Bischof Dr. Gebhard Fürst: Der Status des Embryo 2001

Berlin

Mich leitet bei meinem Denken, Urteilen und Handeln in der Frage des Imports embryonaler Stammzellen die Überzeugung, dass der Embryo von Anfang an Mensch ist. Ich trete deshalb für den kategorischen Embryonenschutz ein.

Die Naturwissenschaftler, die ich ausdrücklich gefragt habe, bestätigen mir, dass mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle ein Mensch zu leben beginnt. Es gibt auch keine qualitativ nur annähernd gleichermaßen bedeutende Zäsur in der Entwicklung des Menschen. Von der Zeugung/Empfängnis bis zum Tod läuft ein Prozess ab. Die Information für einen ganzen Menschen, die erste Leiblichkeit und das Geschlecht sind vom Zeitpunkt der Zeugung und Empfängnis vorhanden. Nichts substantiell, entscheidend Neues kommt mehr hinzu. Der Prozess ist ein einheitlicher und kein abgestufter. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat dazu kürzlich mit großer Klarheit ausgeführt:

„Der Embryo ist also von Anfang an Mensch. Dies gilt von der Befruchtung an, die selber einen Prozess darstellt, der mit dem Eindringen eines Spermiums in die Eizelle beginnt und mit der Fusion der Zellkerne endet. Die Fertilisation selbst erfolgt als eine kontinuierliche Abfolge von Ereignissen. Das eine Ereignis ist Voraussetzung für die folgende Entfaltung. Die Biologen machen aufmerksam, dass es sich dabei um eine menschliche Wahrnehmung handelt, wenn man einen stufenmäßigen Prozess dahinter sieht: ‚Die Aufzählung der Einzelereignisse wird lediglich von unserer Beobachtungsgenauigkeit bestimmt. Wegen des stufenartigen Erscheinungsbildes aufeinanderfolgender Reaktionen hat man den ganzen Vorgang auch als 'Befruchtungskaskade' (H. M. Beier) bezeichnet. Es muss aber klar gesehen werden, dass die beschriebenen Stufen der Kaskade Ergebnis unserer begrifflichen Abgrenzungen, nicht aber der Wirklichkeit selbst sind. Jede 'Stufe' folgt kontinuierlich aus den vorausgegangenen Prozessen.‘ (G. Rager) Jedes Entwicklungsstadium geht kontinuierlich in das folgende über. Es gibt keinen Moment in der Entwicklung, an dem man sagen könnte, erst hier werde der Embryo zum Menschen.“[1]

Deshalb kann es auch keine Abstufung in der Zuerkennung von Menschenwürde und auch keinen abgestuften Anspruch auf Lebensschutz geben. Um der Klarheit willen müssen wir deshalb von ‚embryonalen Menschen‘ sprechen, statt von ‚werdendem Menschen‘ vom ‚Menschen im Werden‘. Deshalb halte ich es auch für eine Verschleierung, wenn vom Verbrauch der Embryonen gesprochen wird. Es geht nicht um den Verbrauch von Material oder von embryonalen Ressourcen, sondern um (Ab-)Tötung menschlichen Lebens. Die Würde des Menschen kommt allen Menschen zu, unabhängig von ihrem empirischen Status.

Stufen wir am Anfang Menschenwürde und Lebensschutz ab, werden wir auch am Ende des Lebens abstufen. Und wenn am Beginn und am Ende, dann auch in Extremsituationen während des menschlichen Lebens. Die Konditionierung des Lebensschutzes breitet sich auf alle Lebenssituationen aus. Konditionieren wir am Anfang und am Ende, dann konditionieren wir auch in anderen Situationen und Phasen des Lebens. Lebensrechte sind aber letztlich nur gegen Lebensrechte abwägbar (z.B. Notwehr).

Ich kann deshalb keiner verbrauchenden Embryonenforschung zustimmen, ebenso wenig der Erzeugung von Embryonen zu Forschungszwecken. Die ‚Nutzung von Überzähligen‘ wäre eine Bestätigung ihrer Existenz - nicht mehr aus Not, sondern als Gelegenheit. Und deshalb hat das Embryonenschutzgesetz hier eine Grenze gezogen.

Selbstverständlich lehne ich deshalb auch den Import von embryonalen Stammzellen ab. Das Embryonenschutzgesetz hätte damals diesen Import sicher nicht zugelassen, wäre diese Möglichkeit im Blick gewesen. Nach dem Geist des Embryonenschutzgesetzes kann es deshalb keine Empfehlung geben, die Gesetzes-‚Lücke‘ auszunutzen.

