mitwirkenden und kündigt einen kleinen Umtrunk im Anschluss an. Es tut gut, mit alten Freunden und Bekannten zusammenstehen, Erinnerungen auszutauschen.

Der vielleicht emotionalste Moment ist, als der gewählte KGR-Vorsitzende und sein Stellvertreter, Dr. Rainer Noebels und Dr. Gregor Heemann, die Marienstatue vom Sockel abnehmen. Gottesdienstbesucher haben Tränen in den Augen. Immerhin kriegt Maria einen Platz in der Clemenskirche, die katholische Hauptkirche in Botnang. Der Altar wird abgedeckt, Osterkerze und Blumenschmuck werden von den Ministranten ab- und in einer kleinen Prozession hinausgetragen, der Pfarrer verbringt das Allerheiligste nach St. Clemens.

In der Christus-Erlöser-Kirche in Botnang löscht am Ende des Gottesdienstes Rainer Noebels das Ewige Licht.

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