Bischof Dr. Gebhard Fürst: Von Anfang an das Leben wählen statt auswählen 2002

Nachdem Prälat Claus Maier zur Präimplantationsdiagnostik Stellung genommen hat, kann ich mich auf die Frage der Stammzellenforschung konzentrieren, mit der ich mich - wie Sie wissen - als Vertreter der katholischen Kirche im Nationalen Ethikrat seit vielen Monaten intensiv beschäftige. Dieses Thema ist schon deshalb hochaktuell, weil nach dem Bundestagsbeschluss vom 30. Januar zum Import von Stammzell-Linien in diesen Wochen dazu ein neues Gesetz erarbeitet und verabschiedet wird.

Der Mensch: sein eigener Schöpfer?

Mir ist zunächst eine eindeutige Verständigung über unsere Sprache wichtig, weil die Worte, die wir verwenden, unser Denken spiegeln, aber zugleich auch unser Handeln beeinflussen.

Worüber sprechen wir also, wenn wir über menschliche embryonale Stammzellen reden? Wir sprechen von Zellen, Zelllinien, die aus menschlichen Embryonen gewonnen werden. Ich vertrete die Überzeugung, dass der Embryo von Anfang an Mensch ist. Der menschliche Embryo ist ein embryonaler Mensch. - Dies ist alles andere als eine naive Glaubenssicht der Dinge. Gerade die Naturwissenschaftler bestätigen, dass mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle ein Mensch zu leben beginnt. Es gibt auch keine qualitativ nur annähernd gleichermaßen bedeutende Zäsur in der Entwicklung des Menschen als die Konjugation der Gameten. Von der Zeugung/Empfängnis bis zum Tod läuft ein Prozess ab. Die Information für einen ganzen Menschen, die erste Leiblichkeit und das Geschlecht sind vom Zeitpunkt der Zeugung und Empfängnis vorhanden. Nichts substantiell, entscheidend Neues kommt mehr hinzu. Der Prozess ist ein einheitlicher und kein abgestufter.

Dieser Befund wird auch von der Rechtssprechung übernommen: Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts hat am 28. Mai 1993 in seinem Urteil zum Schwangeren-Familienhilfegesetz festgestellt, dass es sich beim ungeborenen Menschen "um individuelles, in seiner genetischen Identität und damit in seiner Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit bereits festgelegtes, nicht mehr teilbares Leben" handelt; dieses menschliche Leben entwickelt sich im Prozess des Wachsens und Sicht-Entfaltens "nicht erst zum Menschen, sondern als Mensch" (BVerfGE 88, 203). Der werdende Mensch ist ein Mensch im Werden.

Embryonale Stammzellen werden durch Abtötung von etwa fünf Tage alten Embryonen gewonnen, wie sie als Rest nach einer In-vitro-Fertilisation "anfallen", wenn sie nicht implantiert worden sind, oder durch das so genannte "therapeutische Klonen" gezielt hergestellt werden. Nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz von 1990 ist die Bildung solcher "überzähligen" Embryonen im Grunde ausgeschlossen, aber auch hierzulande werden durch die IVF "überzählige" Embryonen "produziert" und in Labors tiefkühlgelagert.

Mir ist es ganz wichtig, dass wir da klar sehen: Es geht um embryonale Menschen, eine ‚Vorstufe Mensch‘ gibt es nicht.

Weiterhin geht es mir darum, medizinische oder auch wirtschaftliche Motive und Interessen zu benennen:

Bei der künstlichen Erzeugung von Embryonen geht es sicher auch um die Erfüllung manches sonst unerfüllbaren Kinderwunsches. Aber das Interesse an der künstlichen Erzeugung geht weit darüber hinaus. Das Interesse der Forschung, den "Rohstoff Embryo" herzustellen, erschöpft sich aber auch nicht in der Absicht, möglicherweise in ferner Zukunft bisher unheilbare schwere Krankheiten heilen zu können. Von ungedeckten Heilungsversprechen abgesehen, wäre dafür die Forschung mit adulten oder tierischen Stammzellen nicht minder vielversprechend. Bei der künstlichen Erzeugung und Erforschung embryonaler Menschen wird vielmehr versucht, den Ursprung des menschlichen Lebewesens und das Werden des Menschen selbst in den Griff zu bekommen.

Doch seien wir achtsam gegenüber dieser Schallmauer, die einen absoluten Tabubruch markiert. Der Mensch schickt sich damit an, sein eigener Schöpfer zu werden. Damit wird ein Weg beschritten, der mit dem bisher gültigen, auch unserer Verfassung zugrunde liegenden Menschenbild nicht vereinbar ist. Hier wird ein neues, vom Glauben an die gentechnische Machbarkeit geprägtes Menschenbild entworfen. Heilen und Helfen mutieren zu einer neuen Qualität: das menschliche Leben wird verfügbar, manipulierbar und konstruierbar gemacht. Vielfach leitet die Vision des ‚perfekten Mensch‘ die biotechnologischen Manipulationen. Wie aber sieht die nüchterne Realität gegenüber dieser vermeintlichen Verheißung aus? Tatsächlich bleibt der Mensch ein Mensch mit einer allenfalls eingebildeten Allmacht, so dass hier eine ganz neue Abhängigkeit des Menschen vom Menschen und eine neue Unfreiheit und Ungleichheit entsteht, zudem auch mit unkalkulierbaren gesundheitlichen Gefahren - insbesondere für Frauen als "Rohstofflieferantinnen" der benötigten Eizellen (vgl. die Stellungnahme von Dr. Magda Telus).

