Vortrag und Gespräch: "Religion und Politik oder: Weltgestaltung um der Freiheit willen"
Holger Zaborowski, Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, betrachtet am Donnerstag, 7. Mai, angesichts der aktuellen Krisen und Herausforderungen das komplexe Verhältnis von Religion und Politik.
Zaborowski hat zusammen mit Martin W. Ramb das Buch “Religion und Politik - Oder: Was Europa zusammenhält” herausgegeben. Im Interview erklärt er, welche aktuellen Entwicklungen auf das Verhältnis von Religion und Politik einwirken.
Herr Zaborowski, wieso ist die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik gerade jetzt relevant?
Wir leben in einem säkularen Zeitalter und in einem liberalen, weltanschaulich neutralen Staat. Daher ist es wichtig, Religion und Politik voneinander zu unterscheiden. Staat und Kirche sind getrennte Bereiche. Politische Macht wird nicht mehr religiös gerechtfertigt. Wenn sich trotzdem die Frage nach ihrem Verhältnis neu stellt, so gibt es dafür einen wichtigen Grund: Die Religion kann sehr gut dabei helfen, politische Macht zu rechtfertigen. Donald Trump weiß das sehr genau. Vermutlich ist er selbst nicht besonders religiös. Wenn er seine Präsidentschaft immer wieder in religiösen Begriffen deutet oder sich selbst als Jesus inszeniert, dann deshalb, weil die religiösen Ansprüche seine Macht verstärken. Umgekehrt suchen religiöse Führer auch die Nähe zur Politik. Das verleiht ihnen Macht und Bedeutung. Relevant ist diese Frage heute natürlich auch, weil Religion in vielen Staaten, die keine Demokratien sind, eine wichtige Rolle spielt – und weil diese “Vermischung”, wie die Beispiele Rußland und Iran zeigen, für die gesamte Welt Konsequenzen hat.
Welchen Beitrag kann die Religion in Zeiten der Krise der liberalen Demokratie leisten?
Religion ist mit Blick auf den politischen Bereich ein zutiefst ambivalentes Phänomen. Das merkt man in der aktuellen Krise der liberalen Demokratie besonders deutlich. Auf der einen Seite können religiöse Kräfte diese Krise verschärfen oder sogar hervorbringen. Es gibt in vielen Religionen eine Skepsis gegenüber der Moderne, gegenüber der Freiheit des Menschen und somit auch gegenüber dem liberalen Rechtsstaat. Aus dieser Perspektive kann die Krise der liberalen Demokratie sogar als Chance verstanden werden, um bestimmte Machtansprüche oder Wertvorstellungen, die nicht auf allgemeine Zustimmung stoßen, durchzusetzen. Das betrifft oft zum Beispiel ein bestimmtes Familienbild. Umgekehrt kommt, wenn Grundüberzeugungenen des freiheitlichen Rechtsstaates infrage gestellt werden, der Protest nicht selten auch aus religiösen Kreisen. Es gibt auch eine religiös begründete Kritik an Trump. Man denke nur an die jüngsten Äußerungen des Papstes.
Muss das Verhältnis zwischen Religion und Politik angesichts der aktuellen Krisen und Kriege neu austariert werden - und wenn ja, wie?
Ich denke nicht, dass das Verhältnis neu austariert werden muss – wenn damit gemeint ist, dass wir ein ganz neues Modell benötigen, um dieses Verhältnis zu bestimmen. Mit dem liberalen, demokratischen Rechtsstaat liegt ein gutes Modell vor. Zentral für dieses Modell ist die Einsicht in die Religionsfreiheit des Menschen – die auch die Freiheit von der Religion einschließt. Ein Staat, der diese Freiheit wie auch andere grundlegende Freiheiten, die Ausdruck in den Menschenrechten gefunden haben, anerkennt, entspricht am besten der Würde des Menschen. Übrigens erlaubt dieses Modell recht unterschiedliche Konkretisierungen. In Frankreich, Großbritannien oder Deutschland gibt es beträchtliche Unterschiede des Verhältnisses des Staates zu den verschiedenen Religionsgemeinschaften. Auch die Rahmenbedinungen verändern sich immer wieder. Heute wird man zum Beispiel in Europa viel mehr dem weltanschaulichen Pluralismus Rechnung tragen müssen als vor 40 oder 50 Jahren. In diesem Sinne ist es immer notwendig, das Verhältnis neu auszutarieren. Dass wir in Europa kein neues Modell benötigen, bedeutet aber auch nicht, dass alles in bester Ordnung ist. Gerade der liberale Rechtsstaat zeigt sich als äußerst gefährdet. Dass es ihn gibt, ist nicht selbstverständlich. Es ist notwendig, dass Bürgerinnen und Bürger sich für ihn aktiv einsetzen und dass man besonders wachsam ist und Kritik übt, wenn er konkret gefährdet ist.
Der Vortrag findet ab 19 Uhr im Heinrich-Fries-Haus in Heilbronn statt. Infos und Anmeldemöglichkeiten gibt es bei der Katholischen Erwachsenenbildung Stadt- und Landkreis Heilbronn.
