Ökumene

„Würdigen. Weitergehen. Wirken."

Personen auf dem Bild (v.l.n.r.): Oberbürgermeister Stephan Neher, CDU, Stadt Rottenburg, Dietmar Oppermann, Diakonie Württemberg, Elena Flügel, Verein für Menschlichkeit, Ulm, Dr. Carola Hausotter, Ev. Akademie Bad Boll, Karin Schieszl-Rathgeb, Ordinariatsrätin, Dr. Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin. Foto: Meike Grosse-Lochtmann, Diakonie Württemberg, c/ Flüchtlingsschutztagung 2026

Die Teilnehmenden an der Flüchtlingsschutztagung 2026. Foto: Meike Grosse-Lochtmann, Diakonie Württemberg, c/ Flüchtlingsschutztagung 2026

Flüchtlingsschutztagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll: Für ein respektvolles gesellschaftliches Klima und Menschlichkeit.

 „Wir müssen neue und breitere Allianzen bilden. Gemeinsam können wir dazu beitragen, den Schutz für Geflüchtete aufrechtzuerhalten und den gängigen Narrativen etwas entgegenzusetzen“. 
Dr. Judith Kohlenberger

 

Das war der Tenor nach zwei Tagen des Austauschs im Rahmen der „Flüchtlingsschutztagung 2026“ vom 27. bis 28. Februar an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Mit der Migrationsforscherin Dr. Judith Kohlenberger sowie Vertreter: innen aus Politik, Kirche und Zivilgesellschaft wurde intensiv über Länderkontexte, Flüchtlingsarbeit und gutes Ankommen in Deutschland in nicht einfachen Zeiten gesprochen.

 Gegen das Narrativ eines neuen Nationalismus

„Beflügelt“ habe sie der Einstieg am ersten Tag, so eine Teilnehmerin. Auch sie engagiert sich in der Arbeit mit Geflüchteten. Nicht selten müssen sich Ehren- und Hauptamtliche mittlerweile dafür rechtfertigen, warum sie sich für ihre Nächsten einsetzen. Dabei habe uns Jesus genau das vorgelebt und mit auf den Weg gegeben, so Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl in seinem einführenden biblischen Impuls. Auch Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb, Leiterin der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, machte klar, dass wir uns als Christ: innen gegen das Narrativ eines neuen Nationalismus wenden, der gesellschaftliche Probleme durch Abgrenzung lösen will. 

Die Asylzahlen gehen längst zurück

Viele der Narrative würden zudem missbräuchlich verwendet. Darauf verwies die Migrationsforscherin, Dr. Judith Kohlenberger. Die Asylzahlen gingen längst zurück, die Debatte aber halte an. Migration wirke hier wie ein Brennglas, unter dem bestehende Herausforderungen größer gemacht würden, als sie eigentlich sind. Die Migrationspolitik werde überfrachtet und bereits bestehende Problemlagen im Hinblick auf Sozial-, Wohnungs-, Bildungs- und Gesundheitspolitik würden fälschlich in den direkten Kontext gestellt. Dies bestätigte auch Oberbürgermeister Neher (CDU) aus Rottenburg. In seiner Kommune gäbe es genügend Kindergartenplätze und für die Unterbringung der Geflüchteten sei gesorgt. Neher warnte in der Diskussion zudem vor einem Vertrauensverlust gegenüber der Politik: Diese sei nicht mehr glaubwürdig, wenn stets suggeriert würde, man habe die Lage nicht mehr im Griff. Wenn dies geschehe, trauten die Menschen der Politik nicht mehr zu, Probleme lösen zu können.

Die deutsche Sprache lernen und arbeiten

Die Inhalte der Tagung hätten aktueller kaum sein können: Am Freitag, 27. Februar, verabschiedete der Bundestag Gesetze, um das neue gemeinsame europäische Asylsystem auf den Weg zu bringen. Abgesehen davon, dass es ein hoch komplexes Gebilde sei, so Dr. Kohlenberger, zeichneten sich bereits jetzt nationale Alleingänge ab. Es drohe der Verlust der Glaubwürdigkeit, denn es sei wahrscheinlich, dass die als „historisch“ bezeichnete Reform nie vollständig umgesetzt werde. Zudem stoßen die geplanten Asylverfahren an den Außengrenzen unter haftähnlichen Bedingungen auf Unverständnis und machen Menschen wie Elena Flügel wütend. Sie setzt sich mit ihrem Verein „Menschlichkeit Ulm“ für die Rechte von Geflüchteten ein und vor Ort werden zahlreiche Geflüchtete von den ehrenamtlichen Mitgliedern des Vereins betreut und unterstützt. Es sei schwer zu ertragen, wenn das verfassungsrechtlich verankerte Recht auf Asyl so ausgehebelt würde und die Antragsteller nun fürchten müssten, in sogenannten „Sekundärmigrationszentren“ festgehalten bzw. von dort aus abgeschoben zu werden. Elena Flügel berichtete auf dem Podium von Geflüchteten, die hierherkämen, um Krieg und Verfolgung zu entgehen und einzig und allein daran interessiert seien, die deutsche Sprache zu lernen und zu arbeiten. Diese Erfahrung teilt sie mit vielen Teilnehmer*innen der Veranstaltung. Sie begleiten ebenfalls Menschen, die mittlerweile in Deutschland arbeiten und mithelfen den so oft angemahnten Fachkräftemangel abzudecken.

