Krieg in der Ukraine, Krieg in Nahost, und das ist längst nicht alles: 216 gewaltsam ausgetragene Konflikte weltweit, davon 21 Kriege „höchster Intensität" und genauso viele „begrenzte Kriege", hat das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung in seinem Konfliktbarometer 2022 aufgelistet. In der jüngsten Shell-Jugendstudie ist die Angst vor Krieg in Europa, also in der eigenen Lebenswelt, in der Wahrnehmung junger Menschen an die erste Stelle katapultiert worden, deutlich vor Umweltverschmutzung, Terroranschlägen und Klimawandel, die in der Umfrage vor fünf Jahren noch die größten Ängste unter Jugendlichen darstellten. „Was trägt uns angesichts dieser aktuellen Herausforderungen - des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels, der Polarisierungs- und Radikalisierungstendenzen", fragt Dr. Richard Bösch, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des pax-christi-Diözesanverbands Rottenburg-Stuttgart, in seinem Impulsvortrag. „Was hält uns zusammen als Menschheit? Wo finden wir Orientierung für unser Handeln?"
Gewaltfreiheit funktioniert
Der Friedens- und Konfliktforscher beleuchtet verschiedene Dimensionen von Frieden, erinnert an die Landesverfassung Baden-Württembergs, wonach die Jugend „in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen
Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe (...)" zu erziehen sei, und erläutert die Tradition der Gewaltfreiheit, wie sie etwa Diözesanpatron Martin von Tours nach seiner Wandlung vom Elitesoldaten zum „Soldaten Christi" gelebt habe - und das mit Erfolg, wie es in der Überlieferung heißt. Bösch untermauert seine Feststellung, „dass Gewaltfreiheit funktioniert", mit einer empirischen Analyse von 627 Revolutionen der vergangenen 120 Jahre: Das erstaunliche, ja „unerhörte" Ergebnis zweier US-amerikanischer Forscherinnen sei, „dass in doppelt so vielen Fällen die gewaltfrei agierenden Gruppen in diesen Revolutionen mit ihren Anliegen Erfolg hatten", während die, die Gewalt angewendet haben, eine deutlich schlechtere „Performance" zeigten. - Und trotzdem: Warum ist der „Mythos der erlösenden Gewalt" (wie der Theologe Walter Link formulierte) immer noch so attraktiv; warum ist Gewalt in Gesten, Worten und Herzen von Männern so verbreitet? „Zukunft hat der Mann des Friedens" - ist das nur ein frommer Spruch?









