Narri, Narro!

Heidnisches Ritual oder christliches Fest?

Bunte Kostüme, laute Musik, ausgelassene Stimmung – bei dem wilden Treiben der Fastnacht denkt man erstmal nicht an ein kirchliches Fest. Viele bringen die tollen Tage deshalb auch nicht mit dem Christentum in Verbindung, sondern vermuten den Ursprung in heidnischen Ritualen. Spekulationen gibt es viele, doch wo hat die Fastnacht nun tatsächlich ihre Wurzeln? Einer, der das ganz genau weiß, ist der Volkskundler Prof. Werner Mezger, bekannt durch seine zahlreichen Veröffentlichungen und Expertisen zur Fastnacht im Südwesten.

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Fasnetszeits ist Küchlezeit!

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Der Name verrät den Ursprung

Fastnacht als Erziehungsmethode

„Ihren Namen verdient die Fastnacht erst, wenn sie der Vorabend der Fastenzeit ist“, sagt Mezger. Ob Karneval, Fasnet oder Fasching: Die Narretei markiert die Tage vor dem Beginn der österlichen Fastenzeit und beginnt im Südwesten traditionell am 6. Januar mit dem Maskenabstauben. Dass die Fastnacht nicht nur in Köln, sondern auch in anderen Regionen schon am 11.11. eröffnet wird, liegt daran, dass auch der Advent ursprünglich eine Fastenzeit war. Der Begriff „Fastnacht“ ist übrigens seit dem 13. Jahrhundert belegt und zählt somit zu den ältesten Versionen. Der „Karneval“ tauchte erstmals 1699 auf. Er leitet sich von dem lateinischen "carnelevare" ab, was übersetzt in etwa "Fleischwegnahme" bedeutet.

Dass die Kirche die Fastnacht schon immer gerne hätte abschaffen wollen, sei ein Irrglaube, so Mezger. Vielmehr nutzte die Kirche die tollen Tage als Gegenspieler für einen didaktischen Zweck: „Die Fastnacht war die Inszenierung der ‚civitas diaboli‘, eines Teufelsstaats – also der Welt, die man in der anschließenden Fastenzeit überwinden sollte.“ Diese hingegen steht für „civitas dei“, das Reich Gottes. In der Fastnacht sollen die Menschen also dem gottlosen Leben frönen, um am Aschermittwoch umzukehren und sich dem gottgefälligen Leben anzuschließen. Das wilde Feiern, der übermäßige Genuss von Essen und Alkohol sowie das exzessive Ausleben sexuellen Verlangens stehen im krassen Gegensatz zur schlichten Fastenzeit voller Entbehrungen und Enthaltsamkeit. Das machte und macht die Umkehr umso erlebbarer.

Eine Missdeutung in der Volkskunde des 19. Jahrhunderts

Nationalsozialisten nutzten das für ihre Ideologie

Die Vermutung, die Fastnacht mit ihren Vermummungen sei germanisches Erbe, stammt hingegen aus der deutschen Volkskunde des 19. Jahrhunderts. Einige Forscher interpretierten das Fest als „Relikt aus germanischer Vorzeit“ und als „uraltes heidnisches Winteraustreibungsritual“. Dies schlossen sie aus Berichten über die Fastnacht aus dem 16. Jahrhundert – allerdings waren die Verfasser dieser Texte häufig protestantisch. Im Protestantismus hatte das Fastnachtfeiern nach der Abschaffung der Fastenzeit seine Grundlage verloren und war dann nicht mehr lange üblich.

Das Treiben der Katholiken an Fastnacht kam den Schreibern daher unchristlich und „heidnisch“ vor, wie Mezger erklärt: „Alles Katholische war heidnisch. Diesen Begriff ‚heidnisch‘ haben dann schon die Brüder Grimm und die sogenannten Mythologen des 19. Jahrhunderts aufgegriffen und ihn missgedeutet: ‚Heidnisch‘ nämlich nicht wie’s gemeint war als außerchristlich, sprich katholisch, sondern als vorchristlich, sprich germanisch.“

Ein weiteres Argument gegen den germanischen Ursprung sei die Tatsache, dass Fastnacht von verschiedenen Nationen in ganz Europa gefeiert wird. Dass sich diese falsche Vorstellung so lange halten konnte, hängt mit der NS-Zeit zusammen: Die Nationalsozialisten griffen das Germanenmotiv auf, denn es stützte die Ideologie einer nordischen Kultur. „Viele erschrecken dann sehr, wenn sie merken: Das ist braunes Gedankengut,“ sagt Mezger. „Und das schleppt sich bis heute noch durch die Medien.“

Die Fasnetspredigt

Pfarrer Michael spricht über seine Narrenpredigt, Narrenfreiheit in der Kirche und warum er es genießt, in eine andere Rolle zu schlüpfen.

