Bischof Dr. Gebhard Fürst: Predigt beim Familientag mit Gehörlosen 2002

Stuttgart

Schrifttext: Mk 7,31-37

Liebe Schwestern und Brüder!

Viele kennen den Film ‚Gottes vergessene Kinder‘, der vom Leben einer gehörlosen Frau erzählt. Er zeigt ihr Leben an einer Schule für Gehörlose, an die ein junger Lehrer kommt. Beide verlieben sich und lernen dabei, die Welt des anderen anzunehmen. Der Film erzählt, wie die beiden dabei manches Mal scheitern: Es kommt zu Mißverständnissen, Verletzungen, Zorn und Wut auf beiden Seiten, wenn Verständigung nicht gelingen kann. Der Film rückte für einige Zeit das öffentliche Interesse auf Menschen, die in einer scheinbar abgeschiedenen Welt leben und ohne jede Chance auf Integration außen vor bleiben. Aber stimmt das wirklich, liebe Schwestern und Brüder, sind solche Menschen tatsächlich ‚Gottes vergessene Kinder‘?

Das heutige Evangelium verkündet seine Botschaft gegen den Titel des Films. Ich bin froh, dass wir in der konzentrierten Form, in der das Evangelium hier vorgetragen wurde, schon bei den Begriffen sorgfältiger sind. Denn es ist bei weitem nicht dasselbe, von taubstummen oder von gehörlosen Menschen zu sprechen. Der gedankenlose Begriff ‚taubstumm‘ grenzt Menschen aus, stempelt sie zu Außenseitern und drückt ihnen ein Makel auf. ‚Gehörlosigkeit‘ dagegen weist auf eine Behinderung hin. Er ist Auftrag, uns einander zuzuwenden, Mauern, die uns und den anderen behindern, abzubauen, um so gemeinsam leben zu lernen. Es ist daher richtige Verkündigung der Botschaft Jesu, wenn die Worte, die wir dazu wählen, sorgfältig und menschenfreundlich sind. Also wollen wir ab dem heutigen Tag richtig von Hörschädigung oder Gehörlosigkeit sprechen. Aber das Evangelium sagt noch viel mehr:

Jesus ging durch das Land‘: Er bleibt nicht im sicheren Raum, wo nichts passieren kann. Nein: Jesus bricht auf, geht zu den Menschen, wagt sich hinaus, er macht sich auf den Weg – und nur so macht er heilsame Begegnungen möglich.

‚Die Menschen brachten einen Gehörlosen.‘: Da sind Menschen, die nicht nur an sich selbst denken, sondern die wahrnehmen, wo es einem anderen fehlt und die sich seiner annehmen. Auch diese ‚Menschen‘ tragen dazu bei, dass Heilung möglich wird. Diese Mit-Menschen treten für den anderen ein, sie bitten Jesus für ihn und haben damit schon sehr viel getan. Behinderung fängt immer damit an, dass jeder nur an sich selbst denkt und den anderen gleichgültig seinem Schicksal überläßt. Eben dass geschieht hier nicht. Diese Menschen zeigen uns, was möglich ist, wenn Menschen sich öffnen für den anderen. Heil und Heilung fallen nicht vom Himmel, sondern geschieht da, wo Menschen einander als Geschwister wahrnehmen, die sich wechselseitig tragen und füreinander eintreten.

‚Jesus wollte mit dem Gehörlosen allein sein. Er sagte zu ihm: Ephata, das heißt, du sollst offen sein.‘ Hier ist das Zentrum des heutigen Evangeliums. Jesus will mit dem Gehörlosen allein sein, das heißt, er wendet sich ihm ganz zu, schenkt ihm seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Wie gut kennen wir das, dass wir kaum mal eine Minute für den anderen finden, der sie nötig hätte. Tausend Dinge zerren an uns, wir tun das eine und denken schon an das Nächste. Jesus zeigt uns: Heilung fängt so an, dass wir lernen, ganz da zu sein, uns Zeit zu nehmen für den anderen. Nur deshalb kann er ihn glaubwürdig einladen, offen zu sein, weil er selbst eben ganz offen für ihn und seine Not ist. Dann aber reicht es, nur dieses eine entscheidende Wort zu dem Menschen zu sagen: Ephata! Du sollst offen sein, öffne dich. Aufgehen soll, was verstopft ist, nicht nur das Ohr, der ganze Mensch. Schließ dich auf für das, was andere dir mitzuteilen haben, sei du auch aufgeschlossen für das, was die anderen von dir brauchen, nimm das wahr, was du den anderen Gutes tun kannst. Jesus schenkt die Fähigkeit zu hören, in Jesu heilsamer Nähe werden Menschen offen füreinander.

Und noch ein wichtiger Satz des Evangeliums: ‚Einige haben das Wunder begriffen und verstanden. Sie sagten: Gott hat alles gut gemacht.‘ Das ist die eigentlich frohe Botschaft des heutigen Tages: In Jesus Christus hat Gott sich geöffnet. Gott hört aufmerksam, was wir brauchen. Für unsere Not und Angst, unsere Freude und unser Leiden ist er offener Gott. Jesus ist Gottes Zusage an uns: Ich bin für dich da, deine Leiden, Schmerzen, deine Behinderungen trage ich mit dir. Weil wir das wissen, dass er immer ein offenes Ohr für uns hat, können wir füreinander offen sein, einander ganz annehmen und heilen, was uns und andere behindert.

Und so wird das Evangelium tatsächlich zur frohen Botschaft und widerlegt jenen Filmtitel, der uns einreden wollte, dass Gott in seiner Liebe einen Menschen vergessen habe. Nein: Gott ist in Jesus Christus offen für uns alle. Gottes Kraft geht alle Wege mit.

 

Amen.

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