Ukraine

„Wir haben kein Recht, frustriert zu sein“

Sascha Groß in einem Raum des Gemeindezentrums St. Michael in Ilsfeld, wo die  Sachspenden vor jedem Transport zusammengestellt werden.

Sascha Groß in einem Raum des Gemeindezentrums St. Michael in Ilsfeld, wo die Sachspenden vor jedem Transport zusammengestellt werden. Archiv-Foto: DRS/Guzy

Im März 2022 startete Sascha Groß den ersten Transport in die Ukraine. Auch drei Jahre und Tausende Kilometer später hilft er mit seinem Team weiter.

Seit März 2022 unterstützt Sascha Groß die Menschen in der Ukraine. Der Vorsitzende des Caritasausschusses der Kirchengemeinde St. Franziskus Lauffen spricht im Interview darüber, wie sich ein solches Engagement durchziehen lässt und welche Eindrücke er von den Hilfsfahrten mitbringt.

 

Wie viele Hilfstransporte gab es mittlerweile? 

Wir haben am 16. Februar 2025 unseren 48. Hilfsgütertransport erfolgreich abgeschlossen.

Wie viele Kilometer macht das?

Insgesamt zirka 112.000 Kilometer.

Bei wie vielen Transporten waren Sie selbst mit dabei?

Als Organisator der Aktion und der Transporte war ich bei allen 48 Transporten dabei.

In welchem Rhythmus finden die Transporte derzeit statt?

In den letzten Monaten musste der Rhythmus wegen der fehlenden Verfügbarkeit von Fahrzeugen leider auf vier bis sechs Wochen ausgedehnt werden.

Wie groß ist das Team aktuell?

Die ökumenische Gruppe der Fahrerinnen und Fahrer umfasst insgesamt etwa 25 Frauen und Männer. Der harte Kern knapp ein Dutzend.

Gehen die Transporte nach wie vor in die West-Ukraine, in die Grenzregion zur Slowakei?

Ja, wir arbeiten weiterhin sehr vertrauensvoll mit der Bürgermeisterin und der Gemeindeverwaltung der westukrainischen Gemeinde Dubrynychi zusammen. Diese übernimmt eine Art Drehscheibenfunktion und sorgt für die Weiterleitung und Verteilung der Hilfsgüter innerhalb der Ukraine.

Was erfahren Sie über die aktuelle Situation dort?

Natürlich leiden die Menschen auch in der Westukraine direkt unter dem Krieg. Nicht nur der teilweise Ausfall der Stromversorgung beziehungsweise die Rationierung der Energie insgesamt trifft die Menschen auch dort. Ebenfalls sind viele, viele Familien unmittelbar betroffen, da Frauen und Männer kämpfend an der Front sind. Und natürlich gibt es viele Verwundete und vor allem Gefallene, denen auch offiziell mit großen Gedenktafeln in der ganzen Gemeinde gedacht wird. Auf den Friedhöfen sind die frischen Gräber der Gefallenen an den blau-gelben Fahnen der Ukraine auch im Vorbeifahren gut zu erkennen. Trotz allem ist die Solidarität in der Ukraine weiterhin spür- und erkennbar und die Zähigkeit, mit der sich die Ukraine dem übermächtigen Russland nach drei Jahren noch widersetzt, außerordentlich bemerkenswert.

Ist es für Sie nicht frustrierend zu erleben, dass der Krieg und die Not der Ukrainer auch nach drei Jahren weitergehen?

Wenn man die russische Kriegstaktik seit vielen Jahren kennt, war im Frühjahr 2022, nachdem der blitzartige Überfall auf Kiew gescheitert war, ziemlich schnell klar, dass dieser Krieg ein Marathon wird und kein Kurzstreckenlauf – das war mir und anderen schnell klar. Außerdem muss man sich immer wieder vor Augen führen: Die Ukraine zahlt mit den vielen Verwundeten, Gefallenen, getöteten und vergewaltigten Zivilisten, mit verwüsteten Städten, Gemeinden und Landschaften den eigentlichen und den höchsten Preis für diesen völkerrechtswidrigen Krieg, mit dem das Land unfreiwillig überzogen wurde. Daher denke ich, wir, die wir sicher in unseren warmen, stets beleuchteten Stuben sitzen und diesen Krieg nur von der Ferne betrachten, haben kaum ein Recht, frustriert oder gar „kriegsmüde“ zu sein. Und nicht zuletzt wischt die Dankbarkeit der Menschen, die uns immer wieder und vielfältig entgegengebracht wird, jede vermeintlich aufkeimende Frustration im Nu wieder weg.

Werden Sie mit den Hilfstransporten weitermachen?

Solange der Krieg und die dadurch verursachte Not andauern – und diese wird auch nach einem eventuellen Waffenstillstand noch lange andauern –, gilt für viele aus unserer Gruppe und mich im Besonderen: Solange wir den Eindruck haben, dass unsere Hilfe und Unterstützung gebraucht wird und sinnvoll ist, solange wir Sach- und Geldspenden erhalten, Fahrzeuge zur Verfügung stehen und Fahrerinnen und Fahrer sich in den Dienst dieser kleinen humanitären Aktion stellen, so lange werden wir weitermachen.

Werden Sie weiterhin von der Kirchengemeinde St. Franziskus Lauffen unterstützt?

Die Kirchengemeinde St. Franziskus unterstützt uns nach wie vor mit einem großen Lagerraum im Gemeindezentrum St. Michael in Ilsfeld, mit der Nutzung der Kommunikationskanäle, zum Beispiel der Online-Medien der Kirchengemeinde, zum Sammeln von Spenden sowie mit dem Finanzmanagement bezüglich der Geldspenden.

Wann findet der nächste Transport statt?

Der nächste Transport wird leider unter anderem wegen verschiedener terminlicher Verpflichtungen im Rahmen der bevorstehenden KGR-Wahlen wohl erst Ende März/Anfang April stattfinden können.

Unterstützung für das Hilfsteam

Fahr- und Sammeltermine werden in den Amtsblättern der sieben Kirchenorte der Kirchengemeinde St. Franziskus Lauffen, in den Printmedien sowie auf der Facebook- und Webseite der Kirchengemeinde veröffentlicht. An Sachspenden sammelt Sascha Groß für die Hilfstransporte hauptsächlich haltbare Lebensmittel, Hygieneartikel, Decken – kein Bettzeug –, Werkzeug, Werkzeugmaschinen, Sanitäts- und Verbandsmaterial sowie medizinisches Gerät und Material. Außerdem sind Geldspenden möglich. Diese helfen, die Tankkosten zu begleichen und Hilfsgüter entsprechend dem Bedarf zuzukaufen (Kath. Kirchengemeinde St. Franziskus, IBAN: DE97 6205 0000 0006 8612 29, Verwendungszweck: „Ukraine“). Das Team um Sascha Groß ist auch dankbar für alle, die die Möglichkeit haben, ein Fahrzeug (Sprinterklasse) für ein oder mehrere Wochenenden zur Verfügung zu stellen.