Integration funktioniert nur über Sprache

Voraussetzung ist jedoch, dass die Geflüchteten die deutsche Sprache erlernten. Die Streichung von Integrationskursen, wie sie der Bundesinnenminister verkündet hat, ist genau das falsche Signal. Integration funktioniere nur über Sprache, so die einhellige Meinung. Dies sei nicht mit Assimilation zu verwechseln. Die Zugewanderten sind mit ihrer Multiperspektivität, ihrem kulturellen Hintergrund und ihrer Resilienzerfahrung eine Bereicherung für unsere Gesellschaft. Dies wurde an den zahlreichen Geschichten deutlich, die Geflüchtete aus dem Iran, Afghanistan und Syrien sowohl persönlich als auch mit Informationen über die Länder mit den Anwesenden teilten. 
Die Musik auf der Dambora, einem afghanischen Musikinstrument, am ersten Abend erinnerte an genau diese Vielfältigkeit. „The love for the stranger“ so sagte es der neue Bürgermeister Zohran Mamdani aus New York, zu Beginn seiner Amtszeit, sollte unser Zusammenleben prägen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, aber die Tagung hat alle Teilnehmenden im Zugehen aufeinander gestärkt und neue Pfade aufgezeigt, die erkundet werden sollten.

“Es braucht auch gesellschaftliche Strukturen”

Darüber hinaus stimmten die Anwesenden Landesbischof Gohl zu, der in seinem biblischen Impuls darauf hinwies: „Die Entscheidungen des Einzelnen sind wichtig und ethisch geboten. Aber (…) es reicht nicht aus, auf die starken ethischen Impulse von einzelnen Menschen zu setzen. Es braucht auch gesellschaftliche Strukturen.“ Die veranstaltenden Organisationen greifen diesen Punkt auf und verbinden ihn mit den auf der Tagung besprochenen Inhalten. Sie wenden sich in einem Abschlussdokument mit entsprechenden Forderungen an die neue Landesregierung. 


Text: Dr. Carola Hausotter, Studienleiterin für Friedensethik und Transkulturalität an der Evangelischen Akademie Bad Boll.
 

Integration geschieht im Alltag. Und sie gelingt dort, wo Würde geschützt und Verantwortung gemeinsam getragen wird

Statements von Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb von der Diözese Rottenburg-Stuttgart

 

“Migration ist Teil unserer gesellschaftlichen Realität – und angesichts der demografischen Entwicklung auch Teil unserer Zukunftssicherung. Wer Migration nur als Risiko beschreibt, verkürzt die Wirklichkeit.” 

“Wir erleben derzeit eine spürbar belastete Gesellschaft. Globale Krisen, wirtschaftliche Unsicherheiten und politische Zuspitzungen verstärken das Gefühl von Überforderung. In solchen Zeiten entstehen einfache Erzählungen – und diese bedienen häufig einseitige Narrative. Als Christ:innen wenden wir uns gegen das Narrativ eines neuen Nationalismus, der gesellschaftliche Probleme durch Abgrenzung lösen will. Zusammenhalt entsteht nicht durch Abschottung.” 

“Uns ist der Blick auf individuelle Schicksale wichtig. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Und wir dürfen benachteiligte Gruppen nicht gegeneinander ausspielen – nicht Geflüchtete gegen sozial Schwache, nicht Zugewanderte gegen Einheimische. Soziale Gerechtigkeit ist nicht teilbar.”

“Die Kommunen tragen die Hauptlast der Integrationsarbeit. Dort entscheidet sich, ob Integration gelingt – in Schulen, Betrieben und Nachbarschaften. Diese Verantwortung braucht stabile Rahmenbedingungen und Planungssicherheit.” 

“Eine künftigen Landesregierung sollte im Zusammenhang mit Migration insbesondere drei Dinge angehen: Erstens eine sachliche, differenzierte Debatte - ohne Dramatisierung. Zweitens verlässliche und zügige rechtsstaatliche Verfahren, die für alle Beteiligten Klarheit und Planbarkeit schaffen. Und drittens konsequente Investitionen in Sprache, Bildung und Integration – besonders für Kinder und Jugendliche. Wer hier spart, verschiebt die Rechnung nur in die Zukunft.” 

“Als Christ:innen tragen wir eine Hoffnung in diese Debatte, die tiefer reicht als populistische Zuspitzungen. Wir glauben, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist und deshalb unverlierbare Würde hat. Hoffnung ist nicht naiv. Sie ist die Entscheidung, sich nicht vom Zynismus bestimmen zu lassen. Hoffnung beginnt dort, wo wir den Menschen nicht auf seine Herkunft reduzieren und ausgrenzen.”

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