Veranstaltung

Willkommen im Zeitalter des Elektroschrotts

"Jesus azali awa": Der Bondeko-Chor eröffnet die Abschlussandacht auf der Messe. Davor mahnt das Recyclingkreuz die Anwesenden, sich für einen fairen Handel einzusetzen. Foto: DRS/ Nelly Swiebocki-Kisling

Tobias Döpker von der Diözese und Ioan Brstiak von missio im Gespräch über die Menschen in Agbogbloshie, der Elektroschrotthalde in Accra, Ghana. Foto: DRS/ Nelly Swiebocki-Kisling

FairHandeln in Stuttgart endet mit ökumenischer Abschlussandacht und erschütternden Bildern aus Ghana – aber vor allem mit hoffnungsvollen Worten.

Die Akteure auf der Welt-Bühne in Halle 7 strahlen an diesem verregneten Sonntag auf der FairHandeln Hoffnung aus. Während der Abschlussandacht singt und tanzt der kongolesiche Bondeko-Chor in ihren bunten, folkloristischen Kleidern unter dem Recyclingkreuz aus Accra. Die Musiker:innen verbreiten Lebensfreude. Stillsitzen ist bei diesen lebensbejahenden, christlichen Liedern auch in den Besucherreihen keine Option. Das Gleichnis vom Senfkorn, das Diakonin Sylvia Dieter von der Evangelischen Kirche in Württemberg  liest, symbolisiert ebenfalls Wachstum, Hoffnung und die verborgene Kraft des Glaubens. Ein kleines Senfkorn, das zu einer mächtigen Pflanze heranwächst und Schutz bietet. Aber…

Inmitten von Müll wächst eine Hoffnung

Auch in Accra, auf der Recyclinghalde von Agbogbloshie, haben die Menschen Hoffnung. Auch in dieser Hölle, in der die Lebenserwartung der Menschen bei nur 40 Jahren liegt, wächst inmitten von Müll eine Hoffnung, die die Welt verändern kann. Diözesanreferent Ioan Brstiak von missio, Regionalstelle Südwest, und Tobias Döpker, Mediendirektor der Diözese, führen auf der Bühne ein Gespräch über die menschenunwürdige Situation der Menschen auf der riesigen Elektroschrotthalde in Ghana, auf der europäischer Schrott illegal landet. Und über unsere Verantwortung dafür.

Illegaler Müll aus Deutschland

Döpker war erst vor wenigen Tagen gemeinsam mit dem Hilfswerk missio-Aachen vor Ort, um sich ein Bild zu machen. Er berichtet: „Agbogbloshie ist ein eigener Kosmos. Die etwa 15.000 Menschen dort leben und arbeiten im Müll. Dazwischen laufen Kühe und Hühner umher. Die Produkte, die dort angebaut und gegessen werden gehören zu den am höchsten belastenden der Welt. Die Menschen in Accra nennen diesen Ort ´Sodom und Gomorra`.“ Auf der Bühne der FairHandel Messe macht Döpker in Wort und erschütternden Bildern sichtbar, was in der Welt passiert, wenn Handel nicht fair ist und die Spuren unseres ausufernden Konsums die Lebensgrundlage der Menschen an anderen Orten der Welt zerstört. Denn, so Tobias Döpker über die Müllhalde in Ghana: „Das ist nicht der Müll der Menschen, die dort leben. Auch nicht Müll aus China oder Japan. Das ist Müll aus Deutschland. Das erkennt man an den Tastaturen der Rechner mit den Buchstaben Ü, Ä und Ö und an den deutschsprachigen Verpackungen von bekannten deutschen Handelsunternehmen und Produzenten.“

Sorge um den Spritpreis, aber nicht um die Menschen in Krisengebieten

In Agbogbloshie sammelten die Menschen die Schrottgeräte, nähmen die oft giftigen Rohstoffe mit bloßen Händen aus Gebrauchsgegenständen wie Handys, Computer, Klimaanlagen und neuerdings auch Airfryern. Ein Teil werde recycelt. Der Rest werde vor Ort verbrannt. Ohne Atemschutz oder Schutzkleidung. Die Luft stinke nach Chemie, Gift und Fäkalien. Ioan Brstiak prangert unseren Egoismus an: „Oft sprechen wir über globale Zusammenhänge – besonders in den letzten Tagen angesichts der Kriegsverbrechen im Iran und die Folge dieses Krieges. Wir machen uns Sorgen um steigende Spritpreise und wie diese unser Leben beeinflussen. Aber wir nehmen die Menschen, die in diesem globalen Zusammenhang leiden und sogar ihr Leben verlieren, nicht wahr.“

Menschliches Miteinander ist sehr hoffnungsvoll

Tobias Döpker konnte inmitten des von uns Europäern verursachten Elends in Accra dennoch auch Hoffnung erleben. Er beschreibt seine Eindrücke: „Die Menschen nehmen den Platz dort so, wie er ist und versuchen damit zu leben. Sie haben eine unglaubliche Kreativität und ein beeindruckendes Miteinander. Die Müllhalde ist nach außen hin ein unendliches Chaos, aber sie ist wohl organisiert. Es gibt Menschen, die sammeln, andere räumen auf oder verbrennen. Dieses menschliche Miteinander ist sehr hoffnungsvoll.“ Sichtlich berührt lauschen die Besucher seinem Reisebericht. Vielen wird erst in diesem Moment die Verantwortung auch Deutschlands in dieser Tragödie klar.

Wir schauen weg

Ioan Brstiak beendet das Gespräch mit Worten der Hoffnung, aber auch der Mahnung: „Aus kleinen Entscheidungen kann Hoffnung wachsen. Und aus unserem Glauben kann Veränderung wachsen. Vieles von dem, was wir besitzen, hat eine Geschichte. Eine Geschichte von Rohstoffen aus der Erde, von Menschen in Minen, von Arbeitern auf Müllhalden wie in Accra. Meist handelt es sich um eine traurige Geschichte – eine Geschichte über Ausbeutung der Menschen und der Natur. Und oft passiert etwas Menschliches: Wir schauen weg.“

Mahnmal der Verantwortung

In den Fürbitten bittet Diakonin Sylvia Dieter von der Evangelischen Kirche Gott, uns die Augen zu öffnen und um Mut, hinzuschauen. Sie lädt die Menschen ein, sich vom Recyclingkreuz aus Accra inspirieren zu lassen, vom Kreuz, das daran erinnern soll, dass bei Gott nichts verloren ist, das aber auch anklagen möchte. Ioan Brstiak nennt das Kreuz aus den brennenden Halden von Accra „ein Mahnmal der Verantwortung, aber auch ein Hoffnungszeichen“. Er sagt: „Wenn wir achtsam mit Ressourcen und mit unseren Mitmenschen umgehen, gestalten wir den Wandel.“

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart auf der “FairHandeln 2026”

 

Am Sonntag ging für dieses Jahr die Messe „Fair Handeln" zu Ende, Deutschlands führende Fach- und Verbrauchermesse für Fair Trade und ökologisches Wirtschaften. Zum Abschluss der Messe fand auf der Welt-Bühne in Halle 7 eine ökumenische Andacht zum Thema „Verantwortung, Gerechtigkeit und Hoffnung“ statt. Am gemeinsamen Messestand der Regionalstelle Südwest des katholischen Hilfswerks missio und der Hauptabteilung Weltkirche der Diözese machte missio mit den Ausstellungen "Moderne Sklaverei" und "Elektroschrott" auf die oft unsichtbaren sozialen und ökologischen Folgen westlichen Konsums aufmerksam.

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