Hospiz

Die verstorbene Schwester läuft Schlittschuh am Himmel

Stuttgart Hospiz 2022 Foto: Dekanat Stuttgart

Am 10. Februar stellt der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst im Haus der Katholischen Kirche ihre Arbeit vor und steht für Gespräche bereit.

„Schaut mal, Suna war Schlittschuhlaufen“, ruft die sechsjährige Mayla, zeigt ihren Eltern Kondensstreifen am Himmel und denkt dabei an ihre verstorbene Schwester. „Wächst da ein neuer Papa, wenn wir ihn gießen?“, fragt der vierjährige Mattis seine Mutter am Grab seines Vaters. „Hab ich schon Flügel?“, will ein Mädchen wissen. Die Kleine weiß, dass sie bald sterben wird und glaubt fest daran, dass sie dann zum Engel wird. So unterschiedlich die Erfahrungen der drei Kinder sind, so haben sie eines gemeinsam: Der ambulante Hospizdienst Kinder und Jugendliche begleitet sie.

„Ein Kinderhospiz war für mich ein Ort, wo Kinder zum Sterben hingehen“, erzählt Annette Rückle, die Mutter von Mattis. Dass ambulante Hospizdienste auch für jene Kinder da sind, die einen nahen Angehörigen verloren haben, hat sie erfahren, als ihr Mann im Jahr 2019 starb. Ihr Sohn war damals elf Monate, ihre Tochter 17 Jahre alt und sie selbst wurde mit 42 Jahren Witwe. „Mein Sohn hat seinen Papa zwar noch kennengelernt, aber er kann sich nicht mehr an ihn erinnern. Mattis stellt sehr viele Fragen. Geschultes Personal kann ihm langfristig anders helfen als ich und ihn auf seinem Lebensweg begleiten“, ist sich Annette Rückle sicher. Ihr ist wichtig, dass ihr Sohn mit dem Hospiz St. Martin eine Anlaufstelle hat, wo er seine Fragen loswerden kann, zum Beispiel mit anderen Kindern beim Zirkus Martinelli.

Mitmachzirkus für die Kleinen und Zirkus-Café für die Großen

Bevor der Zirkus Martinelli startet, darf eines der Kinder eine Kerze anzünden. „Wir denken dabei an die Menschen, die uns fehlen und die wir im Herzen haben“, sagt Judith Rubröder vom ambulanten Hospizdienst für Kinder und Jugendliche. Nach der Einstiegsrunde dürfen die Kleinen mit Tüchern jonglieren, auf einem Seil turnen und mit Diabolos spielen. Besonders beliebt sind akrobatische Übungen. „Die Kinder lernen, sich gegenseitig zu tragen, aufeinander zu bauen und sich fallen zu lassen“, so Judith Rubröder. „Dabei erfahren sie Gemeinschaft und Stärkung, ohne die eigenen Ängste und die eigene Trauer explizit thematisieren zu müssen.“ Während die Kleinen turnen, tauschen sich die Eltern im Zirkus-Café aus. „Da gibt es gute Denkanstöße, wie man mit Problemen umgeht. Ich empfinde das als sehr, sehr wertvoll“, sagt Annette Rückle. Sie besucht außerdem die Trauergruppe für junge Verwitwete, die von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden geleitet wird. Auch hier kann sie sich mit anderen Betroffenen austauschen. „Der Tod beendet etwas und das Leben der Angehörigen geht weiter. Der Moment, in dem ich meinen Mann verloren habe, veränderte alles.“ Ihr ist es wichtig, mit der Trauer und den Herausforderungen als Verwitwete und Alleinerziehende nicht allein zu bleiben.

Wenn die kleine Schwester stirbt

Khalid Omer erinnert sich noch genau an den Tag im Oktober 2018, als bei seiner zweijährigen Tochter Suna ein Hirnturmor diagnostiziert wurde. Operationen und Reha-Aufenthalte folgten. „Es war eine surreale Situation, auf einer Intensivstation zu leben. Mayla, damals drei Jahre alt, ist mit dem Laufrad die Krankenhausgänge entlang gesaust, während Suna im Krankenbett lag.“ In ihr Kinderzimmer ist Suna nicht wieder zurückgekehrt. Ein halbes Jahr später, am 31. März 2019, starb sie. Für die Eltern ein Schock, auch Mayla wollte es nicht wahrhaben. „Sie hat Sunas Hand genommen, eine Winkbewegung gemacht und gesagt: ‚Kuck mal, die winkt noch‘. Dann hat sie ihr für die Reise ein Stück Spielzeug-Holzkuchen auf die Schulter gelegt“, erinnert sich Khalid Omer. Als die Familie nach einem halben Jahr wieder nach Hause zurückkehrt, ist nichts mehr wie vorher. „Ganz schlimm war, die Stille auszuhalten“, sagt Khalid Omer. Schnell begannen er und seine Frau sich ein Helfernetzwerk aufzubauen und zu einem monatlichen Treffen für verwaiste Eltern zu gehen. „Der Austausch ist extrem hilfreich, weil man merkt, dass man nicht allein ist“, so Khalid Omer. „Unser großes Glück war, dass wir noch mal Eltern geworden sind. Unsere Tochter Yara ist kein Ersatz für das verstorbene Kind, aber sie bringt das Lachen zurück.“ Mit dem ambulanten Hospizdienst für Kinder und Jugendliche in Degerloch hatte die Familie erstmals Kontakt, als Suna im Krankenhaus war.

Bis zum Tod und darüber hinaus

„Die Familien bestimmen, wie lange sie uns brauchen. Wir sind bis zum Tod und darüber hinaus da“, sagt Judith Rubröder. Gerade bei Kindern seien die Themen Tod und Trauer sehr symbolhaft. „Manchmal sind wir auf der Dachterrasse und schicken Seifenblasen in den Himmel, mal verbuddeln oder verbrennen wir etwas“, so Judith Rubröder. Ihr ist es wichtig, Kindern Halt zu geben und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. „Für Kinder ist es so schwierig, wenn man mit ihnen nicht über den Verlust redet. Die Trauer muss einen Namen bekommen und darf ausgesprochen werden.“

Tag der Kinderhospizarbeit am 10. Februar im Haus der Katholischen Kirche

Am Freitag, 10. Februar, stellt der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst im Haus der Katholischen Kirche (Königstraße 7) von 11 bis 17 Uhr seine Arbeit vor. Vor Ort sind haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende, die Auskünfte über die Kinderhospizarbeit geben und für Gespräche bereitstehen. Der Tag der Kinderhospizarbeit findet jährlich am 10. Februar statt. Er wurde 2006 vom Deutschen Kinderhospizverein e. V. ins Leben gerufen.

Angebote für jedes Alter

Der Zirkus Martinelli ist eines der Angebote des Kinder- und Jugendhospizdienstes. Weitere Informationen zu den Angeboten für Kinder und Jugendliche finden sich unter https://www.hospiz-st-martin.de/unser-angebot/ambulantes-hospiz-kinder-und-jugendliche

Der ambulante Hospizdienst für Kinder und Jugendliche ist eine Kooperation des katholischen Hospizes St. Martin und dem Malteser Hilfsdienst.

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