Betriebsseelsorge

Wer liefert Ihr Paket?

Zusteller sind neue Zielgruppe für Betriebsseelsorge

Ioan Brstiak kümmert sich um die Zusteller, die gerade vor Weihnachten unzählige Pakete ausliefern müssen. Bild: Diözese Rottenburg-Stuttgart/Eva Wiedemann

Einer neuen Zielgruppe wendet sich die Betriebsseelsorge zu: Sie kümmert sich um Zusteller, die gerade jetzt vor Weihnachten viele Pakete ausliefern.

Zahlreiche Pakete werden in der Zeit vor Weihnachten zugestellt. Die Menschen, die die Geschenke bis an die Haustür bringen, hat dabei kaum einer im Blick. Von Beschwerden wegen zu später Zustellung oder nicht einwandfreien Nachrichten zum Abstellort einmal abgesehen. Anders handelt die Betriebsseelsorge in Böblingen. Sie hat ein neues Projekt gestartet, das sich direkt an die Zusteller wendet.

Herausforderung: Betriebsseelsorge ohne Betrieb

Als ein großer Versandhändler aus den USA in Darmsheim ein Verteilzentrum eröffnet und in kürzester Zeit zahlreiche dunkelblaue Kleinbusse in der Gegend unterwegs sind, beschließen Ioan Brstiak und seine Kollegen von der Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, sich die Situation der Paketzusteller einmal genauer anzusehen. Nicht so einfach, denn während das Wort „Betriebsseelsorge“ schon suggeriert, dass die Seelsorge in einem Betrieb angeboten wird, haben Zusteller meist keine eigentliche Arbeitsstätte – keinen Betrieb. Sie sind in ihren Transportern unterwegs, nur selten untereinander vernetzt, dafür immer unter Zeitdruck. Dass sie meist nicht bei dem großen Versandhändler oder ähnlichen Anbietern angestellt sind, ist für die Unternehmen durchaus komfortabel. „So fallen weder Sozialabgaben noch Gelder für die Rente an“, erklärt Brstiak. „Im Gegenzug müssen die Zusteller in der Vorweihnachtszeit schon mal 250 Pakete in acht Stunden an den Mann oder die Frau bringen. Wer das nicht schafft, hat ein Problem oder macht eben Übersunden. Meist unbezahlt natürlich.“

Seit Oktober ist es Brstiaks Job, Kontakt zu den Paketzustellern aufzubauen. Sie sind neben dem Versandhändler auch für andere Paketversandhändler zuständig. Sie alle eint: Einen Betrieb, in dem sie sich versammeln und vernetzen können, gibt es nicht. Sorgen und Nöte sind aber da und ohne großen Kontakt untereinander vielleicht umso größer. „Wir Betriebsseelsorger sind nahe bei den Arbeiterinnen und Arbeitern, v.a. bei denen, die zwar viel zu sagen haben, aber selten gehört werden“, sagt Brstiak. Der 37-Jährige wurde in Rumänien geboren und kam als Student nach Deutschland. Er spricht mehrere Sprachen, darunter rumänisch und slowakisch. Für das aktuelle Projekt mehr als ein Vorteil. Denn die meisten Zusteller stammen aus Osteuropa, sprechen kaum Deutsch und wissen wenig von Höchstarbeitszeit, Arbeitsrecht und Mindestlohn.

Zusteller als Eintrittskarte zum Arbeitsmarkt

„Als Zusteller zu arbeiten, ist für viele Männer und Frauen aus Osteuropa eine sehr einfache Möglichkeit, um im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“, so Brstiak weiter. „Dafür muss man Auto fahren, ein Handy bedienen und sich gut orientieren können. Dem Kunden müssen sie keine großen Geschichten erzählen, nur das Paket übergeben und sich bedanken.“ Schwieriger wird es, wenn der Kunde nicht da ist, und die Zusteller eine Nachricht hinterlassen sollen. Im Internet kursieren zahlreiche Beispiele, in denen sich User über diese Nachrichten in schlechtem Deutsch lustig machen. „Dass hinter diesen Nachrichten ein Mensch steckt, der der Sprache zwar nicht fähig ist, aber trotzdem versucht, einen guten Job zu machen, sehen diese Leute nicht“, sagt Brstiak.

Er will die Zusteller sehen. Und weil er sie nicht in einem Betrieb treffen kann, geht er ihnen in den Wohngebieten hinterher, in denen sie ihre Waren ausliefern, stellt sich vor und drückt ihnen Informationen in die Hand. „Wir haben einen Flyer in mehreren Sprachen gemacht. Er ist ein Angebot: Wir wollen zuhören, den Zustellern einen Raum bieten, in denen sie über ihre Sorgen berichten, aber auch ihre Freunde mitbringen können“, erläutert der Betriebsseelsorger. Kontakte knüpfen, Austausch und gegenseitige Unterstützung ermöglichen, Gemeinschaft und Halt geben – das will er mit seinem Projekt erreichen. Ob die Zusteller einer Religion angehören, ob sie überhaupt gläubig sind, spielt dabei keine Rolle.

Fallstudie zeigt: Prekäre Arbeitssituation wird verstärkt

Bereits 2021 hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem DGB-Bildungswerk Thüringen und der dortigen Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Broschüre mit dem Titel „Amazons letzte Meile“ veröffentlicht. Sie beschreibt, wie der Onlinehändler mit seiner eigenen Lieferlogistik die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen vorantreibt. „Da haben auch wir in Württemberg erkannt, dass wir uns als Betriebsseelsorger diesen Arbeiterinnen und Arbeitern widmen müssen“, sagt Brstiak.

Wichtiger Baustein seines Projekts: Die Sensibilität der Öffentlichkeit für die schwierige Situation der Zusteller schärfen. „Uns geht es darum, dass wer online bestellt und innerhalb von 24 Stunden seine Lieferung erwartet, auch weiß, welche Bedingungen der Mensch in Kauf nehmen muss, der das Paket dann an den Kunden übergibt.“ Während Kundenzufriedenheit beim Versandhändler oberste Priorität hat, leiden die Zusteller. „Der Bestellrausch vor Weihnachten hat Auswirkungen und dessen sollte sich jeder bewusst sein“, appelliert der Betriebsseelsorger.

Ein Nikolaus als Dankeschön

Noch hat kein Vernetzungstreffen der Zusteller stattgefunden. Das Anwerben der neuen Zielgruppe für die Betriebsseelsorge steht noch ganz am Anfang. „Wir sind im Aufbau, überall unterwegs und mobil – wie die Zusteller selbst. Betriebsseelsorger als Streetworker so zu sagen“, so Brstiak weiter. Er sucht selbst die Vernetzung mit Gewerkschaften und dem Bündnis Faire Mobilität. Am Nikolaustag waren sie so gemeinsam in der Nähe des neuen Logistikzentrums unterwegs und haben neben Nikoläusen auch Flyer ausgeteilt. „In eine Tüte mit Schokolade greifen die Zusteller sicher schneller hinein; zudem war der Nikolaus als Dankeschön für die geleistete Arbeit gedacht“, berichtet er. Und so wird er sich weiter um die Zusteller kümmern und ihnen ein Angebot machen: Bei der Betriebsseelsorge zur Ruhe zu kommen und Begleitung für ihre Sorgen und Nöte zu finden.

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