Männertag

„Wir können Handwerker des Friedens werden"

„Die friedliche-königliche Energie in Dir": Nicht zum Kampf, sondern zur bewussten Auseinandersetzung mit den eigenen äußeren und inneren Haltungen dienen Schwertübungen im Workshop mit Ralf Minke (links) beim 79. diözesanen Männertag. Foto: drs/Jerabek

Männer führen Kriege, singt Grönemeyer. Aber Zukunft hat der Mann des Friedens. Um Haltung, Hoffnung und „Handwerk" ging's beim Männertag der Diözese.

Krieg in der Ukraine, Krieg in Nahost, und das ist längst nicht alles: 216 gewaltsam ausgetragene Konflikte weltweit, davon 21 Kriege „höchster Intensität" und genauso viele „begrenzte Kriege", hat das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung in seinem Konfliktbarometer 2022 aufgelistet. In der jüngsten Shell-Jugendstudie ist die Angst vor Krieg in Europa, also in der eigenen Lebenswelt, in der Wahrnehmung junger Menschen an die erste Stelle katapultiert worden, deutlich vor Umweltverschmutzung, Terroranschlägen und Klimawandel, die in der Umfrage vor fünf Jahren noch die größten Ängste unter Jugendlichen darstellten. „Was trägt uns angesichts dieser aktuellen Herausforderungen - des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels, der Polarisierungs- und Radikalisierungstendenzen", fragt Dr. Richard Bösch, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des pax-christi-Diözesanverbands Rottenburg-Stuttgart, in seinem Impulsvortrag. „Was hält uns zusammen als Menschheit? Wo finden wir Orientierung für unser Handeln?"

Gewaltfreiheit funktioniert

Der Friedens- und Konfliktforscher beleuchtet verschiedene Dimensionen von Frieden, erinnert an die Landesverfassung Baden-Württembergs, wonach die Jugend „in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen
Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe (...)" zu erziehen sei, und erläutert die Tradition der Gewaltfreiheit, wie sie etwa Diözesanpatron Martin von Tours nach seiner Wandlung vom Elitesoldaten zum „Soldaten Christi" gelebt habe - und das mit Erfolg, wie es in der Überlieferung heißt. Bösch untermauert seine Feststellung, „dass Gewaltfreiheit funktioniert", mit einer empirischen Analyse von 627 Revolutionen der vergangenen 120 Jahre: Das erstaunliche, ja „unerhörte" Ergebnis zweier US-amerikanischer Forscherinnen sei, „dass in doppelt so vielen Fällen die gewaltfrei agierenden Gruppen in diesen Revolutionen mit ihren Anliegen Erfolg hatten", während die, die Gewalt angewendet haben, eine deutlich schlechtere „Performance" zeigten. - Und trotzdem: Warum ist der „Mythos der erlösenden Gewalt" (wie der Theologe Walter Link formulierte) immer noch so attraktiv; warum ist Gewalt in Gesten, Worten und Herzen von Männern so verbreitet? „Zukunft hat der Mann des Friedens" - ist das nur ein frommer Spruch?

Mit welcher Haltung schauen wir auf die Welt?

Diesen Fragen „nach dem Mannsein in den kleinen und großen Konflikten des Lebens" spüren rund 100 Männer beim 79. Männertag nach. Vermeintlich ordnende Narrative seien schnell zur Hand - und mit ihnen auch Feindbilder. Auch wer die Verantwortung für die gegenwärtige Situation den gesellschaftlichen Zuständen, etwa sozioökonomischer Benachteiligung, zuschreibe, mache es sich zu einfach. „Es kommt auf die Haltung an: Mit welcher Haltung schauen wir auf die Welt?" sagt der Referent. Zwei Welt- und Menschenbilder stünden sich gegenüber: auf der einen Seite die Weltsicht der Kontrolle, die von einem immerwährenden Konflikt der Menschen ausgeht, von einer chaotischen Welt, in der man ums Überleben kämpft und sich schützen muss; auf der anderen Seite die Sicht des Vertrauens und der Verbundenheit, die darauf setzt, dass vernunftbegabte, freie Bürger von der Gewalt lassen, weil Krieg zerstört, was eigentlich geschützt werden soll, und das ist nicht rational. „Wo steht Ihr eigentlich in diesem Spektrum" fragt Bösch in die Runde.

