Missbrauch und Prävention

Wie gelingt Prävention?

Herausforderungen für die Prävention sexuellen Missbrauchs stehen im Mittelpunkt einer Tagung in Bad Schussenried. Magdalena Hriny von der "Fachberatungsstelle Morgenrot" in Friedrichshafen zählt zu den Netzwerkpartnerinnen, die über ihre Arbeit informierten. Foto: drs/Jerabek

Stand und Perspektiven bei Prävention und Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Diözese sind Thema einer zweitägigen Tagung in Bad Schussenried.

Wie gelingt es noch besser, Räume zu schaffen, in denen betroffene Menschen über Missbrauchserfahrungen sprechen können? Was ist nötig für eine Kultur der Achtsamkeit und wie lässt sich das Hinschauen „in der Breite“ verankern, damit Menschen vor sexualisierter Gewalt im Raum der Kirche wirksam geschützt sind? Das sind zentrale Fragen und darin enthaltene Forderungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in Gemeinden, Dekanaten oder Einrichtungen in der Diözese Verantwortung für die Prävention vor Ort übernommen haben. Etwa 90 Interessierte diskutieren bei einer von der Präventionsbeauftragten der Diözese, Sabine Hesse, moderierten Tagung in Bad Schussenried mit Fachleuten und Repräsentanten der Diözese.

Seit 20 Jahren gibt es in der Diözese Rottenburg-Stuttgart die „Kommission sexueller Missbrauch“ als Meldestelle und Beratungsgremium für Missbrauchsfälle, seit zehn Jahren arbeitet die Stabsstelle Prävention, Kinder- und Jugendschutz an der Koordination und Konzeption der Präventionsarbeit in der Diözese, Ende vorigen Jahres hat sich eine Aufarbeitungskommission konstituiert. Die Tagung beleuchtet den Stand dieser vielfältigen Anstrengungen und fragt nach den Herausforderungen für die weitere Arbeit. Auf Einladung des Diözesanen Präventionsnetzwerks und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart präsentieren zudem Einrichtungen und fachliche Kooperationspartner aus der Region beispielhafte Projekte im Bereich Prävention und Aufarbeitung.

Niederschwellige "Erzählräume" fehlen

„Wenn Sie überlegen und sich sicher sind, dass Sie niemanden in ihrem Umfeld haben, der sexuellen Missbrauch erfahren hat, fühlen Sie sich nicht so sicher – ich hab‘s auch lang gedacht.“ In diesem elektrisierenden Satz benannte Dorothea Weber als Betroffenenangehörige in einer Diskussionsrunde gleich mehrere Herausforderungen, denen sich die Prävention und die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt stellen muss: die immer noch bestehende Hemmschwelle, ein Vergehen zu benennen; das Fehlen von „Erzählräumen“ im niedrigschwelligen Bereich; vielleicht auch fehlendes Vertrauen gegenüber bestehenden Anlaufstellen. Gleichwohl zählte die Religionslehrerin und Göppinger Dekanatsrätin es zu den positiven Entwicklungen, „dass wir überhaupt darüber sprechen und dass die Betroffenen inzwischen wissen: sie können aus ihrem Schutzwall herauskommen und darüber sprechen, auch wenn die Reaktion der anderen immer noch unberechenbar bleibt“. Weber berichtete in diesem Zusammenhang von Vorbehalten und Widerständen, die es auf lokaler Ebene bisweilen bei dem Thema gebe.

