Sanierung

Zeitkapseln vom Schönenberg geben ihre Geheimnisse preis

„Überraschungseier" in Zylinderform sind die Zeitkapseln der Schönenbergkirche, die (von links) Pater Anton Wölfl, Leitender Pfarrer auf dem Schönenberg, Dr. Sebastian Röhler, gewählter Vorsitzender des Kirchengemeinderats, Flaschnermeister Florian Geier, der Landtagsabgeordnete Winfried Mack und Architekt Christoph Romer anlässlich der begonnenen Renovierung der Kirche der Öffentlichkeit präsentierten. Foto: drs/Jerabek

Zeitreise in die Vergangenheit: Die im Zuge der Sanierung der Schönenbergkirche geborgenen Zeitkapseln haben Dokumente aus 100 Jahren zutage gebracht.

An die Geschosshülse einer Panzerkanone erinnern die Zeitkapseln, die aus den Turmkugeln an der Spitze der Doppeltürme geborgen wurden. Mit einem großen Rohrschneider, der aussieht wie ein überdimensionaler Dosenöffner, rückten Klempnermeister Thomas Mezödi und Florian Geier, Chef der Flaschnerei Stelzer, den beiden Kupferzylindern zu Leibe. Der alte Brauch, Aufzeichnungen und Zeitungsseiten und manchmal auch Bilder, Münzen und andere Gegenstände in Zeitkapseln einzuschließen, um der Nachwelt Informationen über den Zustand der Kirche bei früheren Renovierungen und andere Zeitdokumente zu hinterlassen, sorgte für knisternde Spannung, als sich Mitglieder der Kirchengemeinde und Verteter aus Politik und Stadtverwaltung in der Ignatiuskapelle über dem Chor der Schönenbergkirche versammelten, um den Zeitkapseln eben diese Geheimnisse zu entlocken.

Mit „Salve Regina" ist das größte Dokument überschrieben, das Pater Anton Wölfl aus dem eingerollten Papierbündel der Nordturm-Zeitkapsel entfaltete. In tadelloser Druckschrift informiert das Dokument von August 1929 darüber, dass „zu Gottes und Unserer Lieben Frau vom Schönenberg Ehre [...] unter dem H.H. Pfarrer Karl Reeb vom Schönenberg im Jahre 1928 das stark gefährdete Dachwerk der Kirche gründlich ausgebessert u. das Dach neu gedeckt" wurde. Im folgenden Jahr seien die beiden Türme „angerüstet" worden, um Holz- und Mauerwerk auszubessern und den Putz zu erneuern. Kostenpunkt: 100.000 Goldmark. Fast ein bisschen stolz verkündet die Urkunde auch, dass „trotz grosser Geldknappheit und vernichtendem Hagelschlag in der näheren Umgebung [...] die Mittel bis jetzt durch freiwillige Gaben aufgebracht worden" seien. Auch die ausführenden Firmen sind aufgelistet.

Heruntergerissener Sockel und Glück im Unglück

Von einem orkanartigen Sturm, der am 23. Juni 1951 über Ellwangen und Umgebung hinwegbrauste, berichtet eine auf Schreibmaschine verfasste Urkunde: Zwischen 4 und 5 Uhr morgens seien die Wetterfahne in Gestalt einer Marienfigur, die Kupferkugel und der vier Zentner schwere Sockel vom Nordturm heruntergerissen worden. „Die Kugel fiel zuerst aufs Dach und durchschlug einen Dachsparren, brach in der Mitte auseinander und landete auf der Nordseite ca 10 m von der Kirche entfernt. Daneben lag auch der schwere Eisensockel. Glücklicherweise kam dadurch niemand zu Schaden."

