Demokratie

Gedenken an einen Wegbereiter der Demokratie

Gedenken an einen Wegbereiter der Demokratie

Mit großem Interesse ließen sich Bischof Fürst (re.) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (li.) durch das Wohnhaus von Matthias Erzberger führen.

Bischof Fürst hat gemeinsam mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Geburtsort von Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen besucht.

Erzberger wurde vor 100 Jahren von rechtsnationalen Terroristen ermordet. Der Zentrumspolitiker war einer der ersten Kämpfer für demokratische Strukturen und prägte die Anfangsphase der Weimarer Republik. Seine Unterschrift unter den Waffenstillstandsvertrag beendete den 1. Weltkrieg.

Neben dem Ministerpräsidenten und dem Bischof waren auch der Münsinger Bürgermeister Mike Münzing und die Leiterin des Hauses der Geschichte, Professorin Dr. Paula Lutum-Lenger, vor Ort. Im Jüdischen Museum spielte die Theatergruppe „Einzigartig“ der Bruderhaus Diakonie Münsingen Szenen aus dem Leben Erzbergers nach. Danach ging es in Erzbergers Geburtshaus – seit 2004 eine vom Haus der Geschichte Baden-Württembergs gestaltete Gedenkstätte. Im Anschluss besuchten die Gäste den Jüdischen Friedhof. Sie gedachten so anlässlich des Festjahres „1700 Jahre jüdischen Leben in Deutschland“ auch der jüdischen Vergangenheit des Dorfes.

Erzbergers Engagement bis heute aktuell

In Buttenhausen verbrachte Erzberger seine ersten Lebensjahre. Bischof Fürst würdigte seine zentrale Rolle für die Demokratie: „Matthias Erzberger hat sich immer für demokratische Werte eingesetzt. Er hat die soziale Frage ernst genommen und mich beeindruckt seine Gabe, auch in schwierigen Zeiten zu seiner Überzeugung zu stehen. Ohne ihn wären unsere demokratischen Strukturen schwer vorstellbar“, so der Bischof. Ministerpräsident Kretschmann ging auf die heutigen Tendenzen v.a. aus rechten Kreisen ein, die die Demokratie in Frage stellten. „Erzberger ist ein großes Vorbild, ein Mann, der viel Mut hatte“, sagte der Ministerpräsident. Nicht jeder könne so viel Mut aufbringen, aber mit Zivilcourage die Demokratie verteidigen, das sei Aufgabe jedes Einzelnen.

Erzbergers Einsatz für Demokratie und Freiheit ist bis heute aktuell, was der Besuch von Ministerpräsident Kretschmann und Bischof Fürst unterstrich. Beide gedachten dem Politiker, der zur Hassfigur der politisch Rechten geworden, am 26. August 1921 in Bad Griesbach erschossen wurde. 

Erzberger wuchs in einfachen Verhältnissen auf, arbeitete sich allerdings schnell in der württembergischen Zentrumspartei hoch und wurde 1903 als bis dahin jüngster Abgeordneter in den Reichstag gewählt. Der Münsinger Bürgermeister Münzing berichtete, dass der junge Mann von der Schwäbischen Alb im Deutschen Reich schnell durch seine Hartnäckigkeit und sein Redetalent bekannt wurde. Durch seine Beharrlichkeit hat er einen Korruptionsskandal in den deutschen Kolonien in Afrika aufgedeckt und sich stets für die Rechte des Parlaments eingesetzt. Antirepublikanische Kreise erklärten ihn deshalb früh zum Feind. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs und seiner anfänglichen Begeisterung dafür, kämpfte Erzberger ab 1917 für einen Verständigungsfrieden. Er übernahm die Verantwortung und unterschrieb im Eisenbahnwagen von Compiègne am 11. November 1918 den Waffenstillstandsvertrag. Im Anschluss trat er für die Annahme des Versailler Vertrags ein.

Die politisch Rechten riefen danach teilweise sogar öffentlich zu Erzbergers Ermordung auf. Als Reichsfinanzminister der jungen Weimarer Republik brachte der Zentrumspolitiker nach wenigen Monaten eine umfangreiche Steuerreform auf den Weg. Auf ihren Grundzügen beruht noch heute das Steuersystem in Deutschland.

Erzbergers Religiosität spiegelte sich in seiner Auffassung von Politik wider: Er versuchte stets, sich für die Schwachen einzusetzen und den Bedürftigen zu helfen. Zu seiner Beisetzung in Biberach kamen 30.000 Menschen – darunter auch der damalige Rottenburger Bischof Joannes Baptista Sproll.

Die Erinnerungsstätte in Buttenhausen

Die Erinnerungsstätte Matthias Erzberger findet sich in der Mühlsteige 21, 72525 Münsingen-Buttenhausen. Die Öffnungszeiten sind von April bis Oktober: sonn- und feiertags von 13 bis 17 Uhr. Nach Voranmeldung ist für Einzelbesucher von November bis März sowie für Gruppen eine Besichtigung auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich. 
Der Eintritt kostet 2 Euro, für Kinder und Jugendliche ist er frei. Gruppen ab 11 Personen: 20 €. Statt Führungen stehen Audioguides zur Verfügung.

Weitere Informationen erhalten Interessierte beim Münsinger Museumsleiter und Stadtarchivar Yannik Krebs unter Telefon 0 73 81 / 18 21 15 und per Mail: stadtarchiv(at)muensingen.de