Vesperkirche

Ein offener Raum für alle

Vesperkirche in Ulm

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ ist das Motto der 25. Ulmer Vesperkirche. In festlicher Atmosphäre setzen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft an einen Tisch. Bild: Pavel Jerabek

Eine warme Mahlzeit und Begegnungen in festlicher Atmosphäre bietet die Ulmer Pauluskirche bereits zum 25. Mal.

Ein Töpfchen mit Primeln, umfasst von einer roten, orangen oder gelben Papiermanschette, schmückt jeden Tisch, der mit blütenweißer Tischdecke und blauer Serviette gedeckt ist. In einem zur Hälfte mit Sand gefüllten Glas flackert ein Teelicht, auf einem Tischkärtchen steht ein Gebet. Man isst in Gemeinschaft – mittags in der Ulmer Vesperkirche. Kaum dass ein ankommender Gast seinen Teller und die Salatschale abgestellt hat, eilt schon ein Mitarbeiter herbei, um ihm das leere Tablett abzunehmen. „Wir wollen eine festliche Atmosphäre haben“, erklärt der Organisator der Essensausgabe, Konrad Merz. Nichts soll an eine Kantine oder Mensa erinnern.

Einladend präsentiert sich die Pauluskirche an der Ulmer Frauenstraße. Der große säulenlose Raum der einstigen, 1910 fertiggestellten Garnisonskirche mit ihren Anklängen an Romanik und Jugendstil sowie den orientalischen Ornamenten steht für die Weltoffenheit, die sich Pfarrer Peter Heiter für die Kirche wünscht: „ein offener Raum für alle, ein Gemeinschaftsraum, in dem unterschiedlichste Menschen zusammenhelfen und am Leben teilhaben“. Mit der Vesperkirche, die von der evangelischen Paulusgemeinde getragen wird, setze sich das architektonische Konzept des Architekten Theodor Fischer (1862-1938) fort: „Kirche für die Welt zu sein“.

"Einsamkeit ist ein großes Thema"

Und diese Welt kennt viel Not, auch in Ulm: Obdachlosigkeit, Armut, Einsamkeit. Vor allem die Altersarmut nimmt Pfarrer Heiter als wachsendes Problem wahr und meint damit nicht nur materielle Armut. „Viele Menschen sind allein, Einsamkeit ist ein großes Thema“, weiß er. Zugleich legt Heiter Wert darauf, dass die Vesperkirche keine „Armenspeisung“ sei. „Wir wollen, dass sich hier die Gesellschaft abbildet.“ In der Tat seien die Gäste „gut durchmischt“, auch Geschäftsleute, Mitarbeiter aus der Verwaltung und Politiker zählen dazu. Es gebe wohl keine andere Einrichtung, wo sich in vergleichbarer Weise Menschen unterschiedlichster Herkunft und Lebensgeschichte wahrnehmen und miteinander ins Gespräch kommen, sagt der Pfarrer.

Etwa 500 Essen, an Spitzentagen sogar mehr als 600, werden jeden Tag ausgegeben, in den vier Wochen der Vesperkirche sind das insgesamt rund 13.000. Das Essen kommt aus der Küche des St.-Anna-Stiftes. Bereits zum vierten Mal kooperiert die Paulusgemeinde hier mit dem Alten- und Pflegeheim in Trägerschaft der katholischen Kirchengemeinde St. Georg. Darin und im Engagement der Ehrenamtlichen komme „das gute ökumenische Miteinander unserer Gemeinden auch in der Vesperkirche ganz selbstverständlich zum Ausdruck“, freut sich deren Pfarrer Dr. Michael Estler.

Rund 200 Frauen und Männer im Alter zwischen 17 und über 80 Jahren gehören zum Team der Ehrenamtlichen in der Ulmer Vesperkirche. Nach einem genauen Dienstplan helfen sie bei der Essensausgabe, am Infotisch und an der Kasse, beim Geschirreinsammeln, beim Getränkeausschank und am Kuchenstand.  „Es gibt unendlich viele Jobs, auch viele Aufgaben, die man nicht sieht“, sagt Siglinde Komarnycki, die Besuchergruppen betreut und seit Anfang an dabei ist. Zu diesen Aufgaben zählt das Abholen der Brot- und Lebensmittelspenden örtlicher Großbäckereien und Händler, aber natürlich auch der Dienst in der Spülküche und bei der Reinigung der Toiletten. „Oder denken Sie an die Tischdecken, die man einmal auf die richtige Größe bringen musste“, erinnert sich Komarnycki. „Viele, viele Meter Saum waren dafür nötig.“

Neben den Mahlzeiten – für den Abend können die Gäste eine Vespertüte erwerben – gibt es verschiedene Sonderdienste, die anonym und kostenlos angeboten werden, etwa Schuldner-, Rechts- und Wohnungslosenberatung, Kleiderkammer, Nähservice, Dienste von Caritas und Diakonie, Aids-Hilfe, Kinderbetreuung und sogar einen Friseurservice.

Immer anwesend ist auch ein Seelsorger. „Ich schaue, ob jemand alleine sitzt“, sagt etwa Pastoralreferent Niels Materne, der sich den Dienst während der Essenszeiten mit anderen Seelsorgern der katholischen, evangelischen und methodistischen Kirche teilt. Oft wird er aber, erkennbar am lila Schal, von Gästen der Vesperkirche angesprochen. „Die Leute sind neugierig, und schon ist man in einem Gespräch drin.“ Jeden Nachmittag wird auch eine Andacht angeboten.

Wir wollen nicht bejubelt werden und auch nicht in Jubel ausbrechen, dass es eine Vesperkirche braucht.

 

Mit ihrem 25-Jahr-Jubiläum hat Ulm - nach Stuttgart - die zweitälteste Vesperkirche in Württemberg. Freilich soll kein Jubiläum im üblichen Sinne gefeiert werden, sagt Pauluskirchenpfarrer Peter Heiter. „Wir wollen nicht bejubelt werden und auch nicht in Jubel ausbrechen, dass es eine Vesperkirche braucht.“ Für Unverständnis, Frust und Ärger sorgt hingegen die geplante Umsetzung einer EU-Reform in Deutschland. Wenn die Novelle vom kommenden Jahr an greift, muss die Vesperkirche Umsatzsteuer abführen – für eine Veranstaltung, die den Großteil ihrer Kosten in Höhe von 100.000 Euro über Spenden bestreitet, wäre das eine Mehrbelastung, „die ans Eingemachte geht“, wie Pfarrer Heiter sagt.

Trotzdem wollen die Verantwortlichen alles dafür tun, dass die 25. Ulmer Vesperkirche nicht die letzte ist. Denn für viele Helferinnen und Helfer zeigt sich in diesem Engagement eine wichtige Facette des Christseins. „Das ist Kirche“, sagt etwa Siglinde Komarnycki. „Wenn nicht hier, wo dann?“