Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt bei der Gebhardswallfahrt 2002

Bregenz, Gebhardsberg

Schrifttext: Sir; Lk 10,1-9

Liebe Namensgeschwister Gebhardas und Gebhards, liebe Schwestern und Brüder!

Nochmals begrüße ich Sie alle hier auf der Wallfahrt und möchte noch einmal sagen, wie ich mich freue, dass wir alle heute gemeinsam aufgebrochen und auf dem Weg sind!

Gerade haben wir im Evangelium gehört, wie Jesus auch eine große Gruppe von Menschen aussucht und in seinem Auftrag ‚in alle Städte und Ortschaften‘ aussendet. Der Text wechselt dabei ein wenig mit bildhafter, gleichnisartiger Erzählung und ganz konkreten Handlungsanweisungen. Hierbei fällt auf, dass Jesus zur Reise mit leichtem Gepäck rät, dass immer zwei gemeinsam gehen und dass sie unterwegs stets und mit gutem Gewissen angebotene Gastfreundschaft annehmen sollen. Übersetzen wir uns diese drei Reiseempfehlungen ein wenig, so lauten die: Beschwert euch unterwegs nicht mit unnötigem Ballast, konzentriert euch auf das Wesentliche und fangt diese Konzentration schon beim Gepäck an.

Tut nicht so, als ließen sich alle Eventualitäten eines Weges vorherplanen und vorbereiten, sondern übt ein Prinzip des Grundvertrauens schon beim ganz Alltäglichen ein. Zweitens verweist Jesus die Menschen aneinander, er will keine Einzelkämpfer und Solisten, sondern empfiehlt die Kooperation und gegenseitige Unterstützung als den christlichen Aktionsweg. Menschen, die für die Sache Jesu unterwegs sind, sind aufeinander an- und hingewiesen, und diese Methode setzt sich auch beim dritten Hinweis fort: Tut nicht so, als könntet ihr ein solches Unternehmen allein umsetzen, denkt um und nehmt angebotene Gastfreundschaft und Hilfe gerne an.

Und wenn ich es recht sehe, hängt diese Art und Weise auch schon erheblich mit dem Inhalt zusammen. Denn der Auftrag, mit dem die 72 ausgesendet werden, wird auch sehr konzentriert auf den Punkt gebracht. Da ist kein langes Programm, kein Riesenpapier, das mit auf den Weg gegeben wird. Nein, nur kurz: ‚Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe!‘ Als wäre es das Einfachste der Welt wird den Gesandten zugetraut, Heilung zu bringen. Und in der Tat ist der Auftrag so einleuchtend wie überzeugend. Denn wenn wir ihn von hinten lesen, heißt er doch: Das Reich Gottes ist euch nahe, ihr müßt es annehmen und verwirklichen. Reich Gottes fängt da an, wo Menschen einander als Geschwister annehmen, wo Menschen Fremdheit, Grenzen und Ausgrenzung überwinden und füreinander einladende Nähe anbieten.

Und wo aus Einsamkeit, Vereinzelung und Vergessen ein Miteinander, eine Gemeinschaft und ein Füreinander-Sorgen werden, da beginnt mitten unter uns Reich Gottes, da geschieht Heil, heilsame Nähe unter den Menschen. ‚Heilt die Kranken, die dort sind!‘ Liebe Schwestern und Brüder: Welche schlimmere Krankheit kann es für Menschen geben als Einsamkeit und dem Gefühl, ohne einander leben zu müssen?

Da ist die alte und gehbehinderte Frau, die alleingelassen in ihrem Zimmer sitzt und nur darauf wartet, dass der Tod sie endlich aus diesem Leben erlösen wird. Da ist der 55jährige Mann, der seinen Arbeitsplatz verloren hat, sich nun abgeschoben und nutzlos vorkommt und seine Einsamkeit tagtäglich im Alkohol zu vergessen versucht. Da ist die junge, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die von ihrem Mann verlassen wurde, als sich herausstellte, dass das jüngste Kind schwerbehindert ist. Die Frau droht so alleingelassen unter den vielen Aufgaben des Alltags erdrückt zu werden und verzweifelt. Sie alle kennen sicher andere Menschen und Situationen, in denen die Einsamkeit eine tödlich bedrückende Form des Unheils ist.