Ein Hoffnungszeichen mitten im Krieg

In der Dikussion kommen zunächst die „großen" Themen zur Sprache: etwa die Rolle der Religion in Konflikten (Bösch: Religionen sind in den seltensten Fällen ursächlich für Konflikte, können aber Brandbeschleuniger sein, weil Eliten mit Religion ihre Gefolgschaft zu mobilisieren versuchen); es geht um die russische Aggression gegen die Ukraine (die Bösch zufolge zweifellos feststehe, aber „wenn ein Konflikt eskaliert, dann sollte man auch auf die Vorgeschichte schauen - ein Konflikt eskaliert nicht aus heiterem Himmel"). Kontrovers diskutiert wird der Begriff der „toxischen Männlichkeit" (Bösch: besser wäre, von „vergifteter Männlichkeit" zu sprechen). Und zum Schluss stellt der Referent noch Newe Schalom / Wahat al-Salām vor, ein Friedensdorf in der Mitte Israels, etwa auf halber Strecke zwischen Tel Aviv-Jaffa und Jerusalem. Etwa 90 Familien, zu gleichen Teilen jüdisch und arabisch, leben hier miteinander, und nicht nur nebeneinander, regeln alles dialogisch. Im Nahost-Konflikt, in dem es sehr wenig Ansätze für Frieden gebe, sei dies „ein Hoffnungszeichen mitten im Krieg", findet Bösch, und ein Beispiel dafür, was es bedeutet, an der Haltung zu arbeiten.

„Handwerker des Friedens" werden

Dass alle Menschen aufgerufen sind, „Handwerker des Friedens" zu werden, wie Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2017 einmal formulierte, ist vielen Teilnehmern eine Brücke zu den Workshops: Einzuüben, was es heißt, ein „Mann des Friedens" zu sein, Vorbilder an Friedfertigkeit kennenzulernen oder strittige Themen wie „Gender" von verschiedenen Seiten zu beleuchten, machen sich die Teilnehmer in den zehn Workshops zur Aufgabe.

Thomas aus Bad Urach entscheidet sich für ein Angebot an der frischen Luft: „'Lass mich doch in Frieden' - zum Umgang mit den Männer-Blues" ist der Workshop überschrieben und schöpft aus Impulsen von Elija, Kämpfer und Prophet. „Der innere Frieden beschäftigt mich gerade besonders; vieles funktioniert, aber im Alltag hat man wenig Zeit, zur Ruhe zu kommen und Kraft zu schöpfen", sagt der 49-Jährige, der schon oft beim Männertag war (Teilnahmezahl „zweistellig").

Zum ersten Mal dabei ist dagegen Martin aus Stuttgart, der sich über einen der Workshopleiter, den er bei einem anderen Seminar kennenlernte, hat inspirieren lassen. Nach dem Tod des Vaters liege ein familiärer Erbkonflikt in der Luft „und ich weiß noch nicht genau, wie ich damit umgehe". Die „Werkzeugkiste" zur Konfliktbearbeitung, die Richard Bösch, der Referent, in seinem Workshop vorstellt, hat sein Interesse geweckt. Dass der Männertag eine kirchliche Veranstaltung ist, hat den 62-Jährigen, der ohne Bekenntnis ist, nicht abgeschreckt - im Gegenteil: „In der Diskussion, was ist Gewalt und was nicht, war es interessant zu sehen, wie man je nach Blickwinkel zu unterschiedlichen Einschätzungen kommt".

