Meditative Musik über endliches und ewiges Sein - Hybrid

Bachs Goldberg-Variationen als Weg des Menschen vor seinem Gott

Religiöse Anklänge in den Variationen gibt es zuhauf. Im quirligen Lieddurcheinander des Quodlibets Nr. 30 erkennen die Wissenschaftler nicht nur derbe Volkslieder, sondern auch die Choralmelodie „Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ Dorfgasthaus und Kirche liegen hier nahe beieinander, wie im echten Leben. Erst die Mess, dann die Maß! Die Nr. 24 klingt wie eine Pastorale, die an „Jesus bleibet meine Freude“ oder „Mache dich, mein Herze, rein“ erinnert. In der zehnminütigen 25sten Variante, die Wanda Landowska „Die schwarze Perle“ genannt hat, finden wir uns plötzlich in der Welt der Matthäus-Passion wieder. Diese Weise gilt als eine der abgründig-tiefsten und traurigsten Weisen aus Bachs Feder in seinem gesamten Werk.

Die abstrakte Kontemplation, die viele Musiker beim Spielen empfinden, führt Wolfgang Steffel ins christlich Konkrete: Er interpre:ert das ursprünglich für Cembalo geschriebene Werk als Weg des Menschen durch Freude und Leid an der Seite des leidenden Jesus. Die schreitenden Motive werden als hoffnungsvolle Pilgerschaft zwischen Himmel und Erde ausgelegt, in der sowohl die Leiblichkeit des Menschen vor Gott als auch seine Geistesweite wertgeschätzt werden. Leitend ist ein Wort, das Bach in seine Bibel an einer Stelle zur Tempelmusik eintrug: „Bei einer andächtigen Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.“ Zwei Welten verbinden sich: Sphärisch entzogen und anhebend, aber auch geerdet und immer :efer sich verankernd. Gleich in der zweiten Variation nehmen wir das Schreiten des Erdenmenschen im Pendelschlag seiner begrenzten Lebenszeit wahr, dann und wann Ineinsfall von irdischer und göttlicher Pilgerschaft.

Die Goldberg-Variationen schrieb Bach (1685-1750) nach einer Anekdote für Johann Gottlieb Goldberg auf Wunsch dessen gräflichen Herren, „dass dieser dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte.“ Auf der sanfen Mandoline klingt diese ursprünglich für Cembalo geschriebene Musik exquisit. Im Terz-Kanon der Nr. 9 schaut man geradewegs in den Himmel - und freies Aufatmen unter seiner Weite. Wir sind nicht obdachlos. Über uns der „blaue Dom“, von dem Gottfried Keller spricht. Georg Trakl nennt den Himmel „geistliches Blau“. Ludwig Wittgenstein fordert auf, zu sich selbst zu sagen: „Wie blau der Himmel ist!“ Dieses Stück ist „lehrbuchhaft ausgeglichen“ (Arnold Werner-Jensen).

Vortrag und Tonbeispiele auf Mandoline: Dr. Wolfgang Steffel

Kosten: Eintritt frei

Ohne Anmeldung

Eine Teilnahme ist auch Online und per Telefon möglich.

Zugangsdaten über das Dekanat Ehingen-Ulm, 0731/9206010 und dekanat.eu@drs.de