Liebe Schwestern und Brüder,

Reich Gottes fängt immer da an, wo wir es lernen und konkret verwirklichen, den anderen als Bruder und Schwester zu erkennen und dementsprechend miteinander und füreinander zu leben. Dieses Prinzip des Miteinander und Füreinander hat Jesus beispielhaft und konsequent vorgelebt, er hat damit angefangen und hat so die heilsame Nähe Gottes für die Menschen angebrochen. Wir können so handeln, daran läßt der Text überhaupt keinen Zweifel aufkommen.

Das Reich Gottes, die Erfahrung heilsamen Lebens ist nahe: Ihr müßt nur damit anfangen – und ihr müßt die anderen Menschen daran teilhaben lassen, müßt sie anstecken und mitreißen! Enttäuschungen und Rückschläge wird es sicher geben, das wird durchaus eingeräumt und im Evangelium immer wieder eingestreut. Jesus ist kein naiver, weltfremder Träumer. Aber die Grundtendenz ist eindeutig, die Zusage, dass sich das Reich Gottes, die heilsame Nähe Gottes unter den und für die Menschen letztlich unwiderstehlich durchsetzen wird. Die Zusage Gottes geht allem Handeln der Menschen und auch dem Auftrag an seine Botschafter voraus.

Dass selbst die große Gruppe eine vergleichsweise kleine Schar ist, bedeutet keinen Zweifel am Gelingen der Sache Jesu. Auch wenn konkrete Umstände manchmal schwierig sind, steht die Zusage doch fest, dass Zeit für die Ernte ist, dass das Feld bestellt, die Frucht reif ist und die Arbeit im Auftrag des Herrn beginnen kann. Dem Auftrag an die Menschen geht die Zusage immer schon voraus, der Ruf in die Nachfolge ist immer schon getragen vom gegebenen Wort Jesu. Deshalb können seine Botschafter auch froh und mit begründeter Hoffnung aufbrechen und die Sache Jesu übernehmen. Sie können sich getragen wissen von der Zusage, dass das Reich Gottes nah ist, und sie werden zum Aufbruch gedrängt, diese Frohbotschaft anderen Menschen weiterzusagen.

Liebe Schwestern und Brüder,

damit sind wir wieder beim Beginn der Überlegungen und den konkreten Tipps für die Reise. Auch wir sind heute unterwegs, aufgebrochen miteinander auf den Spuren des heiligen Gebhard, um uns miteinander darauf zu besinnen, was uns eigentlich in unserem Leben und Handeln trägt. Nicht zuletzt Heilige wie jener Bischof Gebhard im 10. Jahrhundert können dabei für uns zum Anstoß und zur heilsamen Erinnerung daran werden, uns auf den Grund unseren Glaubens zu besinnen. Und dabei können wir miteinander und füreinander entdecken, dass der Kern unseres Glaubens ganz einfach lautet: ‚Das Reich Gottes ist nahe!‘

Es wäre ein wunderbares Ergebnis unserer gemeinsamen Wallfahrt an die Orte des heiligen Gebhard, wenn wir so bereichert und angestiftet zurückkehren, dass wir an den vielen ‚Städten und Ortschaften‘, an denen wir jeweils leben, Menschen von der begeisternden Erfahrung dieser frohen Botschaft weitererzählen. Denn die Welt und die Menschen brauchen dieses Zeugnis unserer Hoffnung, sie brauchen die gelebte Kraft, mit der wir konkret und spürbar unheile Strukturen verwandeln und Menschen erfahren können, dass das Reich Gottes für sie nahe ist: 'Heilt die Kranken, die dort sind!' Gehen wir zu der alten, gehbehinderten Frau, zeigen wir dem 55jährige Arbeitslosen unsere Nähe, unterstützen wir die junge, alleinerziehende Mutter!

Wir können unsere Frohe Botschaft weitergeben und sind dazu, jeder und jede an seinem und ihrem Ort, aufgerufen! Und dieser Ruf ist getragen von der Zusage des nahen Reich Gottes unter den Menschen. Die Zusage läßt uns wirklich zu frohen Botschaftern werden, die Zeugnis von der Hoffnung geben, die uns bewegt. Oder, wie es die heutige Lesung so begeistert und zuversichtlich geschrieben hatte: ‚Jene aber sind die ehrwürdigen Menschen, deren Hoffnung nicht vergeht!‘

Amen.