Von großen Friedensstiftern lernen

Andreas aus Ulm hat sich von der Gelassenheit bei Meister Eckart ansprechen lassen. Was man von ihm und weiteren großen Friedensstiftern - Nikolaus von der Flüe und Ignatius von Loyola - lernen kann, steht im Mittelpunkt dieses Workshops. „Wir haben uns in Stille eingeübt, das hat uns fasziniert." Stille sei wichtig, um zur Ruhe zu kommen. „Wir denken immer: Ich muss, ich soll... – Warum sagen wir nicht: ich darf...?" Dass sich keine Gelassenheit einstellen könne, wenn man nichts ändern und vor allem nichts reduzieren wolle, und auch nicht, wenn man Gott außen vor lasse - so die Erfahrung der Denker -, das nehme er als Impuls mit.

Joachim aus Neckarwestheim, evangelisch und auf Gemeindeebene selbst in der Männerarbeit aktiv, hat sich für den Yoga-Workshop entschieden: Runterkommen, Kopf freikriegen, sich körperlich betätigen und Gelassenheit einüben – darum geht es. Sein Renteneintritt Mitte des Jahres habe schon einiges an Umstellung und Schwierigkeiten gebracht: „Man ist herausgerissen aus dem Alltag, wo alles vorgegeben und durchgetaktet war, und muss sich selber wieder organisieren", gesteht er. Inzwischen sei die Zu-Frieden-heit aber zurückgekommen. Verabschieden will er sich bei diesem Männertag außerdem von Tilman Kugler, der gut 36 Jahre lang die Männner- und Jugendarbeit in der Diözese und darüber hinaus mitgeprägt hat und seine „Profi-Karriere" beendet.

Ein Fest zum Abschied

Ihm ist am Abend ein Fest im Stadel der Untermarchtaler Klosteranlage gewidmet. In sehr persönlichen Grußworten würdigen Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb, Leiterin der Hauptabteilung XI - Kirche und Gesellschaft, und Dr. Andreas Heek, Leiter der Arbeitsstelle für Männerseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, das langjährige Wirken von Tilman Kugler. Als Referent für Männerarbeit habe er von 1996 an gemeinsam mit Wilfried Vogelmann und ab 2016 mit Christian Kindler ein spirituelles und pädagogisches Profil für die diözesane Männerarbeit entwickelt, sagte Schieszl-Rathgeb. Bereits Ende der 1990er Jahre habe er sich in einer Arbeitsgruppe „Homosexuelle in der Kirche“ beim Katholischen Bildungswerk der Diözese engagiert; sein beharrliches Engagement auch bei den Bischöfen Walter Kasper und Gebhard Fürst für das Thema „Homosexuellen Pastoral" trage jetzt Früchte: „Jetzt endlich – seit diesem Oktober – haben wir eine Stelle „Queersensible Pastoral.“ Als „engagierter Vernetzer, Moderator und Impulsgeber in Bezug auf Männer, Jungen, Väter und Großväter" habe er sich auch deutschlandweit einen Namen gemacht, sagt die Ordinariatsrätin.

Heek würdigt Kugler als „Wegbereiter verschiedener Transformationen der katholischen Männerarbeit", der seiner Zeit oftmals voraus gewesen sei - „mit sicherer Intuition, Beharrlichkeit und Leidenschaft". In einem moderierten Gespräch mit Christian Kindler vom Fachbereich Männer der Diözese Rottenburg-Stuttgart nehmen beide anschließend die Zukunft der Männerarbeit in den Blick.

Tankstelle und Raum für Tabuthemen

„Viele Männer finden in den Gemeinden wenig Andockpunkte, haben das Gefühl, dass sie da nicht so richtig Platz haben", sagt Kindler. „Dann sind solche Orte wie der Männertag für viele eine Tankstelle und um ins Gespräch zu kommen mit anderen Männern über Themen, die sonst kaum zur Sprache kommen: die Tabuthemen Spiritualität, Sexualität, Beziehungsfragen, Gefühlsfragen." Solche Räume anzubieten und immer wieder Formate zu entwickeln, „die für Männer anschlussfähig sind und mit denen wir auch Männer erreichen, die sonst vielleicht mir der Kirche nichts zu tun haben", sieht Kindler als einen wichtigen Auftrag der Männerarbeit, die dafür auch mit der Katholischen Erwachsenenbildung kooperiert.

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