Schellen erinnern an Viehglocken

Vorchristliche Feste und ländliche Rituale

Allerdings hat die Fastnacht tatsächlich Ursprünge in ländlichen Ritualen. „Ganz sicher hat es an der Wende vom Winter zum Frühling schon in vorchristlicher Zeit Feste gegeben“, sagt Mezger. „Einfach weil es die letzte Möglichkeit war, nochmal gemeinsam – salopp gesagt – einen draufzumachen, ehe dann die Arbeit auf dem Feld angefangen hat.“ Der Februar war also ein Feiermonat.

„Diese Feste aber waren weit entfernt von der Fastnacht“, sagt Mezger. „Da ist nichts von Verkleidungen bekannt.“ Einzig die Schellen, die noch heute zu zahlreichen Narrenkleidle und Häsern gehören und an Viehglocken erinnern, gehen möglichweise auf diese bäuerlichen Bräuche zurück. „Lärmen ist dabei eine Konstante, die es in allen Kulturen gibt.“ Das drücke vor allem Lebensfreude aus, sagt Mezger. „Da werden keine Geister und Dämonen vertrieben. So blöd waren unsere Vorfahren auch nicht.“

Zeit zum Innehalten

An Aschermittwoch ist Zeit, innezuhalten, sagt Weihbischof Karrer. Menschen könnten die Zeit nutzen, über die Gestaltung ihres Lebens zu reflektieren.

 

Der Profi

Prof. Werner Mezger

Prof. Dr. Werner Mezger war bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2019 Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie (vormals Volkskunde) an der Universität Freiburg. Sein Schwerpunkt lag in der südwestdeutschen Regionalkultur im europäischen Kontext.

Diesem geht er immer noch nach, unter anderem als Mitwirkender des Virtuellen Fastnachtsmuseums, in dem es viel zu entdecken gibt.

Der Schmotzige

Rebhuhn, Braten, Fasnetsküchle

Ihren Namen verdient die Fastnacht erst, wenn sie der Vorabend der Fastenzeit ist.

Prof. Werner Mezger

Legende

Wie das Starkbier den Segen des Papstes bekam

Der Legende nach bekamen bayerische Mönche im 17. Jahrhundert Zweifel, ob ihr gehaltvolles Bier nicht gegen das Fastengebot verstoß. Daher schickten sie ein Fass des Bieres nach Rom, um es den Papst probieren zu lassen und er darüber entscheiden möge. Das Bier wurde auf der wochenlangen Reise über die Alpen kräftig durchgeschüttelt und durch die italienische Sonne immer wieder erwärmt. Was das Kirchenoberhaupt dann erreichte, war ein völlig verdorbenes Gebräu. Der Papst probierte es, lobte dann die Leidensfähigkeit seiner Brüder und gab das Starkbier für die Fastenzeit frei.

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Alles hat seine Zeit

Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn

Die Fastnacht war also definitiv eine Zeit der Lebensfreude, der Gemeinschaft und des Genusses. Manchen Zeitgenossen, besonders Protestanten, die keine Fastnacht feierten, erschien sie übermäßig.

Doch gibt es für alles seine Zeit, wie es die heilige Teresa von Avila ausdrückte: „Wenn Fasten, dann Fasten. Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn.“

Tradition und Innovation

Die Fasnet ist in der Region Bodensee-Oberschwaben seit Jahrhunderten fest verwurzelt und entwickelt sich weiter.

Narrensprung der Rebellenzünfte

In der Region Schwarzwald-Neckar-Alb gibt es einen besonderen Zusammenschluss, den so genannten Viererbund. Viele Fasnachter schwärmen von der besonderen Atmosphäre bei den Narrensprüngen wie hier in Rottweil. Bild: hak design Studio

Online gôht was!

Fasnet uff Abstand

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Verbrennung

Das feurige Ende der Fastnacht

Unser Dossier zur Fastenzeit

Anregungen und Ideen

Die Fastenzeit naht mit schnellen Schritten. Wir stellen Modelle und Ideen für pastorale und spirituelle Angebote vor, die sich vor Ort coronakonform umsetzen lassen. Dazu gehören natürlich auch die beliebten Vorlagen für Hausgottesdienste und andere, spannende Ideen.

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