Der Embryo: kein personales Leben?

Wenn der Mensch sich von Anfang an nicht zum Menschen, sondern als Mensch entwickelt, dann darf der Embryo nicht vom Schutz der Menschenwürde als oberstem Verfassungsprinzip ausgenommen werden. Unser ganzer Einsatz für Menschenrechte und Humanität beruht darauf, dass Menschen nicht verzweckt, verbraucht, instrumentalisiert oder vernichtet werden dürfen, auch nicht für vermeintlich hochrangige wissenschaftliche oder medizinische Zwecke. Menschen sind niemals bloß als Mittel zu gebrauchen, sondern immer als Selbstzweck zu achten. Embryonale Menschen zu einem Mittel für die Gewinnung von Forschungserkenntnissen zu degradieren, widerspricht zutiefst unserem Selbstverständnis als Menschen und untergräbt die Fundamente unserer Moral und Ethik.

Dagegen wird oft angeführt, dass ein Embryo im Stadium von einigen hundert Zellen ja noch nicht als Mensch oder zumindest nicht als "Person" gelten könne. Nur für Personen aber sei der Schutz der Menschenwürde anwendbar. Andere weisen auf die winzige Kleinheit der embryonalen Zellen hin, die mit bloßem Auge gar nicht sichtbar ist. Der bloße Augenschein lehnt es ab, solch unscheinbarem Lebensbeginn unbedingte Achtung entgegen bringen zu sollen.

Eine solche Argumentation ist freilich als Reduktionismus oder Naturalisierung des Embryos zurückzuweisen. Was sind das für Kriterien, von denen wir uns abhängig machen? Das Wesen wird nicht empirisch erkannt. Die Quantität ist kein Urteil über die Qualität. Aus einer gewissen Betrachtungshöhe erscheint auch der erwachsene Mensch augenscheinlich winzig: Kommt ihm deshalb keine absolut gültige und unabdingbare Menschenwürde zu? Auch der erwachsene Mensch ist biologisch gesehen bloß ein Säugetier. Was ihn vom Tier unterscheidet - Geist, Vernunft, Freiheit, Gewissen - ist von außen nicht empirisch wahrnehmbar. Dennoch gehen wir – auch im Lebensschutz-Artikel des Grundgesetzes - ganz selbstverständlich von dem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier aus.

Die Heiligkeit menschlichen Lebens

Um der Klarheit meiner Argumentation ist es mir wichtig herauszustellen, dass die Ablehnung von Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen nicht allein auf dem christlichen Schöpfungsglauben beruht, der in einer säkularen Gesellschaft keine Geltung beanspruchen könnte. In unserer gesamten Kultur haben wir ein umfassendes, ganzheitliches Verständnis des Lebens und des Menschen, das es heute angesichts der Reduzierungen und Halbierungen in den Biowissenschaften wiederzugewinnen gilt. Dabei ist menschliches Leben immer zugleich Gabe und Aufgabe. Von daher findet sich in der Ethik die grundlegende Unterscheidung zwischen gelungenem, gutem, gerechten und (deshalb) glücklichem Leben einerseits und verfehltem Leben andererseits. Es gibt gutes oder schlechtes, glückliches oder unglückliches Leben – nicht aber die Differenz zwischen genetisch perfektem und unperfektem Leben.

Wir berühren hiermit eine Dimension, die ich mit ‚Grenze des Unverfügbaren‘ bezeichnen möchte. Religionen meinen eben dies, wenn sie betonen, dass das Leben von Gott her Heiligkeit hat, insbesondere das menschliche, den Charakter einer fundamentalen Heiligkeit hat. Deshalb gilt der Anfang den Religionen als heilig, unantastbar und eben unverfügbar.

Von Pier Paolo Pasolini stammt das Wort: "Dass das Leben heilig ist, versteht sich von selbst; dieses Prinzip steht über dem Prinzip der Demokratie, und es erübrigt sich, darüber weitere Worte zu verlieren" (in: Freibeuterschriften, hrsg. von Peter Kammerer, Berlin 1978, S. 89). Das Leben des Menschen in seinem Anfangsstadium für die Forschung verfügbar zu machen, stellt insofern einen Tabubruch dar, den niemand hinnehmen kann, der sich noch ein Gespür für die Heiligkeit des Lebens bewahrt hat.