Krasser könnte der Gegensatz nicht sein. Mehrere ukrainische Jugendliche und junge Erwachsene, die jetzt in der Bodenseeregion leben, haben ein professionelles Video gefertigt. Darin beschreiben sie den Augenblick, als sie vor vier Jahren von ihren Eltern erfuhren: Jetzt ist Krieg. Beim Friedensgebet am vergangenen Freitag in der Friedrichshafener Nikolauskirche präsentieren sie auf der Leinwand zunächst ihre Heimatstädte so, wie sie sie aus ihrer Kindheit kennen - schön, bunt und voller Leben. Der Morgen des 24. Februar 2022, an den sie sich noch ganz genau erinnern, verändert alles. Filmsequenzen und Handyaufnahmen aus denselben Städten, darunter Kyjiw, Cherson, Odessa und Lwiw, zeigen Sirenengeheul, zerstörte Häuser, verzweifelte Menschen.
Zwischen Verzweiflung und Hoffnung
„Stopp den Krieg“ heißt eines der Lieder des ukrainischen Chores, der in heimatlicher Tracht von ständiger Anspannung und Angst singt, die die Seele verletzen. Wie beim untertitelten Film der Jugendlichen ist an der Leinwand die deutsche Übersetzung zu lesen. Alle Worte und Zeichen seien eigentlich zu schwach im Angesicht des Krieges, betont der katholische Pastoralreferent Matthias Fahrner, der Initiator des Gebets, in seiner Begrüßung. Wie jeden Morgen um 9 Uhr seit Kriegsbeginn in der Ukraine erheben sich auch die zahlreichen Anwesenden an diesem Abend in Friedrichshafen zunächst zu einer Schweigeminute. Eine digitale Uhr zählt über den Projektor die 60 Sekunden mit lautem Ticken und Glockenschlägen herunter.
Frieden nur eine Utopie?
Frieden, das Ende des Krieges, die Rückkehr der Männer - das sind die Wünsche der jungen Ukrainer:innen am Ende des Films. Und: „Dass die Raketen nur noch ins Weltall fliegen.“ Im Moment sei der Friede, der über ein Schweigen der Waffen hinausgehe, eine Utopie, erklärt Matthias Fahrner in seiner Ansprache. „Wir geben aber die Hoffnung nicht auf“, sagt er auch im Blick auf das Johannesevangelium, in dem Jesus den Jüngern seinen Frieden verspricht, den die Welt nicht geben kann. Mitglieder des Friedrichshafener Vereins „Brücke nach Horishni Plavni“ in der Ost-Ukraine mit dem Vorsitzenden Werner Nuber entzünden zu jeder Bitte um Frieden eine Kerze, bevor alle ins Vater-unser-Gebet einstimmen - auf Ukrainisch und auf Deutsch.
Während die Lieder des ukrainischen Chores eher die tiefe Verbundenheit mit der Heimat und den Willen zum Durchhalten ausdrücken, bringt Kantor Nikolai Geršak an der Orgel auch nachdenkliche und sehnsuchtsvolle Melodien zum Klingen. „Frieden beginnt mit Verständigung“, stellt Friedrichshafens Bürgermeister Dieter Stauber fest. Er freut sich über die geglückte Aufnahme von 1.500 Menschen aus der Ukraine in der Stadt. Aus einem Café für die Geflüchteten entstand 2023 das Ukrainische Kulturzentrum. Deren Sprecherin Alesia Shevchuk dankte den Häflern für Wärme, Fürsorge und Solidarität in schwerer Zeit. Hoffnung und Glaube verbinden, ergänzt sie, „das bedeutet uns sehr viel.“
Ausstellung „Krieg mit den Augen der Ukrainerinnen und Ukrainer“
Geflüchtete ukrainische Künstlerinnen und Künstler aus Friedrichshafen und Umgebung schufen Gemälde, die den Krieg so darstellen, wie sie ihn persönlich erleben und empfinden. Die Kunstwerke waren während des Friedensgebets in der Kirche St. Nikolaus ausgestellt und sind nun einen Monat lang im Ukrainischen Kulturzentrum in der Hochstraße 1 in Friedrichshafen zu sehen.