Dafür zu sorgen, „dass die Prävention so weit vor Ort landen kann, dass sie zu einer Haltung wird“ – dieses Ziel formulierte Generalvikar Dr. Clemens Stroppel bei der Tagung. Andernfalls bleibe die Vorbeugung in den Kirchengemeinden einer unter vielen Bereichen, der behandelt wird oder auch nicht. Stroppel berichtete von einer unterschiedlich stark ausgeprägten Bereitschaft in den Gemeinden, sich dem Thema Missbrauch und Prävention zu stellen, und schilderte ähnliche Beobachtungen etwa beim Umgang mit Geflüchteten: „Je stärker wir den moralischen Zeigefinger erhoben haben, umso stärker waren die Widerstände.“ Um zu lernen und um Strategien entwickeln zu können, „wie wir dort hinkommen, wo wir hinwollen“, gelte es deshalb, verstärkt die „Psychologie der Organisation“ zu betrachten.

Für einen klaren Blick auf Machtstrukturen

Gerburg Crone, zuständig für Prävention, Intervention und Aufarbeitung beim Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart, sagte, Prävention dürfe nicht zu einer Art Verschleierung führen, sondern müsse so gestaltet sein, „dass wir kulturell eine Veränderung hinbekommen“. Das bedeute, „einen klaren Blick auf Machtstrukturen zu haben und auf solche Situationen, wo eine Form von Unterwerfung passiert“.

Von der Gefahr, die unbequeme, aber notwendige Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs durch eine „Flucht in die Prävention“ zu umgehen, warnte der Münchner Sozialpsychologe Prof. Heiner Keupp. Mit Verweis auf eine jüngst veröffentlichte Fallstudie zu sexualisierter Gewalt im Sport – „ein sehr düsteres Kapitel“ –, sagte Keupp: „Alle Sportverbände sagen: wir machen doch schon Prävention. Sie sagen es oft an der Stelle, wo eigentlich genau die Achtsamkeit für die Geschichte derjenigen da sein müsste, die in der Vergangenheit diese Prävention ja nicht erfahren haben“, weil es sie nicht gab.

Die Betroffenen in den Blick nehmen

In einem Referat skizzierte Keupp die Bedeutung von Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegen Schutzbefohlene für Prävention und Schutzkonzepte. „Die Aufarbeitung ist eine zentrale Grundlage für die Prävention. Schutzkonzepte ohne Aufarbeitung und der Diskurs, dass man nach vorne blickt und nicht zurück, erfüllen oft eine Alibifunktion“, sagte der emeritierte Professor, der Mitglied der (bundesweiten) Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ist.

„Aufarbeitung heißt, die Betroffenen in den Blick zu nehmen, ihre Sicht der Dinge, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen.“ Die erste Priorität der Aufarbeitung sei deshalb ein Dialog mir den Betroffenen. Für einen „versöhnten Frieden“ bedürfe es eines Dialogs, „der keinen schnellen ‚Schlussstrich‘ ziehen möchte“. Keupp empfahl auch die Schaffung von öffentlich sichtbaren „Orten der Erinnerung“, wie es sie in den Benediktinerklöstern Kremsmünster und Ettal bereits gibt.

Ein gesamtgesellschaftliches Problem

Als besondere Herausforderungen – so wurde in Gesprächsgruppen deutlich – empfinden es die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, eine adäquate Sprache im Umgang mit Betroffenen zu finden und einzuüben sowie institutionalisierte Räume zu schaffen, wo Grenzverletzungen und Übergriffe zur Sprache kommen können. Eine „Spannung“ bestehe zwischen den Vorgaben der Diözese und dem, „was die betroffenen Kinder und Jugendlichen oft brauchen“, also zwischen Anzeigepflicht und dem geschützten Erzählraum, der oftmals Voraussetzung dafür sei, dass Betroffene sich überhaupt öffnen.

Cora Bures, Vorständin der Landeskoordinierung der spezialisierten Fachberatungsstellen, wies als Tagungsbeobachterin darauf hin, wie sehr sich drei zentrale Aspekte beim Thema sexueller Missbrauch gegenseitig bedingen: Prävention – Aufarbeitung – Gerechtigkeit. Sexueller Missbrauch sei ein gesamtgesellschaftliches Problem – es gelte, sich gemeinsam auf den Weg zu machen.

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