Glück im Unglück (oder einen aufmerksamen Schutzengel) hatte - wie Pater Anton Wölfl aus dem Renovierungsbericht von 1971 vorlas - ein Arbeiter, der in fast 50 Metern Höhe verunglückte, aber dank des Gerüstaufzugs, der ihn auffing, mit fünf Tagen Krankenhaus davonkam. Interessant ist auch die Erkenntnis, dass drei Familien, die bereits 1971 ein Kirchengemeinderatsmitglied stellten, auch im aktuellen Rat - nunmehr in dritter Generation - vertreten sind. Ein Fall für Stadtarchivar Christoph Remmele war hingegen ein in altdeutscher Schreibschrift verfasstes Schriftstück, das vermutlich aus dem 19. Jahrhundert stammt. Überrascht, dass keines der Dokumente in der Weltsprache der Kirche verfasst ist und auch keine Münzen beiliegen, zeigte sich Pater Wölfl. „Bin schon ein bisschen enttäuscht", sagte er schmunzelnd und kündigte an, dass in der nächsten Zeitkapsel, deren Inhalt vor dem Verschließen um „aktuelle" Zeitzeugnisse ergänzt werden wird, auch Latein zum Zuge kommen soll.

Klassische Pflegemaßnahme zum richtigen Zeitpunkt

Der launige Pressetermin hat natürlich einen ernsten Hintergrund: Das einst vom seligen Pater Philipp Jeningen initiierte Ellwanger Kulturdenkmal muss - wie an den bereits eingerüsteten Doppeltürmen zu sehen ist - renoviert werden. Dabei „handelt es sich größtenteils um eine klassische Pflegemaßnahme zum richtigen Zeitpunkt", wie Architekt Christoph Romer erklärt. Die Fassung sei abgewittert, einige Putzbereiche seien bereits geschädigt.

Die turnusmäßigen Bauschau im vergangenen Jahr bestätigte frühere Befunde, die jetzt in einem Schadensgutachten zusammengefasst wurden. Demnach haben die Farbanstriche an den Türmen ihre Schutzfunktion für die Putzoberflächen, Wandpartien und Gesimse verloren. Die extremen Witterungsbedingungen, denen vor allem die beiden in die Westfassade integrierten Doppeltürme der in exponierter Lage auf einem Bergvorsprung stehenden Schönenbergkirche ausgesetzt sind - Sonnenschein und Hitze, gefolgt von einem Regenschauer oder Gewitter - hätten in den vergangenen Jahren dazu geführt, „dass die Farbfassungen teilweise bis zum Totalverlust herunter reduziert sind". Durch die fehlende Farbe könne Feuchtigkeit in die Putzschicht eindringen. „Frost und Sonne lassen nun die Putze abbröckeln, was eine erhebliche Gefahr für Besucher der Wallfahrtsstätte darstellt." 

Blitzschläge haben außerdem den Ziergiebeln und Gesimsen zugesetzt. Stellenweise kann Wasser in das Mauerwerk eindringen und damit die Wandstruktur schädigen. Auch hier bestehe die latente Gafahr, dass Putzstücke abplatzen und herabfallen. Ferner ist die Farbe bzw. Vergoldung der Blechzier teilweise bis auf die rohe Stahloberfläche abgewittert und verursacht mit dem Rost eine weitere Schädigung.

Pfiffige Ideen zur Spendenwerbung

Die Schönenbergkirche bekommt deshalb - je nach Schadensbild und aufgeteilt in zwei Arbeitspakete - einen Wiederholungsanstrich vor allem an der Westseite und den Türmen und einen Pflegeanstrich an der Süd-, Nord- und Ostseite unterhalb der Traufzone. Außerdem sollen Schäden am Außenputz behoben und einige wenige Metallabdeckungen nachgebessert werden. Im Bereich Natursteinarbeiten sind nur eine Reparatur, also kleinere Kittungen, und die Reinigung des Bestandes vorgesehen.

Ohne diese Maßnahmen würden sich die Schäden an den Fassaden massiv verschlimmern, erklärt Architekt Romer. Die Folge wären Kosten in mehrfacher Höhe der jetzt veranschlagten 1,2 Millionen Euro. Mit pfiffigen Ideen wie dem Sammeln von Kronkorken und (kürzlich) einem Benefizkonzert sowie fröhlichen Videoclips wirbt die Kirchengemeinde um Spenden - und hofft natürlich auf Zuschüsse. Damit spätere Generationen beim Öffnen der Zeitkapsel - ähnlich wie die jetzige in dem Dokument von 1929 - lesen können, dass „die Mittel bis jetzt durch freiwillige Gaben aufgebracht" worden seien. Nur dann eben auf Latein.