Ich halte es für wichtig, die Debatte über die embryonalen Stammzellen nicht punktuell zu führen. Wir müssen auch die sozialen und kulturellen Kontexte bedenken. Zur gegenwärtigen Mentalität gehört eine übermäßige Faszination der Technologie und der durch Technologie ermöglichten Machbarkeit alles Lebens. Gesundheit etc. nicht durch eigenes Verhalten, sondern durch technologische Verfahren.

Dies, ebenso wie andere bisher ungeahnte Möglichkeiten der Biotechnologien, weist uns mit großem Nachdruck darauf hin, dass der Stand der Naturwissenschaften uns heute einen Grad an Verfügungsmacht über die Natur, über die Tiere und uns Menschen in die Hand gegeben hat wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Dimension des Unverfügbaren, die wesentlich zur Würde des Menschen gehört, droht uns dabei aus dem Blick zu geraten. Mit dieser Dimension ist das angesprochen, was die Religionen die Dimension des Heiligen nennen. Verlieren wir diese Dimension, so liefern wir Menschen uns an uns selber aus. Wir werden unser eigener Gott. Erst der Respekt vor dem Heiligen oder Unverfügbaren sichert unser Menschsein und schützt vor der Selbstvergötzung.

Wir müssen diese Dimension des Nichtmachbaren wieder groß machen.

Der jüdische Philosoph Hans Jonas befasst sich in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" mit den Spannungen, Widersprüchen und Wunden der menschlichen Gemeinschaft. Er schreibt dort Sätze, die mir in unseren Zusammenhang zu weisen scheinen:

"Die Ehrfurcht allein, indem sie uns ein ‚Heiliges‘, das heißt unter keinen Umständen zu Verletzendes enthüllt (und das ist auch ohne positive Religion dem Auge erscheinbar) wird uns auch davor schützen, um der Zukunft willen die Gegenwart zu schänden, jene um den Preis dieser kaufen zu wollen.“[2]

Hellsichtig weist Jonas darauf hin, worauf es ankommt. Er fragt, ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen überhaupt eine Ethik haben können, welche die extremen Kräfte, die wir heute besitzen, zügeln könne. Er spricht die Ethik an und damit das Innere des Menschen, aus dem das Gute wie das Böse hervorgeht. Und er fordert die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen, und dem kann ich mich nur energisch anschließen.

Wichtig für die Argumentation scheint es mir zu sein, dass selbst Menschen, die nicht an Gott glauben, für diese die Humanität des Menschen sicherstellende Dimension des Unverfügbaren und Heiligen ein waches Sensorium haben. Albert Camus schreibt an einen Freund: "Ich glaube nicht an das künftige Leben, aber ich habe die Empfindung des Heiligen."[3]

Mir scheint, dass dagegen gerade der Verlust des ‚Heiligen‘ zu Machbarkeitswahn und Allmachtsphantasien führt.[4]

Dies hat nichts mit Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun. Die katholische Kirche unterstützt die Forschung an adulten Stammzellen oder das Arbeiten mit aus Nabelschnurblut gewonnen Stammzellen. Aber es muss erlaubt sein zu fragen, ob die Wissenschaft und die Forschung ohne jede Grundorientierung stattfinden kann. Die Menschenversuche im Dritten Reich an Untermenschen sind eine bleibende Warnung. Ausgerechnet Bert Brecht läßt in seinem Bühnenstück ‚Leben des Galilei‘ am Ende der Auseinandersetzungen mit der Kirche Galilei seinem Schüler beim Abschied sagen:

„Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Wenn Wissenschaftler, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Machthaber, sich damit begnügen, Wissen um des Wissens willen aufzuhäufen, kann die Wissenschaft zum Krüppel gemacht werden, und eure neuen Maschinen mögen nur neue Drangsale bedeuten. Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte."[5]

Der Aktualität dieser Szene ist heute nichts hinzuzufügen, im Gegenteil, wir sehen heute deutlicher in die Kluft hinein.

1] ‚Das Recht, ein Mensch zu sein. Zur Grundfrage der gegenwärtigen bioethischen Probleme‘, Eröffnungsreferat des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, Mainz, Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda, Pressemitteilung der DBK vom 28.09.2001, 6.


[2] Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt/M., 1979, 393.


[3] Albert Camus, Essais, Paris 1965, Bd. 2, 1923.


[4] Vgl. meine Presseerklärung zur Chimärenbildung in China: ‚Maßstäbe verloren‘, Schwäb. Tagblatt 20.9.2001, 31.


[5] Bertolt Brecht, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, II, Frankfurt/M. 1997, 104.